Internationaler Finanzmarkt

Verunsicherung in den Schwellenmärkten

Von Folker Dries

07. Januar 2007 Ist es nur eine kosmetische Korrektur oder der Auftakt zu einer gefährlichen Talfahrt? Die Aktienmärkte der Schwellenländer haben in der ersten Handelswoche des Jahres einen Fehlstart hingelegt. Um 2,1 Prozent fiel der Emerging Markets Index von Morgan Stanley Capital International (MSCI).

Das mag angesichts des Indexgewinns von 29 Prozent im vergangenen Jahr leicht verschmerzbar sein. In den vergangenen vier Jahren haben sich die Kurse in den Schwellenmärkten im Durchschnitt sogar mehr als verdreifacht. Doch die Anleger sind jetzt verunsichert.

Denn zum einen korrigieren derzeit die Rohstoffpreise unerwartet deutlich. Und deren kometenhafter Anstieg war in den vergangenen Jahren neben den hohen Liquiditätszuflüssen der Schlüssel für die Rally in den Schwellenmärkten. Zum anderen kam es gerade auf der Zielgeraden des vergangenen Jahres in manchen Aktienmärkten, insbesondere in China, zu spekulativen Übertreibungen, die nach menschlichem Ermessen nicht nachhaltiger Natur sein können.

Rohstoffpreise deutlich unter Druck

Es wäre zu kurz gegriffen, würde man den stark sinkenden Ölpreis der vergangenen Woche allein mit der ungewöhnlich milden Witterung auf der nördlichen Halbkugel in Verbindung bringen. Hinter dem Preisverfall von knapp 8 Prozent steckt mehr, nämlich die Angst vor einem niedrigeren Wachstum der Weltwirtschaft. Dafür spricht die Tatsache, dass die Rohstoffpreise generell deutlich unter Druck geraten sind.

Der Reuters/Jefferies CRB Index, der aus den Preisen von 19 verschiedenen Rohstoffen berechnet wird, gab in der vergangenen Woche um 5,3 Prozent nach und fiel damit auf das niedrigste Niveau seit Februar 2005. Gegenüber seinem Rekordhoch vom Mai vergangenen Jahres hat der Index inzwischen gut 20 Prozent eingebüßt.

Mit am stärksten - um mehr als 10 Prozent - fielen in der vergangenen Woche die Preise für Kupfer. Und gerade Kupfer gilt wegen seiner weiten industriellen Verbreitung in der Konjunkturanalyse als ein aussagekräftiger Frühindikator.

Wachstumsängste

Allerdings ist der Preis des Industriemetalls immer noch um 24 Prozent höher als vor einem Jahr. Die heftige Preisbewegung der vergangenen Woche dürfte denn auch teilweise dem Umstand geschuldet sein, dass spekulativ orientierte Investoren Gewinne mitnehmen, da das Chance-Risiko-Profil in diesem Jahr wegen des langsameren Wachstums der Weltwirtschaft nicht mehr ganz so günstig aussieht. Ähnliches gilt für die Aktienmärkte.

Auch hier sind die Verkäufe wohl Gewinnmitnahmen und Wachstumsängsten gleichermaßen zuzuschreiben, wobei die Wachstumsängste schon einer Relativierung bedürfen. Angeführt von China und Indien, würden die sich entwickelnden Nationen in diesem Jahr real um 6,4 Prozent wachsen, schätzt die Weltbank. Das ist fast die dreifache Schlagzahl der entwickelten Industrienationen, denen die Weltbank ein Wachstum von 2,4 Prozent vorhersagt.

Rekordhohe Tagesumsätze

Dies ist kein Szenario, aus dem sich eine Baisse in den Schwellenmärkten ableiten lässt. Die Regierung in Peking ist sogar nach wie vor bemüht, das hohe Wachstumstempo Chinas von etwas mehr als 10 Prozent durch administrative und monetäre Maßnahmen zu zügeln. In der vergangenen Woche erhöhte die Zentralbank zum vierten Mal seit Juni vergangenen Jahres die Mindestreservesätze der Geschäftsbanken, um die Kreditvergabe zu zügeln.

Vor weiteren Leitzinserhöhungen schreckt die Notenbank noch zurück, weil dies nur den ohnehin schon sehr hohen Aufwertungsdruck auf den Yuan erhöhen würde. Mit Sorge wird in Peking mittlerweile auch der hohe Liquiditätszufluss in die lokalen Aktienmärkte verfolgt, deren Indizes sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt haben. An den ersten beiden Handelstagen des neuen Jahres wurden einmal mehr rekordhohe Tagesumsätze verzeichnet.

„China-Blase“

Am Freitag allerdings ging es erstmals seit langem bergab. Die Aktien der beiden größten Banken, ICBC und Bank of China, korrigierten um den maximal möglichen Prozentsatz von 10 Prozent. Gleichwohl steht für die Bank of China seit Anfang Dezember immer noch ein Kursgewinn von 39 Prozent zu Buche, im Fall der ICBC, die zwischenzeitlich sogar zur zweitgrößten Bank der Welt (vor der Bank of America) avancierte, sind es sogar 43 Prozent.

Beide Banken werden mit dem Drei- bis Vierfachen ihres Buchwertes gehandelt. Manche Marktexperten sprechen deshalb zumindest mit Blick auf Finanzwerte von einer „China-Blase“, die sich in Kürze entladen könnte. Am Dienstag steht erst einmal die Erstnotiz von China Life, dem größten Versicherer des Landes, in Schanghai bevor.

Das Unternehmen gilt nach klassischen Bewertungskriterien als der teuerste Versicherungswert der Welt, nachdem sich der Kurs der bisher in New York und Hongkong gehandelten Aktie allein im vergangenen Jahr vervierfacht hat. Dennoch stand den in Schanghai zu plazierenden Aktien im Wert von umgerechnet 3,6 Milliarden Dollar eine vor allem vom Inland getragene Nachfrage in Höhe von gut 100 Milliarden Dollar gegenüber.

Dax als Absicherung gegen eine Rohstoffbaisse

Auf den deutschen Aktienmarkt strahlt die Verunsicherung in den Schwellen- und Rohstoffmärkten bisher kaum aus. Die erste Handelswoche war für den Deutschen Aktienindex Dax praktisch ein Nullsummenspiel. Manche Marktstrategen sehen den Dax sogar als eine gute Absicherung (Hedge) gegen eine Rohstoffbaisse, da der Index keine klassischen Rohstoff- und Ölwerte enthält, während sie zum Beispiel im britischen FTSE-100-Index mit nahezu einem Viertel gewichtet sind.

Allenfalls die Stahlaktie Thyssen-Krupp lässt sich im weiteren Sinne als Rohstoffwert klassifizieren. Das Papier, im vergangenen Jahr noch der Dax-Spitzenreiter, war denn auch mit einem Minus von 3,2 Prozent der größte Wochenverlierer im Dax. Das Papier des M-Dax-Wertes Salzgitter gab sogar um 5,8 Prozent nach.

Text: F.A.Z.

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