Von Cai Tore Philippsen, Peking
13. August 2008 Ihre erste Mission in Peking hatten die deutschen Wasserballer schon erfüllt, bevor sie das erste Mal ins Becken des Yingdong Natatoriums sprangen. Aufmerksamkeit wollen sie bei den Olympischen Spielen erregen, damit ihr Sport ein wenig aus der Nische herauskommt. Das gelang gleich bei der Eröffnungsfeier. Zwei Spieler marschierten mit einem aufgeschnittenen Wasserball auf dem Kopf in die Arena, die Fotografen freuten sich, und das Bild vom gutgelaunten deutschen Wasserballer wurde in die Heimat transportiert.
Wer der eine Frechdachs war? Stamm heißt er. Nicht Hagen, sondern Marko. Er ist der Sohn des Bundestrainers und legendären Nationalspielers der achtziger Jahre, Hagen Stamm. Wir glauben, dass ein bisschen gute Laune nicht schadet, urteilt der Vater milde. Ohne Spaß kann man kein Wasserball spielen. Hagen Stamm muss es wissen. Niemals wieder Wasserballer und Schwimmer in einem Haus im Olympischen Dorf unterbringen - das war die Lehre der Spiele von Los Angeles 1984, als das feierfreudige Team mit Stamm Bronze gewann und so mancher Schwimmerin den Kopf verdrehte.
Die Stimmung war gleich eine andere, als wir gekommen sind
In Peking sind seine Spieler in ein Haus ausschließlich mit Mannschaftssportlern gezogen (Die verstehen uns.). Ihr Ruf eilte ihnen voraus. Die Stimmung war gleich eine andere, als wir gekommen sind, erzählt Stamm. Doch auch wenn sich Trainer und Spieler gern als sprücheklopfende Gute-Laune-Truppe präsentieren, ihre Leistungen müssen sich die Athleten in der neben Eishockey anstrengendsten Mannschaftssportart hart erarbeiten.
Seine schwierigste Situation hatte der Bundestrainer schon im heimischen Berlin zu überstehen. Der Arzt der deutschen Olympiamannschaft, Wilfried Kindermann, hatte die schlimme Nachricht überbracht, dass der Herzfehler von Steffen Dierolf jeden weiteren Einsatz in der Nationalmannschaft unmöglich machen würde. Das kranke Herz war zwar bereits im Jahr 2000 entdeckt worden, doch das Problem hatte sich nun dramatisch verschärft. Professor Kindermann verhängte ein sofortiges Sportverbot. Eine Operation ist unumgänglich.
Nun musste der Bundestrainer und Vater entscheiden, ob er seinen Sohn mit nach Peking nimmt. Zuvor hatte er ihn nicht nominiert. Sollte ich ihn dafür bestrafen, dass ich sein Vater bin, oder ihn dafür belohnen, dass er ein guter Spieler ist?, habe er sich drei Wochen vor den Olympischen Spielen gefragt. Hagen Stamm entschied sich für die Belohnung, auch weil sein Sohn wie Steffen Dierolf ein schneller Konterspieler ist und dessen Lücke füllen kann.
Als Vater bin ich mit meinem Sohn natürlich besonders streng
Und der Sohn macht seine Sache gut. Er hat weniger Fehler gemacht als die anderen, sagte Hagen Stamm nach dem schwachen 6:5 (0:2, 5:2, 0:0, 1:1) gegen Gastgeber China am Dienstag. Als Vater bin ich mit meinem Sohn natürlich besonders streng. Das bestätigt Marko gerne: Streng, aber gerecht. Noch ist der Neunzehnjährige vom deutschen Serienmeister Wasserfreunde Spandau in der Nationalmannschaft nur Ergänzungsspieler. Aber er hat den großen Vorteil, dass er einen Vater hat, der besser als jeder andere auf der Welt weiß, welches Potential er noch hat.
Auch bei der 7:11-Auftaktniederlage gegen die übermächtigen Serben hatte es schon ein Lob gegeben. Dass er besonders kritisch beobachtet werde, sei ihm klar, sagt Marko Stamm. Besondere Sorgen scheint ihm das aber nicht zu bereiten. An einem ausgeprägten Selbstbewusstsein mangelt es dem Sohn trotz gerade einmal 14 Länderspielen ebenso wenig wie seinem Vater. Wasserball spielen durfte er erst mit zwölf Jahren, vorher musste Marko ohne Ball ins Wasser. Dafür hatte seine Mutter, die Schwimmtrainerin Renate Stamm, gesorgt.
Eine Art Franz Beckenbauer am Beckenrand
Ob Marko Stamm einmal zu einer Legende seines Sports werden kann wie sein Vater, ist noch offen. Hagen Stamm gewann neben Olympia-Bronze zwei Europameisterschaften (1981 und 1989) und wurde bei der Weltmeisterschaft 1982 Dritter. In 323 Länderspielen für Deutschland gelangen ihm 750 Tore. Seine Mission heißt Wasserball (Dieser Sport verbessert den Charakter). Er predigt die Attraktivität des Sports und beklagt die Ignoranz der Medien in Deutschland. Als die deutschen Wasserballer sich 2000 nicht für die Spiele in Sydney qualifizieren konnten, Fördergelder und scheinbar jegliche Perspektive fehlten, ließ sich Hagen Stamm überreden, Nationaltrainer zu werden.
Eine Art Franz Beckenbauer am Beckenrand. Vier Jahre später feierte das deutsche Team mit Platz fünf in Athen eine überraschende Wiederauferstehung. In Peking sind die Ziele schon wieder bescheidener. Unter die ersten Acht zu kommen, hat der 48 Jahre alte Nationaltrainer als Ziel ausgegeben. Im Olympischen Dorf ist das Zimmer von Marko Stamm übrigens genau neben dem seines Vaters. Der wird schon wissen, warum.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa