Von Cai Tore Philippsen, Peking

Am Ende seiner großartigen Karriere? Andreas Dittmer glaubt nach der olympischen Enttäuschung nicht mehr an ein Comeback
22. August 2008 Die letzten 1000 Meter seiner Karriere hatte sich Andreas Dittmer ganz anders vorgestellt. Wenn es schon keine Triumphfahrt mehr werden würde, so wollte der dreimalige Canadier-Olympiasieger nach siebzehn Jahren an der Weltspitze zumindest mit einer Medaille abtreten. Zwar hatte sich schon in den Vorläufen und Semifinals auf der Kanu-Strecke im Shunyi-Park von Peking abgezeichnet, wie schwer dieses Ziel für den Sechsunddreißigjährigen noch zu erreichen sein würde.
Doch dass das olympische Finale über 1000 Meter am Freitag für ihn zu einem Fiasko werden sollte, damit hatte niemand gerechnet. Dittmer kam mit über sieben Sekunden Rückstand als Achter von neun Teilnehmern ins Ziel. Ein unwürdiges Ende einer einmaligen Laufbahn.
Gegen die jüngere Generation hatte Dittmer keine Chance mehr
Das hat er nicht verdient, ich hätte ihm eine Medaille gegönnt, sagte der Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV), Olaf Heukrodt, der 1988 selbst Gold im Canadier-Einer gewinnen konnte. Der Goldmedaillengewinner von 2008, Attila Vajda, und das Feld hatten Andreas Dittmer schon am Start abgehängt. Ich bin ganz schön enttäuscht und ärgerlich, das war schon eine harte Niederlage, sagte Andreas Dittmer, der sich mit seinem einst von den Gegnern gefürchteten Schlussspurt nur noch vom Letzten auf den Vorletzten Platz verbessern konnte.
Silber ging an den Olympiasieger von Athen, David Cal aus Spanien, Bronze gewann der Kanadier Thomas Hall. Vajda und Cal sind fünfundzwanzig Jahre alt, Hall sechsundzwanzig. Der zehn Jahre ältere Dittmer hatte gegen diese Generation in Peking keine Chance mehr. Das tut im Kopf noch mehr weh als im Körper, gab Dittmer später zu, dabei habe ich gerade bei Olympia so viele schöne Momente erlebt.
Ich habe mich hier nie wohl gefühlt
Vor allem der ständig wachsende Rückstand während des Rennes war schwer für den Neubrandenburger zu verkraften. Als die Medaillengewinner schon jubelten, musste er mit seinem Stechpaddel noch immer einige Meter zurücklegen. Im Ziel verharrte der 1,83 Meter große Modellathlet dann eine kleine Ewigkeit wie versteinert über sein Paddel gebeugt. Bereits der Weg in das letzte Finale war eine Quälerei.
Ich habe mich hier nie wohl gefühlt und nie zu meiner Form gefunden, sagte Dittmer. Die Erkältung, die ihn seit einer Woche belastet, wollte er aber nicht als Entschuldigung anführen. Auch die große Belastung mit Starts über 1000 und 500 Meter ließ er nicht als möglichen Grund seines Scheiterns gelten. Nach dem Teilerfolg im 1000 Meter Halbfinale habe er gedacht, jetzt geht es doch noch bergauf.
All die Entbehrungen - nicht noch einmal
Über 500 Meter hatte seine Kraft dann aber im Halbfinale wieder nicht mehr für einen Platz im Endlauf gereicht. Dabei hatte gerade der unerwartete Sieg auf der kurzen Distanz die Spiele von Athen vor vier Jahren nach dem verpassten Gold über 1000 Meter doch noch zum großen Erfolg gemacht. Das geht nun nicht mehr. Der zweite Finaltag findet ohne Dittmer statt, wie von nun an jeder Finaltag.
Ich werde noch ein, zwei Nächte darüber schlafen, aber auf der großen Bühne war es das letzte Rennen, sagte er. Doch eigentlich ist der Entschluss schon gefallen: Nicht noch einmal all diese Entbehrungen. Die hatte er in der Vorbereitung auf Peking auf sich genommen, alle nervenden Termine abgesagt und sich voll auf Olympia konzentriert - alles vergebens.
Der Ausklang der Karriere auf Hawaii und in Kanada
Ein Wettkampf in Kanada und ein fünfeinhalb Stunden langes Rennen im Outrigger-Kanu zwischen zwei hawaiianischen Inseln, das hat er sich als Ausklang der Karriere noch vorgenommen. Seinem Sport will Dittmer aber auch in Zukunft verbunden bleiben, in welcher Rolle verriet er allerdings nicht. Vollkommen überraschend kam das traurige Ende aber nicht. Die jüngere Konkurrenz hatte dem Deutschen in den vergangenen Jahren arg zugesetzt. Zuletzt hatte Dittmer 2005 bei der Weltmeisterschaft alle bezwungen.
Dennoch ist ein Blick auf die Statistik beeindruckend: Als einziger Canadier-Fahrer gelangen ihm drei Olympiasiege in Serie. Bei Sommerspielen und internationalen Meisterschaften gewann er seit 1991 insgesamt 42 Medaillen. Dittmer galt vor den Spielen als Favorit für die Rolle des Fahnenträgers der deutschen Mannschaft bei der Eröffnungsfeier, doch der Deutsche Olympische Sportbund entschied sich für den populäreren Dirk Nowitzki.
Leider bleibt auch die Erinnerung an heute
In Zukunft will sich Andreas Dittmer nur noch an die schönen olympischen Momente erinnern. Als meine Schwester mir in Sydney nach meinem Sieg noch im Wasser die Fahne gebracht hat, oder ich in Athen im letzten Moment noch Silber über 500 Meter in Gold ummünzen konnte. All das bleibt, aber leider auch die Erinnerung an heute, sagte er und gleichzeitig begann ein paar Meter weiter der Jubel über die erste deutsche Goldmedaille des Tages.
Text: FAZ.NET
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