08. März 2001 Wer Börsianer beobachtet, wird feststellen, dass immer wieder die gleichen Fehler begangen werden. Die meisten Anlagefehler lassen sich psychologisch erklären. Kein Wunder, dass mit Behavioral Finance eine Lehre immer mehr Anhänger findet, die den Menschen und sein Handeln in den Mittelpunkt der Forschung stellt.. FAZ.NET sprach mit Professor Terrance Odean von der University of California, Davis, einem der Vordenker dieses Gebietes.
Was sind bisher die größten Errungenschaften von Behavioral Finance?
Sie hat mit der lange vorherrschenden Annahme aufgeräumt, an den Märkten würde alles nur rational ablaufen. Behavioral Finance hat gezeigt, dass dies nicht stimmt, sondern dass es viele irrationale Anlageentscheidungen gibt.
Würden Sie Ihren Kampf für ein verändertes Anlegerverhalten als erfolgreich bezeichnen?
Ob ich die Strategie vieler Anleger beeinflusse, weiß ich nicht. Aber zumindest habe ich einen gewissen Einfluss. So bekomme ich viele E-Mails in denen mir Leute schreiben, dass sie ihre Anlagestrategie verändert haben, nachdem sie meine Studien gelesen haben. Beispielsweise schrieb mir eine Frau, die sich Sorgen wegen der zahlreichen Trades ihres Mannes machte, dass sie mit der Munition meiner Studien endlich den Mut hatte, ihrem Mann ihre Bedenken vorzutragen.
Machen Sie Fortschritte beim Versuch, die Anleger vor zu häufigen Handelsaktivitäten abzuhalten?
Da gibt es, wenn man realistisch ist, noch viel zu tun. Es wird noch immer viel zu viel gehandelt. Während die Online-Broker an möglichst vielen Trades interessiert sind, vertrete ich eine Kaufen und Halten-Strategie. Wichtig ist vor allem, seine Gewohnheiten nicht durch die Eröffnung eines Online-Depots beeinflussen zu lassen und plötzlich viel häufiger zu handeln als früher, nur weil man Online agiert. Dann, aber nur dann, können Online-Banken wegen der geringeren Kosten eine gute Sache sein.
Warum ist es so schwierig, die typischen Fehler der meisten Anleger zu vermeiden?
Nehmen wir die Tatsache, dass sich viele Leute schwer damit tun, Verluste zu realisieren. Es tut ganz einfach weh, Fehlentscheidungen einzugestehen. Verkauft man mit Verlust, fühlt man sich schlecht. Auch im normalen Geschäftsleben wird oft viel Geld in unrentable Projekte gesteckt, nur weil man keine Fehler zugeben will. Dabei handelt es sich um ganz normale menschliche Handlungen.
An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?
In einem Projekt wollen wir herausfinden, warum Anleger bestimmte Aktien kaufen. Nachdem was wir bisher wissen, kommen für Käufe die Aktien in Frage, die entweder zuvor stark gestiegen oder stark gefallen sind und dadurch in der Presse auftauchten. Die Aktien mit einer normalen Kursentwicklung findet dagegen meist keine Beachtung. In einem anderen Projekt machen wir eine Computersimulation. Da wollen wir prüfen, wie Anleger mit dem typischen fehlerhaften Vorgehen die Kursfindung beeinflussen.
Wie erklären Sie mit ihren Kenntnissen, dass häufig Kurse in utopische Höhen steigen oder aber massiv abstürzen?
Viele Anleger glauben einfach, was steigt, wird auch noch weiter steigen. Damit verhält man sich beim Aktienkauf ganz anders als im normalen Leben. Steht jemand vor dem Kauf eines Mercedes und der kostet eine Woche später statt 100.000 Mark plötzlich 110.000 Mark, ärgern sich die meisten Leute und winken ab. Bei Aktien ist es dagegen so, dass in steigende Kurse hinein sogar eher gekauft wird. Diese Einstellung ist es, was Kursblasen entstehen lässt.
Wenn das alles so einfach ist, müssten Sie die inzwischen geplatzte Blase bei den Wachstumsaktien ja rechtzeitig erkannt haben, oder?
Aber natürlich konnte man sehen, dass es eine Übertreibung war. Dennoch ist es schwierig, mit dieser theoretischen Erkenntnis Geld zu verdienen. Selbst obwohl ich annahm, dass es sich um eine Blase handelt, hätte ich vermutlich Geld verloren, wenn ich Aktien deswegen leer verkauft hätte. Denn wahrscheinlich hätte ich viel zu früh verkauft. Früher, als ich selbst noch aktiv handelte, ist mir das schon passiert. Damals ging ich eine große Wette auf fallende Kurse am japanischen Aktienmarkt ein. Doch anstatt zu fallen, ging es erst noch von 30.000 auf 39.000 Punkte hoch beim Nikkei-225-Index. Der spätere Fall auf unter 14.000 Punkte kam für mich dann zu spät. Aber das zeigt: selbst wenn man grundsätzlich mit seiner Annahme richtig liegt, ist es oft zu riskant, gegen einen Trend anzukämpfen.
Wie wenden Sie Ihre Behavioral Finance Kenntnisse in Ihren eigenen Anlageentscheidungen an?
Nun, früher habe auch ich viel gehandelt. Das mache ich heute nicht mehr. Denn es ist sehr schwierig, die Märkte zu schlagen. Einigen wenigen Profis gelingt es vielleicht, aber nur wenn man sich in einem Vollzeit-Job damit beschäftigt. Da ich bereits einen anderen Beruf habe, kaufe ich entweder offene Wertpapierfonds oder geschlossene Wertpapierfonds, die mit einem Abschlag zu ihrem inneren Wert gehandelt werden. Die lasse ich dann einfach liegen und schaue nur einmal im Jahr wie sie sich entwickelt haben. Nämlich dann, wenn es um die Steuerzahlung geht.
Das Gespräch führte FAZ-NET Redakteur Jürgen Büttner
Text: @jüb
Bildmaterial: FEM, Terrance Odean
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| DEUTSCHE POSTBANK AG | +0,89 | +2,10 |
| CONTINENTAL AG INHAB | -0,11 | -0,15 |
| MERCK KGAA INHABER - | -0,78 | -1,03 |
| MAN AG STAMMAKTIEN O | -3,17 | -5,14 |
| THYSSENKRUPP AG INHA | -1,52 | -5,01 |
| DAIMLER AG NAMENS - | -1,76 | -4,24 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.127,44 | -2,42 |
| TecDax | 761,19 | -4,17 |
| DowJones | 11.220,96 | +0,29 |
| Nasdaq | 2.255,88 | -0,14 |
| STOXX 50 | 3.185,83 | -2,72 |
| Nikkei 225 | 12.212,23 | -2,75 |
| S&P 500 Zert. | 12,28 | -3,08 |
| Euro/Dollar | 1,43 | +0,01 |
| Bund Future | 115,28 | +0,12 |
| Gold | 802,80 | +0,00 |
| Öl | 104,17 | -3,09 |