21. Mai 2006 Das ist sie also, die überfällige Korrektur. Im nachhinein können Investoren oft nicht einmal sagen, warum sie genau zu diesem Zeitpunkt fluchtartig ihre Anlagepositionen aufgegeben haben. Dieses Mal waren es angeblich die Inflationssorgen, die den Markt überraschten.
In der Tat wurde am vergangenen Mittwoch den zweiten Monat in Folge eine überraschend hohe Kerninflationsrate in den Vereinigten Staaten bekanntgegeben. Nach diesen Inflationszahlen sei es weniger wahrscheinlich, daß die Notenbank eine Pause bei ihren Zinsschritten einlege, verlautete aus Reihen der Federal Reserve.
Die Lesart an den Märkten ist nun, daß die amerikanische Notenbank möglicherweise Zinserhöhungen in einer Zeit folgen lassen muß, in der das Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten bereits wieder abflaut.
Übermäßig viel Liquidität
Daß eine Korrektur kurz bevorstand, lag in der Luft. Die extremen Preissteigerungen, die einhellige Euphorie an den Märkten, die Gerüchte, selbst die letzten Bären seien jetzt bullish geworden, wirkten wie die Ruhe vor dem Sturm. Als der Chef der London Metal Exchange warnte, daß sich eine Preisblase an den Rohstoffmärkten aufgebaut habe, begann die Talfahrt. Die Märkte warteten geradezu auf eine Rechtfertigung, endlich das Signal zum Verkauf zu geben und die extremen Preissprünge der letzten Wochen und Monate zu adjustieren.
Die hohe Risikobereitschaft der Anleger hat in dieser Hausse übermäßig viel Liquidität in diejenigen Märkte fließen lassen, die eigentlich höhere Risikoprämien fordern. Dies sind die Aktienmärkte der Schwellenländer, Märkte für Unternehmensanleihen, Aktien kleiner Unternehmen und die Rohstoffmärkte. Je mehr sich die Hausse beschleunigte, desto mehr speiste sie sich selbst.
Fonds, die die Renditesteigerungen versäumten, sahen sich gezwungen, auf den Zug aufzuspringen - und zwar oft mit Derivaten. Diese Instrumente forcierten nicht nur den Aufschwung, sondern sie beschleunigten nun auch den Preiseinbruch. Denn Hedge-Fonds können sich am schnellsten aus Märkten verabschieden, in dem sie Futures auf Indizes verkaufen. Dies jedoch zwingt die als Broker arbeitenden Investmentbanken, die entsprechenden Kassaprodukte an den Markt abzugeben.
Nur langsame Kurserhohlung
Innerhalb von nur einer Woche fiel nach Berechnungen von Goldman Sachs die Risikofreudigkeit der Anleger von einem Rekordwert nahezu auf den Tiefpunkt. Es waren daher vor allem die Aktienmärkte der Schwellenländer und die Rohstoffmärkte, die bisher am schärfsten reagiert haben. Die Bilanz ist nicht dramatisch, aber für Investoren, die zu spät in den Markt eingestiegen sind, schmerzhaft:
Der Preis für Kupfer sank um 14 Prozent auf 7530 Dollar die Tonne; Gold fiel am Freitag wieder auf 658 Dollar je Feinunze zurück und liegt damit 10 Prozent unter dem Höchststand dieser Hausse; Silber liegt mit 12,11 Dollar die Feinunze gar um fast 20 Prozent unter dem Hoch der vergangenen zehn Tage. Der indische BSE Sensitive Index liegt um 16 Prozent unter dem Hoch, der russische RTS Index um 14 Prozent. Der Dax fiel in den vergangenen zehn Tagen um 8 Prozent auf 6572 Zähler, der M-Dax um fast 11 Prozent.
Die Frage ist, ob Anleger die Gelegenheit der niedrigeren Kurse für einen Wiedereinstieg nutzen sollten. Bisher hat sich diese Strategie in dieser dreijährigen Hausse bewährt. Aber der Abstand der Korrekturen wird kürzer, und die Kursausschläge werden größer. Eine Erholung der Kurse könnte dieses Mal länger auf sich warten lassen. Die Rahmenbedingungen sind nicht mehr so günstig wie zuvor, denn die Kerninflationsrate in den Vereinigten Staaten steigt.
Restriktive Geldpolitik
Die Federal Reserve wird darauf beherzt reagieren müssen, gerade weil sie mit Ben Bernanke einen neuen Chairman hat. Bei weiteren Zinserhöhungen würde es sich nicht mehr nur um eine Normalisierung der Geldpolitik handeln, sondern die Zinspolitik der Fed nähme einen restriktiven Charakter an.
Dies unterscheidet sich von der Situation im vergangenen Jahr, als die Geldpolitik der Notenbanken die Hausse beflügelte. Höhere Renditen verringern jedoch die relative Attraktivität von Aktien. Sie verteuern den Finanzierungsrahmen, mit dessen Hilfe institutionelle Anleger wie Hedge-Fonds investieren und Beteiligungsgesellschaften Übernahmen lancieren.
Der Dollar hat in dieser Woche um 1,6 Prozent gegenüber dem Euro und 2 Prozent gegenüber dem Yen aufgewertet. Die Prognose sieht dennoch nicht rosig aus: J.P. Morgan rechnet für Ende des Jahres mit einem Euro-Wechselkurs von 1,36 Dollar.
Sorgfältige Auswahl nötig
Auch wenn der französische Finanzminister signalisiert, daß ihm eine weitere Aufwertung des Euro nicht schmeckt, wird dies kaum zu verhindern sein. Ein starker Euro ist ein Belastungsfaktor für die europäische Exportindustrie und für europäische Aktien. Andererseits muß die Europäische Zentralbank bei einem kräftigeren Euro-Wechselkurs die Zinsen nicht so oft anheben.
Parallelen zwischen der jetzigen Situation und dem Kurskollaps von Oktober 1987 zu ziehen ist zwar aufschlußreich, aber hoffentlich übertrieben. Denn die Aktienmärkte sind nicht überbewertet und die Rohstoffmärkte - glaubt man den Berechnungen von Goldman Sachs - auch nicht. Real liegen die Rohstoffpreise immer noch weit unter historischen Höchstständen.
Und China und Indien wachsen weiter. Aber Investoren müssen jetzt sorgfältiger auswählen, in welche Märkte und Werte sie investieren wollen. Unsere Prognose höherer Zinsen, einer steigenden Inflation, eines langsameren Wirtschaftswachstums und eines stärkeren Wechselkurses des Euro werden den Aktienmarkt nicht gerade stützen, sagt Mislav Matejky, Anlagestratege für europäische Aktien bei J.P. Morgan. Die Investmentbank warnt davor, die jetzige Korrektur unüberlegt als Kaufgelegenheit zu nutzen.
Text: F.A.Z., 22.05.2006, Nr. 118 / Seite 26
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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