Investitionen

Wagniskapitalgeber wieder spendabel

03. November 2005 Deutsche Jungunternehmen können sich erstmals seit Jahren wieder Hoffnung auf Anschubgeld machen. Denn die deutschen Wagniskapitalgeber scheinen die Krisenjahre nun endgültig überwunden zu haben und wollen künftig wieder großzügiger sein. „Im nächsten Jahr wird man wieder mehr Finanzierungsrunden sehen“, sagt Rolf Mathies, Managing Partner der Hamburger Wagniskapitalgesellschaft Earlybird. Diese Einschätzung teilt auch Thomas Pütter, Vorstandschef des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). „Wir sehen viel Erfreuliches bei jungen Technologieunternehmen. Dieses kleine Pflänzchen sollte in den nächsten 18 Monaten noch sehr viel mehr wachsen.“

Nach dem jähen Ende der Interneteuphorie hat die deutsche Wagniskapitalbranche in den vergangenen Jahren einen dramatischen Aderlaß hinnehmen müssen. Zahlreiche Risikokapitalgeber mußten in dieser Zeit das Handtuch werfen. Nach Branchenschätzungen gibt es nur noch zehn große Wettbewerber und eine unbekannte Zahl an Nischenunternehmen auf dem deutschen Markt. Denn die meisten institutionellen Anleger trauten sich nach den bösen Erfahrungen der Vorjahre nicht mehr, den Wagniskapitalfonds ihr Geld zu überlassen. Statt dessen florierte der Markt für große Unternehmenskäufe (Buyouts).

Eine Welle an neuen Fonds

Doch der Münchner Wagniskapitalgeber Wellington sammelte in diesem Jahr 150 Millionen Euro für einen neuen Informationstechnologie-Fonds ein und brach damit wohl auch für andere Fonds das Eis. Nach einer Studie der Unternehmensberatung FHP Private Equity Consultants steht eine Welle an neuen Fonds bevor. Knapp die Hälfte der befragten Wagniskapitalunternehmen bereitet demnach einen Nachfolgefonds vor oder ist aktuell schon mit dem Klingelbeutel unterwegs.

„Nächstes Jahr werden viele ihre Kassen wieder füllen“, sagt Frank Böhnke, Partner von Wellington. Nach den Worten von Holger Frommann, Geschäftsführer des BVK, haben allein im ersten Halbjahr sieben Risikokapitalgesellschaften erfolgreich Geld eingesammelt. Zuletzt kam Techno Venture Management (TVM) mit einem 240 Millionen Euro schweren Biotech-Fonds. Derzeit stellt TVM einen neuen IT-Fonds und Wellington einen neuen Biotech-Fonds auf die Beine. Auch Polytechnos Venture Partners zapft seine Investoren wieder an. Mit Target Partners und Earlybird werden Anfang 2006 zwei weitere Wettbewerber folgen.

Staatliche Initiativen

Neben den nun zunehmenden Ängsten der Investoren vor einem Platzen der Buyout-Blase haben auch staatliche Initiativen die Risikofinanzierer aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt. So war der Europäische Investmentfonds (EIF) für viele der nun auf die Beine gestellten Fonds eine wichtige Stütze. Mit einem kürzlich gestarteten Gründer-Fonds will der Staat noch eine weitere Lücke schließen. Denn die klassischen Venture-Capital-Fonds haben sich aus der Finanzierung von Geschäftsideen vor der Firmengründung (“Seed-Capital“) weitgehend zurückgezogen, sieht man einmal von TVM ab. In diese Bresche soll der 262 Millionen Euro schwere, von der Bundesregierung, Industrieunternehmen und der staatlichen KfW-Bankengruppe ins Leben gerufene Fonds springen.

Nicht nur die neuen Fonds, sondern auch die derzeit günstigen Einstiegspreise lassen die Wagniskapitalgeber spendierfreudiger werden. So wurden laut FHP im dritten Quartal zwölf Unternehmen erstmals mit Wagniskapital ausgestattet - der höchste Wert seit zwei Jahren. Doch nicht nur die Zahl der Erstinvestitionen nimmt zu, sondern immer öfter gelingt es den Risikofinanzierern auch, die Unternehmen wieder in die Selbständigkeit zu entlassen. Im dritten Quartal stiegen die Wagniskapitalgeber laut FHP in 36 Fällen aus den Unternehmen aus, der höchste Wert seit dem Jahr 2000. Neben der Rückkehr der strategischen Käufer war dabei vor allem die verbesserte Börsenlandschaft hilfreich. Acht von neun Börsengängen an den Prime Standard in diesem Jahr kamen aus den Schatullen der Beteiligungsbranche.

15 und 20 Börsengänge im nächsten Jahr

„Der Börsengang ist für uns der Königsweg“, sagte Mathies. Denn im Idealfall profitieren die Wagniskapitalgeber nach dem Börsengang von steigenden Kursen. Doch daß diese Rechnung nicht immer aufgeht, zeigte die Biotechnologie-Branche. So bewies der schwierige Börsengang von Jerini diese Woche abermals, daß die Anleger der Branche skeptisch gegenüberstehen. „Nur Unternehmen, die mit ihren Produkten schon eine gewisse Marktnähe haben und in den nächsten zweieinhalb Jahren die Gewinnzone erreichen können, haben überhaupt eine Chance“, sagt Hubert Birner, General Partner von TVM.

Die Fachleute erwarten für 2006 zwischen 15 und 20 Börsengänge aus den Händen der Wagniskapitalbranche. Für dieses Jahr dagegen können sowohl Mathies als auch Böhnke keine weiteren Börsenkandidaten für den Prime Standard ausmachen.

Text: da., F.A.Z., 04.11.2005, Nr. 257 / Seite 25
Bildmaterial: F.A.Z.

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