Börse

Aktien deutscher Banken sind derzeit kein Renner

27. Oktober 2004 Aktien deutscher Banken sind derzeit nicht sehr gefragt. Daran wird sich voraussichtlich wenig ändern, wenn die Zahlen für das dritte Quartal vorliegen. Denn die meisten Analysten erwarten, daß nach dem starken ersten Halbjahr das Handelsergebnis im Wertpapiergeschäft stark sinken wird. Am Freitag wird die Deutsche Bank mit ihren Zahlen den Auftakt machen. Am 3. November folgen die Depfa-Bank, die Postbank und die Commerzbank. Einen Tag später legt die Hypo-Vereinsbank ihre Zahlen vor.

Marktgerüchte, wonach die Commerzbank den Termin verlegen und die Zahlen mit der Bekanntgabe der neuen Struktur im Kapitalmarktgeschäft veröffentlichen könnte, wollte ein Sprecher der Bank am Mittwoch nicht kommentieren. Dagegen dementierte er die Spekulation, die Commerzbank werde zugleich eine Warnung abgeben, der zufolge sie ihr Gewinnziel im Gesamtjahr nicht erreichen werde.

Niedriges Zinsniveau begünstigt Emission von Anleihen

Gleichwohl sind die Sorgen unter den Anlegern begründet. Hatten die deutschen Banken im ersten Halbjahr noch von günstigen Kapitalmärkten profitiert und geschickt auf eigene Rechnung spekuliert, so hat der Eigenhandel im dritten Quartal schlechter abgeschnitten. Als Hauptgrund nennt Stuart Graham, Bankenanalyst von Merrill Lynch, in einer Studie die stark gesunkenen Zinsen an den amerikanischen und europäischen Anleihemärkten. Dadurch sei die Zinskurve flacher geworden. Dies müsse für Investmentbanken nicht schlecht sein, weil ein niedriges Zinsniveau die Emission von Anleihen begünstige. Dennoch falle das Zusammenspiel der beiden Aspekte für die meisten Investmentbanken unter dem Strich negativ aus.

Für die Deutsche Bank spricht aus Sicht Grahams, daß sie ihr Geschäft weiter restrukturiere und nun vor allem im Kapitalmarktgeschäft effizienter werden wolle. Obwohl die Deutsche Bank noch keine Details genannt hat, rechnet Merrill Lynch mit Kostensenkungen von 500 Millionen Euro im nächsten Jahr. Graham kritisiert jedoch die hohe Abhängigkeit vom Investmentbanking und die geringen Erträge in der Vermögensverwaltung und im Geschäft mit privaten Kunden und Geschäftskunden. Von der Kreditseite her rechnet Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck & Co. in München, mit keiner Unterstützung für das Quartalsergebnis der Deutschen Bank. Das Kreditvolumen habe sich wegen einer allgemein vorsichtigen Vergabepolitik im großen und ganzen nicht verändert. Trotz der trüben Aussichten schneidet die Deutsche Bank bei den Analysten relativ gut ab. J.P. Morgan etwa rät zum Kauf der Aktie.

„Im europäischen Vergleich kommen die deutschen Banken ungünstig weg“"

Als Hoffnungswert gilt mancherorts die Hypo-Vereinsbank. Das genügt vielen Analysten nicht. Die Schweizer Privatbank Pictet nennt als Kursziel 13 Euro bei einem Aktienkurs von derzeit rund 14,80 Euro. J.P. Morgan hatte die Hypo-Vereinsbank schon Mitte Oktober heruntergestuft und erwartet nun ein Ergebnis von 0,55 Euro für das Gesamtjahr statt zuvor 0,63 Euro. Hauptgrund: Das angepeilte Betriebsergebnis von 1,4 Milliarden Euro sei wegen der geringeren Einnahmen aus dem Eigenhandel „außer Reichweite. Obwohl die Aktie kurzfristig unter Druck geraten werde, ist J.P. Morgan auf längere Sicht nicht so negativ gestimmt und sieht die Hypo-Vereinsbank als eine Spekulation auf eine Ertragswende in der deutschen Wirtschaft.

Im europäischen Vergleich kommen die deutschen Banken ungünstig weg, meint Dieter Hein, Partner der Analysegesellschaft Fairesearch in Frankfurt. Die Situation sei zwar nicht mehr so kritisch wie vor ein oder zwei Jahren. Aber nach dem guten ersten Halbjahr werden die Gewinne 2004 oder 2005 wahrscheinlich nicht mehr nennenswert steigen. „Der Unterschied in der Profitabilität zwischen deutschen und europäischen Spitzenbanken wird weiter groß bleiben, meint Hein und rät unter Risikoaspekten derzeit bei keiner deutschen Bank zum Kauf. Merrill-Lynch-Analyst Graham gibt unter den europäischen Investmentbanken Credit Suisse den Vorzug, die am 4. November berichtet. Auch die UBS sei solide, hänge aber etwas stärker vom Aktiengeschäft ab.

Text: hlr. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2004, Nr. 252 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z.

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