08. März 2004 China und seine insgesamt noch wenig entwickelten Finanzmärkte rücken in den Mittelpunkt der Diskussion über die weitere Entwicklung der Schwellenmärkte. Zweifellos liegt dies wesentlich daran, daß Mutmaßungen über eine baldige Aufwertung des Renminbi oder Yuan gegenüber dem amerikanischen Dollar nicht verstummen. Dies hätte nach Ansicht von Anlagestrategen erhebliche Konsequenzen nicht nur für die Wirtschaft des Landes, sondern auch für jene asiatischen Länder, die ökonomisch eng mit China verbunden sind.
Auch der Dollar und die amerikanische Wirtschaft bekämen einen solchen Schritt zu spüren, heißt es. Die Bindung des Renminbi an den Dollar zwingt die Chinesen nämlich, ihre aufwertungsverdächtige Währung in Schach zu halten, indem sie ihre Währungsreserven im wesentlichen in Dollar halten und, wann immer erforderlich, Dollar kaufen. Sie finanzieren damit die amerikanischen Defizite.
Überkapazitäten, faule Kredite, Inflation
Eine Aufwertung des Renminbi könnte dazu führen, daß der Druck auf die Chinesen, Dollar zu halten oder zu kaufen, nachläßt. Wäre dies der Fall, würde China als stützendes Element für den Dollar und somit als Financier der amerikanischen Defizite an Wirkung verlieren. Doch dies ist nur ein Aspekt. Die Wirklichkeit sieht seit geraumer Zeit eher so aus, daß sich China der Kapitalzuflüsse aus dem Ausland kaum noch erwehren kann und daß in einigen Schlüsselsektoren Kapazitäten entstehen, die weit über den gegenwärtigen Bedarf hinausgehen.
Selbst im Automobilsektor sollen nach Darstellung von Fachleuten heute bereits Kapazitäten entstanden sein, deren Ausstoß der Binnenmarkt in seinem derzeitigen Entwicklungsstadium nicht mehr aufnehmen kann. Die Kehrseite dieses Investitionsbooms bildet eine exzessive Kreditvergabe eines Bankensystems, dessen Ausleihungen nach Aussagen des amerikanischen Notenbankpräsidenten Greenspan gegenwärtig bereits zu 50 Prozent uneinbringlich sein sollen.
Eine weitere Schattenseite sehen immer mehr Fachleute in der in manchen Bereichen der chinesischen Wirtschaft entstandenen Inflation. In der Gesamtrechnung sei wegen dieser Teuerung die zuvor fest etablierte Deflation als beendet angesehen. Doch nach Ansicht kritischer Strategen bleibt die Frage aktuell, was wohl geschähe, wenn die wachsenden Überkapazitäten auf die Binnenpreise zu drücken begännen, die Ertragsmargen der Produzenten bis zur Bedeutungslosigkeit schrumpften und das ohnehin als höchst fragil geltende Bankensystem des Landes von zusätzlichen notleidenden Krediten belastet würde. Dies hätte eindeutig deflationäre Folgen, heißt es.
Aufwertung zur Aufschwungskontrolle
An einer Aufwertung des Renminbi könnte die Führung in Peking nach Ansicht von Strategen vor diesem Hintergrund eher früher als später interessiert sein, weil eine solche Entscheidung mit dazu geeignet wäre, den langsam ausufernden, zunehmend inflationsträchtigen Konjunkturaufschwung im eigenen Land unter Kontrolle zu bringen. Goldman Sachs vertritt die Auffassung, es werde sich möglicherweise nur noch um Wochen handeln, bis Peking die Aufwertung bekanntgibt. Dagegen erklärte ein hoher Beamter der Zentralbank in Peking am Montag in Basel, es bestünden keine Pläne für eine Aufwertung in naher Zukunft. Ein solcher Druck sei derzeit nicht zu erkennen. Die Inflationsentwicklung im Lande werde zwar aufmerksam beobachtet, doch könne von einer Überhitzung der Wirtschaft nicht gesprochen werden.
Credit Suisse First Boston berichtet hingegen nach einem Besuch in Peking, in den beiden letzten Monaten sei die Diskussion dort offenkundig auf die Bekämpfung der überzogenen Investitionen und der Inflationsgefahren umgeschlagen. Von der Jahresmitte an könne eine restriktivere Geldpolitik erwartet werden, die den Sektoren Stahl, Aluminium und Zement sowie Teilen des Immobilienmarkts in den darauffolgenden zwei Jahren wohl eine "harte Landung" bescheren werde.
Vor diesem allgemeinen Hintergrund warnen mehr und mehr Anlagestrategen, sich in chinesischen Aktien zu engagieren. Immerhin ist zum Beispiel der Shenzen-B-Index seit Anfang 2003 bis Mitte Februar des laufenden Jahres von rund 180 Punkten auf das zyklische Hoch von 303 Zählern gestiegen. Chinesische Aktien seien jedenfalls nicht mehr billig, heißt es nahezu einhellig. Weithin wird Anlegern geraten, sich grundsätzlich nur über Investmentfonds, die sich auf China spezialisiert haben, zu engagieren. Hier seien Fonds zu bevorzugen, die von mit der Region vertrauten asiatischen Investmentbanken verwaltet werden.
Text: gap., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2004, Nr. 58 / Seite 22
Bildmaterial: AP
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