22. Februar 2006 In Amerika führt die in den vergangenen Jahren lauter gewordene Kritik an überzogenen Gehältern von Vorstandschefs zu Konsequenzen. So koppelt eine wachsende Zahl von Unternehmen Bonuszahlungen in Form von Aktien oder Aktienoptionen an Erfolgsziele. Gleichzeitig will die Börsenaufsicht SEC neue Richtlinien für eine detailliertere Offenlegung von Vorstandsbezügen durchsetzen. Entsprechende Vorschläge sollen im April verabschiedet werden.
Im vergangenen Jahr haben bereits 30 von 100 amerikanischen Großkonzernen einen Teil der Aktienvergütung für den Vorstandschef (CEO) an geschäftliche Ziele gekoppelt. Das ist mehr als in den Jahren 2004 und 2003, als es noch 23 beziehungsweise nur 17 Konzerne waren. Das fand die Personalberatung Mercer heraus, die im Auftrag der Zeitung Wall Street Journal Mitteilungen von Unternehmen an ihre Aktionäre untersuchte. Mercer rechnet der Zeitung zufolge damit, daß bis zum Ende des Jahres die Hälfte der führenden amerikanischen Unternehmen die Vergütung stärker vom geschäftlichen Erfolg abhängig machen wird.
Umstände, die nichts mit den Fähigkeiten zu tun haben
Die Betonung geschäftlicher Ziele soll verhindern, daß Vorstandschefs von Umständen profitieren, die nichts mit ihren Fähigkeiten zu tun haben. Der Aktienkurs und der Wert von Aktienoptionen kann schließlich auch von einem allgemeinen Aufschwung der Börse profitieren, selbst wenn Umsatz und Gewinn des betroffenen Unternehmens nur mäßig wachsen. Die in den neunziger Jahren stark verbreiteten Aktienoptionen haben in den vergangenen Jahren an Popularität eingebüßt. Optionen geben den Inhabern das Recht, nach einem gewissen Zeitraum Aktien zu einem bestimmten Kurs zu beziehen. Statt dessen sind Aktienpakete mit einer zeitlichen Verkaufsbeschränkung als Bonus-Form üblicher geworden. Diese Aktienpakete sind in der Regel aber auch nicht an Leistung gekoppelt.
Kritiker sticheln, daß Chefs mit dieser Art von Vergütung schon allein dafür bezahlt werden, daß sie einen Pulsschlag haben. Als Alternative führen Unternehmen nun eine Reihe von Leistungszielen ein. Aktien und Aktienoptionen sind so beispielsweise an das Erreichen von Umsatz- oder Gewinnwachstum gekoppelt. Andere Unternehmen geben Aktienoptionen mit einem hohen Ausübungskurs aus. Damit kann ein CEO erst profitieren, wenn der Aktienkurs deutlich gestiegen ist.
Zu den Unternehmen, die bereits mindestens 40 Prozent der Aktienvergütung für den CEO an Zielvorgaben koppeln, gehören der Fleischproduzent Tyson, der Autozulieferer Arvin Meritor, der Nahrungsmittelkonzern Con Agra und die Fondsgesellschaft Franklin Resources.
Die Vergütung der höchstbezahlten Manager veröffentlichen
Für Aktionäre ist es aber dennoch nicht einfach nachzuvollziehen, ob die Geschäftsführer ihr Geld wert sind, weil Unternehmen die internen Ziele nicht veröffentlichen müssen. Das verlangt auch die Börsenaufsicht SEC in ihren neuen Vorschlägen für eine genauere Offenlegung der Vorstandsbezüge nicht. Den Vorschlägen zufolge müssen Unternehmen in ihrer Berichterstattung allerdings die komplette Vergütung des Vorstandschefs, des Finanzvorstands sowie der nachfolgenden drei höchstbezahlten Manager in allgemeinverständlicher Form präsentieren.
Die Vergütung beinhaltet sowohl das Grundgehalt als auch Aktien oder Aktienoptionen sowie Pensionszahlungen. Es soll zudem ausgewiesen werden, was Manager im Falle eines Eigentümerwechsels oder nach Verlassen des Unternehmens erhalten. Zudem müssen Sonderleistungen wie die private Nutzung von Firmenflugzeugen bekanntgegeben werden. Dazu gehört auch die von Unternehmen bezahlte Mitgliedschaft im Golfclub oder der Wagen mit Chauffeur, wenn sie mehr als 10.000 Dollar kosten. Bisher mußten derartige Leistungen erst publiziert werden, wenn sie das Unternehmen mehr als 50.000 Dollar kosteten.
In der Vergangenheit waren Details des süßen Vorstandslebens nur durch Zufall ans Licht gekommen. Jack Welch, der frühere Vorstandschef des Mischkonzerns General Electric, geriet ins Kreuzfeuer, als wegen seines Scheidungsverfahrens öffentlich wurde, daß er trotz Ruhestands ein Paket aus Sonderleistungen im Wert von 2,5 Millionen Dollar pro Jahr erhielt. Welch gab nach der öffentlichen Kritik einen Großteil dieser Leistungen wieder zurück.
Zehn Prozent der Gewinne für Gehälter ausgegeben
Das Ausmaß der Managervergütung ist atemberaubend. Nach Berechnungen von Lucian Bebchuk, einem auf Managervergütung spezialisierten Professor der Universität Harvard, belief sich von 2000 bis 2003 die gesamte Vergütung der fünf bestbezahlten Manager börsennotierter Unternehmen auf 10 Prozent der Unternehmensgewinne. Einer Studie der Governance-Organisation Corporate Library zufolge verdienten Vorstandschefs bei den größten amerikanischen Unternehmen 2004 im Mittel 14 Millionen Dollar. Die Hälfte der Vorstandschefs verdiente also mehr, die andere Hälfte weniger als 14 Millionen Dollar. Das war ein Anstieg um 30 Prozent gegenüber 2003.
Professor Bebchuk zufolge ist das aber noch nicht alles. Er bezifferte in einer jüngsten Studie den geschätzten Mittelwert der Pensionspakete für Vorstandschefs von im Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen auf 15 Millionen Dollar. Zudem verdient ein Vorstandschef zur Zeit über 400mal soviel wie ein durchschnittlicher Arbeitnehmer. Dem SEC-Vorsitzenden Christopher Cox geht es bei der jüngsten Initiative aber nicht um die Beschränkung von Bezahlung, sondern nur um größere Transparenz. Es ist nicht die Aufgabe der SEC, das Niveau der Vergütung zu bestimmen. Das ist die Aufgabe von Verwaltungsräten und Aktionären, sagt Cox.
Professor Bebchuk fordert unterdessen, daß Unternehmen die Berechnungsmethoden für die Boni offenlegen sollten. Investoren sollte es möglich sein zu bewerten, ob großzügige Boni aus guter Leistung resultieren oder aus einem schlechten Setzen von Zielen, meint Bebchuk. Kritiker der neuen SEC-Richtlinien bezweifeln, daß die Offenlegung zu nachlassenden Gehältern führt. Sie befürchten, daß die dann genaue Kenntnis der Vergütung und Sonderzulagen anderer Vorstandschefs unbeabsichtigte Konsequenzen haben wird: Schlechterverdienende Chefs werden möglicherweise ihr Vergütungspaket an das der Besserverdiener anpassen wollen.
Text: nks., F.A.Z., 23.02.2006, Nr. 46 / Seite 19
Bildmaterial: AP
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