Fed in der Zwickmühle

Das Gespenst der Stagflation

Von Gerald Braunberger

11. November 2007 Die kommende Wochenmitte könnte für die weitere Entwicklung an den Finanzmärkten entscheidend werden. Am Mittwoch wird das amerikanische Arbeitsministerium Zahlen über die Entwicklung der Erzeugerpreise vorlegen, denen sich am Donnerstag die Veröffentlichung der Verbraucherpreise anschließen wird. Sollten diese Daten für eine ungebührlich hohe Inflation in den Vereinigten Staaten sprechen, dürfte dies die Finanzmärkte in Unruhe versetzen.

„Die Sorge, dass das Stagflations-Gespenst wiederkommt, ist da“, fasst Steffen Neumann von der Landesbank LBBW die Lage zusammen. Stagflation - so heißt ein Gespenst aus den siebziger Jahren, das für immer verschwunden schien. Es ist ein aus den Wörtern „Stagnation“ und „Inflation“ zusammengesetzter Kunstbegriff, der eine Situation schwachen Wirtschaftswachstums und hoher Inflation beschreibt. In der Nachkriegszeit wurde sie zum ersten Mal nach der Ölkrise in den siebziger Jahren beobachtet.

Wegen Inflationsgefahr: Vorerst keine Zinssenkungen

Seinerzeit stiegen in vielen Ländern - Deutschland mit der Bundesbank war eine Ausnahme - die Inflationsraten deutlich, weil die Regierungen lange fürchteten, durch eine straffe Geldpolitik ihre Volkswirtschaften in eine Rezession stürzen zu lassen. Wirklich besiegt wurde die Inflation erst in den achtziger Jahren. An den Finanzmärkten macht sich nun die Furcht breit, dass die amerikanische Zentralbank (Fed) in eine Zwickmühle gerät.

Obgleich ihr Vorsitzender Ben Bernanke nach der jüngsten Senkung der Leitzinsen deutlich machte, dass in absehbarer Zeit wegen der Inflationsgefahren keine weitere Zinssenkung zu erwarten sei, gehen viele Finanzmarktteilnehmer dennoch von einer weiteren Ermäßigung des Leitzinses bis zum Jahresende aus. Ihr Kalkül lautet, dass eine mögliche Ausbreitung der Finanzmarktkrise und deutliche Zeichen für einen Rückgang des Wirtschaftswachstums die Fed veranlassen müssten, ihren Lockerungskurs fortzusetzen. Die Politik der Fed bestehe seit Jahrzehnten im Grunde in einer indirekten Steuerung der Konsumausgaben durch Zinsänderungen, weil der Anteil der Konsumausgaben am Bruttoinlandsprodukt sehr hoch sei.

Amerikanische Wirtschaft kurz vor der Rezession?

Sollte eine Zunahme der Inflationsgefahren der Fed den Weg zu weiteren Zinssenkungen versperren, könnte die amerikanische Wirtschaft in eine schwere Krise geraten, heißt es bei einer Investmentbank. „Kurz vor oder sogar schon in einer Rezession“ sieht der Vorstandsvorsitzende des Baumaschinenherstellers Caterpillar, Jim Owens, die Vereinigten Staaten. Auch George Soros wähnt das Land „am Rande einer ernsthaften ökonomischen Korrektur.“ Zusätzliche Wertberichtigungen auf Kredite und Wertpapiere, wie sie in der vergangenen Woche die Bank Wachovia und Morgan Stanley angekündigt haben, belegen, dass die Finanzmarktkrise keineswegs abgeschlossen ist.

Weiterer Ärger droht, weil einige Märkte für hochspezialisierte Wertpapiere derzeit mangels Anbieter und Nachfrage überhaupt nicht existieren. Daher haben Banken, die solche Wertpapiere besitzen, zurzeit auch keine genaue Vorstellung über den Wert ihrer Positionen. Denn ohne Markt gibt es keinen Preis. Zurzeit wächst die Furcht, dass nach dem Markt für Immobilien als Nächstes der Markt für Kreditkarten in den Vereinigten Staaten in die Krise geraten könnte. Dass sich das Wirtschaftswachstum abschwächen wird, hat Bernanke bereits vorausgesagt. Wie es konkret aussieht, werden in den kommenden Tagen die Konjunkturdaten verraten.

