Bericht vom internationalen Finanzmarkt

Die amerikanische Hypothekenkrise ergreift die Welt

Von Gerald Braunberger

Quo vadis, Dax?

Quo vadis, Dax?

22. Juli 2007 Ist das Unerschrockenheit oder die Flucht nach vorne? Die amerikanischen Aktienmärkte befanden sich in der vergangenen Woche jedenfalls in Feierlaune. Der Dow-Jones-Index überschritt erstmals in seiner Geschichte die Marke von 14.000 Punkten, während der technologielastige Nasdaq-Composite-Index ein neues Sechsjahreshoch erreichte. Befeuert wurden diese Rekorde durch hervorragende Unternehmensergebnisse, die sich in der neuen Woche fortsetzen könnten.

70 Prozent der vorgelegten Quartalsabschlüsse (darunter von Ebay, Merrill Lynch und Johnson & Johnson) lagen über den Erwartungen der Analysten. Allerdings schnitten einzelne Unternehmen wie Home Depot, Google oder Caterpillar schlechter ab als erwartet. In den kommenden Tagen legen unter anderem große Industriekonzerne wie Boeing, General Motors und Ford ihre Quartalsergebnisse vor.

Zinssenkungen der Fed wohl nicht zu erwarten

Wenig Auswirkungen auf die Märkte hatten Anmerkungen von Fed-Gouverneur Ben Bernanke, der Inflationsgefahren immer noch als dringlicher ansieht als die Gefahr einer schwachen Konjunktur. Daraus zogen die Auguren den Schluss, dass Zinssenkungen der Fed auf absehbare Zeit nicht zu erwarten seien.

Allerdings lastet auf den internationalen Finanzmärkten weiterhin die Krise des amerikanischen Marktes für Hypothekenkredite an Schuldner mit schwacher Bonität (subprime market). Die Investmentbank Bear Stearns musste mitteilen, dass sich zwei ihrer in diesem Markt engagierten Hedge-Fonds in einer verzweifelten Lage befinden. Der eine Fonds ist gar nichts mehr wert, der andere fast nichts mehr.

Erstklassige Adressen von Neubewertung betroffen

Die Anleger reagierten so, wie sie immer reagieren, wenn sie an der Bonität besonders riskanter Finanzprodukte zweifeln: Sie flüchteten in Qualität, sprich in Staatsanleihen hoher Bonität. So profitierten amerikanische Treasuries und deutsche Bundesanleihen von Käufen institutioneller Investoren, während gleichzeitig die Renditeabstände zu Anleihen schwächerer Bonität (spreads) deutlich zunahmen.

Von dieser Neubewertung von Risiken sind auch eigentlich erstklassige Adressen betroffen. So musste eine kürzlich begebene Anleihe der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers deutliche Kursverluste hinnehmen, weil die Bank nach im Markt umlaufenden Gerüchten ebenfalls von der Hypothekenkrise betroffen sein könnte. Die wachsenden Risikoprämien für Unternehmensanleihen veranlassen daneben Banken und Industriekonzerne zur Zurückhaltung bei der Ausgabe neuer Anleihen. Sie ziehen es vor zu warten, bis sich der Markt (hoffentlich) wieder beruhigt.

Deutsche Bank will Gerüchte nicht kommentieren

Die Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt hinterlässt auch am anderen Ende der Welt Spuren. In Australien sind zwei Hedge-Fonds des Unternehmens Basis Capital in Schwierigkeiten geraten und die kreditgebenden Banken, darunter J.P. Morgan Chase und die Citigroup, wollen Geld sehen. Der Aktienkurs der Deutschen Bank litt am Freitag unter Vermutungen, Deutschlands führendes Geldhaus sei von den Schwierigkeiten von Basis Capital betroffen. Die Deutsche Bank wollte diese Gerüchte allerdings nicht kommentieren.

In Deutschland wurde am Freitag bekannt, dass mit der IKB eine weitere hochangesehene Bank eventuell Wertberichtigungen auf Wertpapiere vornehmen muss, die von der Schwäche des amerikanischen Hypothekenmarktes betroffen sein könnten. Auch wenn die IKB versicherte, sie sei allenfalls geringfügig betroffen, gerieten die Kurse von ihr begebener Anleihen prompt unter Druck. Zum Wochenende war an den deutschen Finanzmärkten die bange Frage zu hören, ob noch weitere heimische Banken in die Krise verwickelt sein könnten.

Fusionen und Übernahmen bleiben Gesprächsstoff

Steigende Zinsen drohen auch der boomenden Private-Equity-Branche die Geschäfte zu verhageln. In der vergangenen Woche kursierten Gerüchte, der Finanzinvestor Cerberus tue sich schwer, den Kauf der Mehrheitsbeteiligung an Chrysler zu annehmbaren Konditionen zu finanzieren. Da Private Equity den Kauf von Unternehmen nur zu einem geringen Teil mit Eigenkapital, aber zu einem erheblichen Teil mit Krediten finanziert, droht ein spürbarer Anstieg der Kreditzinsen die erwartete Rendite einer Übernahme erheblich zu reduzieren.

Aber auch wenn Finanzinvestoren größere Zurückhaltung üben sollten, bleiben Fusionen und Übernahmen Gesprächsstoff an den Aktienmärkten. So wurde in der vergangenen Woche bekannt, dass die Nahrungsmittelkonzerne PepsiCo und Nestlé auf Anregung der Amerikaner Fusionsgespräche geführt hatten. Doch die Schweizer winkten ab.

„Braut sich da langsam etwas zusammen?“

In Deutschland wird sich bald das Schicksal des Autozulieferers Siemens VDO entscheiden, von dem sich der Siemens-Konzern trennen will. Ob die VDO an die Börse geht, an die Hannoveraner Conti oder vielleicht an Finanzinvestoren verkauft wird, ist derzeit noch offen. Mit einem geschätzten Volumen von 11 bis 12 Milliarden Euro dürfte es sich aber um einen der bedeutendsten Unternehmensverkäufe des Jahres in Deutschland handeln.

An der Deutschen Börse geriet der Dax zu Wochenschluss unter Druck. Mit einem Stand von 7874,85 Punkten liegt er ein gutes Stück unter seinem historischen Hoch. „Braut sich da langsam etwas zusammen für Konjunktur und Aktienmärkte?“, fragt die WestLB und verweist auf den starken Euro, den hohen Ölpreis und Hinweise auf eine Beruhigung der bislang sehr gut laufenden deutschen Konjunktur. Wohin der Dax in den kommenden Tagen laufen wird, dürfte auch von den Quartalsergebnissen großer Konzerne abhängen: Auf der Liste der Woche stehen unter anderem Siemens, Volkswagen, Daimler und die Lufthansa.

Text: F.A.Z., 23.07.2007, Nr. 168 / Seite 22
Bildmaterial: AP

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