Konjunktur

Märkte rechnen mit stabilem Leitzins in Amerika

25. Oktober 2006 Die amerikanischen Währungshüter dürften den Leitzins auf ihrer Sitzung an diesem Mittwoch auf 5,25 Prozent belassen und auch keine wesentlichen Änderungen an der schriftlichen Begründung zur Entscheidung vornehmen. Der geldpolitische Rat der Federal Reserve (Fed) unter Führung von Chairman Ben Bernanke wird zwar auf bestehende Inflationsrisiken hinweisen, doch an seiner Einschätzung festhalten, daß sich der Preisauftrieb zusammen mit der Verlangsamung des Konjunkturaufschwungs in den kommenden Monaten verringern wird. Damit rechnet die überwiegende Zahl von Bankvolkswirten an der Wall Street. Keine Einigkeit besteht unter den Marktstrategen allerdings über den geldpolitischen Kurs der Fed im kommenden Jahr. Eine Senkung der Leitzinsen oder eine weitere Anhebung gelten ebenso als möglich wie eine längere Phase mit einem stabilen Zins. Die unterschiedlichen Prognosen hierzu beruhen auf verschiedenen Einschätzungen über den Konjunkturverlauf. Sie reichen von einem robusten Wachstum bis zu einer Rezession.

„Die Wirtschaftsdaten der vergangenen Wochen waren durchwachsen genug, um den Leitzins nicht zu verändern“, sagt Maury Harris, Chefvolkswirt von der Investmentbank UBS. Die Zahlen seien aber auch gemischt genug gewesen, um die Debatte darüber fortzuführen, ob der nächste Zinsschritt der Fed nach oben oder vielleicht nach unten führen wird. Harris verweist unter anderem auf die Entwicklung der Kapitalmarktrenditen. Diese seien nach einem spürbaren Rückgang zwischen Juli und Anfang Oktober zuletzt wieder gestiegen. „Ursächlich dafür waren eine Erholung bei einigen Konsumentendaten als Folge des Benzinpreisrückgangs, Hinweise auf eine Stabilisierung auf dem Immobilienmarkt und die immer noch geringe Zahl der Anträge auf Arbeitslosenhilfe“, erläutert der Ökonom. Andererseits habe sich die Zahl der neu geschaffenen Stellen spürbar verringert, und der Aufschwung im Produzierenden Gewerbe habe an Dynamik verloren. Zudem wirke sich die Schwäche auf dem Immobilienmarkt erst mit einiger Verzögerung auf das Wachstum aus. „Ich bleibe dabei, daß der nächste Zinsschritt der Fed nach unten führen wird. Das wird aber nicht vor März 2007 sein“, sagt Harris.

Konjunkturdaten liefern kein einheitliches Bild

Auch nach Ansicht von David Rosenberg von Merrill Lynch ergeben die Konjunkturdaten der vergangenen Wochen kein einheitliches Bild: „Eine Gallone (3,8 Liter) Normalbenzin kostet rund 2,27 Dollar, rund 21 Prozent weniger als im zweiten Quartal. Dadurch haben sich die verfügbaren Einkommen um rund 0,7 Prozent erhöht.“ Dies sei prinzipiell gut für die Konjunktur. Allerdings sei die Zahl der Bauanträge für Einfamilienhäuser im September weiter gesunken. Wichtig für den Kurs der Fed werde die Inflationsentwicklung sein, sagt Rosenberg. Der Ökonom rechnet damit, daß sich der Preisauftrieb im Herbst weiter verlangsamen wird. Im Durchschnitt der vorangegangenen drei Monate werde die auf das Jahr hochgerechnete Kerninflationsrate der Verbraucherpreise von zuletzt 2,8 auf 2 Prozent im Dezember und 1,75 Prozent im April fallen. Im Mai hatte dieser Wert noch 3,8 Prozent betragen und zur bisher letzten Zinserhöhung Ende Juni beigetragen. „Die Fed wird bis einschließlich Januar nicht an der Zinsschraube drehen“, sagt Rosenberg. Kurz darauf aber werde sie die Geldpolitik lockern und den Leitzins bis zum vierten Quartal 2007 auf 4 Prozent senken.

Die Befürchtung, daß sich die Konjunktur abschwächen könnte, hält unter anderen Dean Maki von Barclays Capital in New York für überzogen. „Das Wachstum knickt nicht ein, und die Kerninflation wird weiter steigen.“ Der Immobilienmarkt kühle sich nun schon seit fast einem Jahr ab, ohne daß dies zu einer scharfen Verlangsamung des Wachstums insgesamt geführt habe, sagt Maki. Die Arbeitslosigkeit sei nicht nennenswert gestiegen, obwohl die Bautätigkeit nachgelassen habe. „Ich sehe nicht, weshalb sich daran etwas ändern sollte.“ Maki rechnet zwar auch damit, daß die Fed den Leitzins bis zum Jahresende nicht anheben wird. Danach aber kämen die Währungshüter um eine Straffung der Geldpolitik nicht umhin. Im September 2007 sieht der Ökonom den Leitzins bei 6 Prozent.

Fed will Preisstabilität definieren

Die Fed hatte den Leitzins zwischen Sommer 2004 und Ende Juni dieses Jahres in 17 Schritten in Folge um insgesamt 4,25 Prozent angehoben. Auf ihren beiden vergangenen Sitzungen, im August und im September, haben die Währungshüter den Leitzins jedoch nicht weiter erhöht. Auf dem Treffen, das am Dienstag begonnen hat und zwei Tage dauert, diskutieren die Mitglieder des geldpolitischen Rates auch über die Kommunikation der Notenbank mit den Akteuren an den Finanzmärkten und mit der allgemeinen Öffentlichkeit. Der Vize-Chairman der Fed, Donald Kohn, ist von Bernanke vor einigen Monaten beauftragt worden, Vorschläge hierzu auszuarbeiten.

Unter anderem wird es um die Frage gehen, ob die Fed eine quantitative Definition dessen vorgeben soll, was sie unter Preisstabilität versteht. Befürworter eines solchen Inflationsziels, zu denen auch Bernanke zählt, versprechen sich davon eine höhere Glaubwürdigkeit der Geldpolitik und einen noch besseren Erfolg in dem Bemühen, die langfristigen Inflationserwartungen fest auf niedrigem Niveau zu verankern. Kritiker wenden ein, die Fed beraube sich der notwendigen Flexibilität in der Geldpolitik, falls sie sich auf einen Zielwert für die Inflation festlege.

Text: ctg., F.A.Z., 25.10.2006, Nr. 248 / Seite 28
Bildmaterial: F.A.Z.

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