Verschärfung der Krise könnte Dollar schwächen

Zum Wochenanfang kommen Zahlen zum Einzelhandel, und für den Freitag sind Daten zur Industrieproduktion vorgesehen. Aufschluss über den Konsum könnten die Quartalsberichte der großen Handelsketten WalMart und Home Depot liefern. Ansonsten neigt sich in den Vereinigten Staaten wie in Europa die Quartalssaison allmählich ihrem Ende zu. Eine Verschärfung der Krise in den Vereinigten Staaten könnte den Dollar weiter schwächen.

Sogar ein Dollar-Optimist wie Stephen Jen von Morgan Stanley hält bis zum Jahresende einen Kurs von 1,51 Dollar je Euro für möglich; allerdings sieht er langfristig eine Erholung der amerikanischen Währung, die bis Jahresende 2008 den Kurs auf 1,35 Dollar fallen lassen könnte. „Wenn die gegenwärtige Lage von den Vereinigten Staaten und Europa nicht angemessen behandelt wird, könnte aus dem kontrollierten Rückgang des Dollarkurses ein sehr viel gewalttätigeres Ereignis werden“, schreibt Jen, der von den Regierungen und Zentralbanken deutlichere Worte gegen die Dollarschwäche verlangt und - wenn die Worte nichts fruchten sollten - für koordinierte Interventionen der Zentralbanken plädiert.

Deutscher Aktienmarkt noch ohne Wall Street-Einfluss

Jen erwähnt einen interessanten Punkt, wenn er die übliche Rhetorik der Zentralbanken und Regierungen kritisiert, die Chinesen wegen des hohen amerikanischen Handelsbilanzdefizits zu einer Aufwertung ihrer Währung zu drängen. „Wir können uns nicht mehr erinnern, wann wir das letzte Mal jemanden sagen hörten, er verkaufe Dollar wegen des Handelsbilanzdefizits“, schreibt Jen sarkastisch und bemerkt: „Mehr als jemals zuvor werden Wechselkurse durch internationale Kapitalbewegungen beeinflusst, zum Beispiel durch die Diversifikation ihrer Anlagen von Zentralbanken in Asien und im Mittleren Osten und durch Portfolioumschichtungen privater Investoren.“

Die Vorgänge in Amerika und an den Devisenmärkten dürften auch in Deutschland registriert werden, obwohl der hiesige Aktienmarkt in der vergangenen Woche unter dem Eindruck hervorragender Unternehmensergebnisse die schwache Tendenz an der Wall Street nicht nachvollzogen hat. Mit dem bevorstehenden Ende der Berichtssaison für das dritte Quartal dürften diese Impulse allerdings bald nachlassen. Von den großen Konzernen wird am Mittwoch Eon ihr Quartalsergebnis vorlegen. Neue Motivation könnte der Aktienmarkt in den kommenden Monaten aus Fusionen und Übernahmen in Industrie und Handel beziehen, die sich nach Erkenntnissen von Investmentbanken zurzeit anbahnen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

 
Tops & Flops+/-Prozent
HYPO REAL ESTATE HOL +1,65 +39,95
DEUTSCHE BÖRSE AG NA +9,49 +16,79
THYSSENKRUPP AG INHA +2,60 +16,77
VOLKSWAGEN AG STAMMA +11,06 +3,23
MERCK KGAA INHABER - +2,96 +4,80
DEUTSCHE POSTBANK AG +1,10 +4,86
NamePunkteProzent
Dax 5.062,45 +11,40
TecDax 584,64 +13,14
DowJones 9.005,94 +6,56
Nasdaq 1.787,34 +8,36
STOXX 50 2.688,32 +11,00
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 9,30 +5,32
Euro/Dollar 1,35 -0,60
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