Bericht vom internationalen Finanzmarkt

Eine Woche der Wahrheit

Von Gerald Braunberger

“Für eine Entwarnung ist es noch zu früh“: Josef Ackermann

"Für eine Entwarnung ist es noch zu früh": Josef Ackermann

16. September 2007 Jetzt hat die Finanzkrise auch noch Großbritannien voll erwischt. Die Stützung der Hypothekenbank Northern Rock durch die Bank of England und seit Jahrzehnten nicht mehr gesehene Bilder von Kunden, die in Panik ihre Einlagen abheben wollen, haben zum Wochenende auch die Bankaktien in anderen Ländern leiden lassen. Mit einem Mal wird den Finanzmärkten bewusst, dass sich nicht nur viele amerikanische Privathaushalte für den Kauf von Häusern hoch verschuldet haben, sondern auch viele britische Familien.

Ob Northern Rock trotz beruhigender Aussagen der Bank of England und der britischen Finanzmarktaufsicht ein Einzelfall bleiben wird, gehört zu den spannenden Fragen in einer Woche, die für den weiteren Verlauf der Krise entscheidend werden könnte. Denn mittlerweile äußern sich auch Banker düsterer, die noch vor kurzer Zeit versucht hatten, die Märkte mit zuversichtlichen Aussagen zu beruhigen. So sagte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann in einem Gespräch mit der schweizerischen Zeitung „Sonntag“, es sei noch zu früh für eine Entwarnung und weitere starke Kursschwankungen müssten einkalkuliert werden. Auch wenn Ackermann bislang nur einen leichten Rückgang des Wirtschaftswachstums als Folge der Finanzkrise erwartet, will er drastische Folgen nicht völlig ausschließen: „Sollten wir es aber mit Hilfe der Zentralbanken nicht schaffen, die Krise im Finanzsektor aufzulösen, könnte es zu einer Rezession kommen.“

Kaum neue Impulse zu erwarten

Von der Bank of Japan sind keine Zinskorrekturen zu erwarten

Von der Bank of Japan sind keine Zinskorrekturen zu erwarten

Bislang spielen die internationalen Aktienmärkte das Szenario einer Rezession noch nicht. Im Gegenteil: Im Wochenvergleich legte der Dow-Jones-Index um 2,5 Prozent auf 13 442,52 Punkte zu, während der S&P 500 sich um 2,1 Prozent auf 1484,25 Punkte verbesserte. In Europa stieg der Euro Stoxx 50 um 1,4 Prozent auf 4221,34 Punkte; der Dax gewann um 0,8 Prozent auf 7497,74 Punkte. Auf die Aktienmärkte stabilisierend wirkt die nahezu sichere Annahme, dass die Fed auf ihrer Sitzung am kommenden Dienstag ihren Leitzins von derzeit 5,25 Prozent senken wird, wobei Unsicherheit nur darüber herrscht, ob sie ihren Leitzins um 25 Basispunkte (was die Mehrheit erwartet) oder sogar um 50 Basispunkte (was im Moment die Minderheitsmeinung darstellt) zurücknimmt.

Neue Impulse dürfte eine solche Senkung dem Aktienmarkt nach Ansicht der West LB allerdings kaum verleihen: „Da die Erwartung einer Leitzinssenkung bereits an den Aktienmärkten eingepreist ist, gehen wir jedoch nicht davon aus, dass die Märkte in besonderer Weise positive Reaktionen zeigen sollten. Eher ist dagegen möglich, dass der zu erwartende Schritt von ,lediglich' 25 Basispunkten Enttäuschung am Aktienmarkt hervorruft, weil von einigen Marktteilnehmern auch mehr oder weniger lautstark ein größerer Schritt erhofft wird.“

Vorsichtshalber mit Liquidität eingedeckt

Keine Veränderung der Leitzinsen dürfte dagegen die Bank of Japan am Mittwoch beschließen, während die Europäische Zentralbank (EZB) erst in einigen Wochen wieder über ihren Leitzins befinden wird. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und Bundesbank-Präsident Axel Weber haben in der vergangenen Woche noch einmal eine Zinserhöhung angedeutet, sobald die Krise an den Finanzmärkten vorbei ist. Neben Inflationsgefahren haben sie auf ein nach wie vor robustes Wirtschaftswachstum im Euro-Raum verwiesen, obgleich zumindest in Deutschland die Konjunktur nicht mehr ganz so rund läuft wie noch vor wenigen Monaten erwartet. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat daher seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 3,2 auf 2,7 Prozent zurückgenommen. Weiteren Aufschluss könnten die neuen ZEW-Konjunkturindikatoren geben, die am Dienstag veröffentlicht werden.

Mit Spannung erwarten die Finanzmärkte auch die Veröffentlichung von Quartalszahlen von vier führenden amerikanischen Investmentbanken, deren Aktienkurse sich in der vergangenen Woche erholt haben. Der Reigen beginnt am Dienstag mit den Zahlen von Lehman Brothers, danach folgen Morgan Stanley, Goldman Sachs und Bear Stearns. Seit dem Einstieg des britischen Milliardärs Joseph Lewis bei Bear Stearns - er kaufte ein Paket von 7 Prozent - gilt die Investmentbank als ein möglicher Übernahmekandidat. Wegweisend dürfte auch die Refinanzierung von kurzfristigen Commercial Paper im Wert von rund 130 Milliarden Dollar werden, die in der kommenden Woche fällig werden. Einige Banken, darunter die Deutsche Bank, haben sich vorsichtshalber durch die Ausgabe langfristiger Anleihen mit Liquidität für den Fall eingedeckt, dass der Markt nicht bereit ist, neue Commercial Paper in ausreichender Menge zu kaufen.

Historischer Höchststand beim Leichtöl

An den Devisenmärkten hat der Euro in der vergangenen Woche ein historisches Hoch gegenüber dem Dollar erreicht. Die Schwäche der amerikanischen Währung veranlasst Morgan Stanley in einem Marktkommentar zu der sarkastischen Überschrift: „Der Dollar ist eine ,Sub-prime Währung', wenigstens zur Zeit.“ Morgan Stanley erwartet in den kommenden beiden Quartalen angesichts eines möglichen Einbruchs des amerikanischen Wirtschaftswachstums einen weiterhin schwachen Dollar, doch sieht die Bank dies nicht als dauerhaft an: „Das Ausmaß der Dollar-Schwäche dürfte begrenzt sein, da der Dollar bereits überverkauft und unterbewertet ist. Wenn sich die amerikanische Konjunktur in wahrscheinlich drei Quartalen erholt, wird auch das Leistungsbilanzdefizit geringer sein. Dann könnte eine mächtige Dollar-Rally folgen.“

Einen historischen Höchststand erreichte auch amerikanisches Leichtöl mit gut 80 Dollar je Fass. Hier ist es vor allem die starke Nachfrage aus den Schwellenländern, die den Kurs treibt.

Text: F.A.Z., 17.09.2007, Nr. 216 / Seite 24
Bildmaterial: AP, REUTERS

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