Krise ausgestanden?

Die Finanzmärkte geben verschiedene Signale

Von Benedikt Fehr

16. Mai 2008 Die Finanzmärkte geben derzeit unterschiedliche Signale dafür, ob die Finanzkrise inzwischen ausgestanden ist oder nicht. So lässt die Erholung der Aktienkurse rund um den Globus darauf schließen, dass die Mehrheit der Investoren von der Krise inzwischen keine größeren negativen Auswirkungen mehr befürchtet. Demgegenüber deuten die weiterhin ungewöhnlich hohen Zinsaufschläge bei längerlaufenden Interbankenkrediten darauf hin, dass die Banken einander weiterhin misstrauen - weil sie weitere Verluste befürchten.

Entsprechend vorsichtig äußern sich auch die meisten Fachleute zu diesem Thema. Es gebe zwar Entspannungstendenzen, doch sei es noch zu früh, das Ende der Krise auszurufen, sagte Bundesbankpräsident Axel Weber in dieser Woche dieser Zeitung. Laut Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller ist die Subprime-Krise im engeren Sinne seit März zwar überstanden. Doch sei offen, ob die amerikanische Wirtschaft in eine tiefe Rezession rutsche, wie dies auf die Weltwirtschaft wirke und welche Folgen in Form von Kreditausfällen dies für die Banken zeitigen werde.

Eine Systembedrohende Kettenreaktion

Für die Investoren an den Aktienbörsen stehen aber derzeit die von Weber konstatierten Entspannungstendenzen im Vordergrund. Jedenfalls haben sich die Kurse rund um den Globus seit dem Zwischentief im März deutlich erholt - und dabei nicht zuletzt die Kurse der Finanztitel. So ist der Euro-Stoxx-Index für die wichtigsten Aktien im Euro-Raum seit dem 17. März von 327 auf zuletzt 373 Punkte gestiegen, der Stoxx-Branchenindex Banken von 311 auf 360 Punkte.

Fachleute erklären dies zum einen mit der Rettung der amerikanischen Investmentbank Bear Stearns. Sie habe verdeutlicht, dass die Notenbanken entschlossen seien, eine systembedrohende Kettenreaktion an den Finanzmärkten zu verhindern. Zum anderen habe die Bankenkrise - anders als weithin befürchtet - die übrige Wirtschaft in den meisten Ländern bislang kaum in Mitleidenschaft gezogen. Dementsprechend dürften viele Unternehmen in den kommenden Quartalen gute Gewinne erwirtschaften, was ihre Aktien attraktiv mache.

Entspannungstendenzen zeigen sich auch im Rückgang der Risikoprämien, die im Vorfeld der Beinahe-Pleite von Bear Stearns stark gestiegen waren. Gemessen am iTraxx-Crossover-Index, der aus den Prämien der Kreditversicherungen für schwache Schuldner berechnet wird, sind diese Prämien seit der Bear-Stearns-Rettung von 635 auf zuletzt rund 400 Basispunkte gefallen. Demgegenüber ist die Lage am Geldmarkt laut Christoph Rieger, einem Zinsstrategen bei Dresdner Kleinwort, „unverändert angespannt“. Das zeigt sich daran, dass der Euribor-Zins für Dreimonatskredite unter Banken weiterhin gut 80 Basispunkte über dem Euro-Leitzins von 4 Prozent liegt. Normal wäre ein Abstand von 5 bis 10 Punkten.

Unsicherheitsfaktor Derivategeschäft

In dem Aufschlag kommt zum Ausdruck, dass die Banken mit der Vergabe von Refinanzierungskrediten an andere Institute weiter zurückhaltend sind. Denn zumindest bei manchen Häusern befürchteten sie Schwierigkeiten bei der Kredittilgung. Zudem wollen sie möglichst viel Liquidität für den Fall vorhalten, dass einer oder mehrere Kunden Einlagen plötzlich abziehen. Auf den Anlass für diese Nervosität am Interbankenmarkt hat Commerzbank-Chef Müller hingewiesen: dass nämlich die Fernwirkungen der Kombination von Kreditkrise und amerikanischer Rezession kaum überschaubar seien.

Zudem sorgt für Unsicherheit, dass das Derivategeschäft, das in den vergangenen Jahren enorm gewachsen ist, große Risiken birgt. Auch dies hat die Krise von Bear Stearns verdeutlicht. So hatten einige Fonds aufgrund von Sorgen, dass Bear Stearns seinen Verpflichtungen aus den Derivategeschäften nicht werde nachkommen können, an einem einzigen Tag mehrere Milliarden Dollar abgezogen - und die Investmentbank dadurch in Existenznot gebracht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

NamePunkteProzent
Dax 6.272,21 -1,28
TecDax 734,26 -0,60
DowJones 11.288,54 +0,65
Nasdaq 2.245,38 -0,27
STOXX 50 3.275,20 -1,67
Nikkei 225 13.237,89 -0,21
S&P 500 Zert. 12,61 +0,08
Euro/Dollar 1,57 +0,00
Bund Future 111,54 +0,36
Gold 932,00 +0,00
Öl 145,16 +0,10
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