Börse

Krise auf dem Kreditmarkt versetzt Marktteilnehmer in Furcht

Von Bettina Schulz, London

Analysten: „Nicht den besten Teil vom Aufschwung verpassen”

Analysten: „Nicht den besten Teil vom Aufschwung verpassen”

05. August 2007 Aus Korrekturen werden an den Börsen oft Übertreibungen. Alarmierende Entwicklungen, die lange verdrängt wurden, beherrschen plötzlich die Sichtweise der Marktteilnehmer. Diese reagieren nun auf das, was sein könnte, und nicht mehr auf das, was ist. Sie haben Angst, dass sich die Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt wie ein Flächenbrand ausdehnen könnte, dass die amerikanische Konjunktur nicht stark genug ist, die Krise abzuschütteln, und dass die Banken den Geldhahn im Kreditgeschäft zudrehen könnten und damit die Übernahmewelle endgültig zum Erliegen käme. Dass die Berichtssaison der Unternehmen derzeit mit guten Zwischenergebnissen überrascht, wird ignoriert.

Es gibt freilich genug Krisenherde: in Deutschland die Schieflage der IKB und der drastische Schritt der Union Invest, keine Anteile mehr an dem Fonds ABS-Invest zurückzunehmen - beides indirekte Folgen der Krise am amerikanischen Markt für zweitklassige Hypothekenkredite („Subprime“).

Verkauf einer Kredittranche von einer Milliarde Pfund

Derweil halten sich Investoren mit neuen Engagements an den Kreditmärkten so sehr zurück, dass Investmentbanken Plazierungen von Kredittranchen aufschieben müssen und neue Finanzierungen auf Eis gelegt werden. Am Freitag brachen die Deutsche Bank, JP Morgan Chase und Unicredit den Verkauf einer Kredittranche von einer Milliarde Pfund aus der Übernahmefinanzierung für Alliance Boots ab.

Gleichzeitig zogen sich Banken aus der Finanzierung des Gemeinschaftsunternehmens zwischen Mitchells & Butlers und Robert Tchenguiz zurück. „Es werden unrealistisch hohe Risikoprämien am Markt verlangt. Da warten wir ab, bis das Interesse der Investoren wiederkommt“, heißt es bei Investmentbanken, die mit Blick auf ihre Eigenkapitalvorschriften darauf setzen, dass ihnen die Marktteilnehmer einen Großteil ihrer Kredittranchen abnehmen.

Hohe Risikoprämien an den Kreditmärkten

Welch hohe Risikoprämien derzeit an den Kreditmärkten berechnet werden, zeigt der Itraxx-Crossover-Index: Die Absicherungskosten für Kredite mangelnder Bonität sind seit Anfang Juli von 2,4 auf 4,02 Prozentpunkte in die Höhe geschnellt. Das heißt, ein Investor muss statt bisher 240.000 Euro nun 402.000 Euro zahlen, um den Ausfall eines Kredites in Höhe von 10 Millionen Euro abzusichern.

Während Barclays Bank und Royal Bank of Scotland (RBS) diese Woche betonten, die Kreditmärkte würden im September und Oktober wieder in ruhigeres Fahrwasser geraten, warnte der Finanzvorstand von Bear Stearns, Samuel Molinaro: „Ich bin seit 22 Jahren im Markt und so schlecht war die Situation an den Kreditmärkten noch nie.“ Er zog gar Parallelen zu dem Kollaps des Hedge-Fonds Long-Term Capital Management (LTCM) im Jahr 1998. Am Freitag stufte die Ratingagentur Standard & Poor's den Bonitätsausblick der amerikanischen Investmentbank herab, nachdem sie Hedge-Fonds mit Blick auf die amerikanische Hypothekenkrise gestützt hatte, die später Totalverlust anmelden mussten.

Überraschend schwache Arbeitsmarktzahlen

Die Unruhe am Markt wurde am Freitagnachmittag verstärkt, als in den Vereinigten Staaten überraschend schwache Arbeitsmarktzahlen vorgelegt wurden. Der Dow Jones Aktienindex brach mit 281 Punkten um 2,09 Prozent auf 13 182 Punkte so stark ein, dass die New York Stock Exchange (Nyse) am Freitagabend gar bremsend in den Markt eingreifen musste. Der S&P 500 Index sank um 2,66 Prozent. In Europa hatten sich die Indizes zuvor nicht ganz so stark abgeschwächt. Vor allem Aktienwerte wie BMW erlitten mit Blick auf ihren amerikanischen Absatz Kurseinbußen. Der Dax-Aktienindex verlor am Freitag 1,3 Prozent.

Barclays Bank und JP Morgan änderten ihre Prognosen. Sie gehen nun davon aus, dass sich die Federal Reserve mit einer Zinserhöhung bis nächstes Jahr Zeit lassen werde. Mit Spannung wird erwartet, was die amerikanische Notenbank nach ihrer Sitzung am Dienstag zum künftigen Wirtschaftswachstum Amerikas verlauten lässt. Sie dürfte jedoch kaum geneigt sein, in nächster Zeit mit einer Zinssenkung zu reagieren, wie dies bereits am Markt spekuliert wird. Schließlich halten die Notenbanken die Turbulenzen an den Kreditmärkten derzeit für eine gesunde - und im Moment vielleicht etwas turbulente - Korrektur der bisher extrem laxen Kreditkonditionen. Die Erwartung, dass die Federal Reserve mit einer Zinserhöhung länger abwarten könnte, die Europäische Zentralbank (EZB) jedoch ihren Leitzins Anfang September wohl von 4 auf 4,25 Prozent anheben wird, drückte den Dollar. Der Wechselkurs fiel Ende der Woche um 0,6 Prozent auf 1,3779 Dollar gegenüber dem Euro.

Ein kühler Kopf zahlt sich aus

In der Phase einer Korrektur, in der Marktteilnehmer plötzlich alles schwarz sehen, zahlt sich ein kühler Kopf aus. Lehman Brothers hat sich die Korrekturphasen an den Kreditmärkten in den vergangenen 100 Jahren angesehen: „Wenn man von den großen Depressionen der Weltwirtschaft absieht, dauern diese Korrekturphasen nicht lange an“, schreiben die Analysten. Meist sei der Spuk nach drei Monaten vorbei, und die Kreditmärkte erholten sich überraschend schnell wieder. Im August und September würden die Turbulenzen noch anhalten. Ende Oktober sei es vorbei.

Analysten von Lehman Brothers und JP Morgan warnen, dass sich Märkte oft in wenigen Tagen deutlich erholten. Wer dann nicht investiert sei, verpasse den besten Teil des Aufschwungs. „Anleger, die investiert sind, müssen jetzt drinbleiben - es ist zu spät, um zu verkaufen“, rät JP Morgan Investoren. „Anleger, die den Markt im Juni und Juli leer verkauft haben, sollten sich jetzt begnügen und nicht zu lange warten, sondern schon mal dort das Wasser testen, wo die Korrektur am härtesten zugeschlagen hat.“ Die Fundamentaldaten der Welt seien in Ordnung.

Text: F.A.Z., 06.08.2007, Nr. 180 / Seite 24
Bildmaterial: AP

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