Behavioral Finance

Substanzwerte schlagen Wachstumswerte

15. März 2001 Inzwischen fällt es allen wie Schuppen von den Augen: Wachstumsaktien sind nicht die allein selig machende Aktienanlage. Bis vor einem Jahr sah das noch ganz anders aus. Im Zuge des Hypes an den Aktienmärkten zählte nur Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum. Unternehmen, die diesem Kriterium entsprachen, steigerten ihren Aktienkurs fast nach belieben. Gesellschaften mit nur geringem Wachstumsraten wurden dagegen trotz niedriger Bewertung oft links liegen gelassen.

Wer auf diese sogenannten Substanzaktien setzte, wurde am Ende sogar mitleidsvoll belächelt und als unverbesserlicher Nostalgiker abgestempelt. Selbst Investment-Guru Warren Buffett, der seine Fähigkeiten an der Börse seit Jahrzehnten unter Beweis stellt, wurde nach nur einem schwachen Jahr bereits abgeschrieben. Doch die Spötter haben sich zu früh gefreut. Nicht nur Warren Buffet hat inzwischen ein erstaunliches Comeback hingelegt sondern auch die Value-Aktien.

Behavioral-Finance Studien dienen als Beweis

Dass es letztlich so kommt, hätten die Spötter bereits vorher wissen können. Wie auch bei einigen anderen typischen Denkfehlern an der Börse hätten Kenntnisse der Behavioral Finance Theorie Hilfestellung geben können. Denn Studien von Vertretern dieser Forschungslehre zeigen es seit langem: Substanzaktien erzielen langfristig betrachtet eine bessere Performance als Wachstumsaktien.

So errechnet eine von den Wissenschaftlern Lakonishok, Shleifer und Vishny für den Zeitraum von 1963 bis 1990 auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) ermittelte Studie eine jährliche Renditedifferenz zwischen US-Value- und Growth-Aktien von 3,9 Prozent. In der Spitze kommen auf Basis des KGV ermittelte Ergebnisse sogar auf einen Vorsprung von 8,16 Prozent. Noch besser sieht es auf Basis des Kurs-Cashflow-Verhältnisses aus. Mit plus 20,8 Prozent ergab sich hier der größte Abstand zugunsten der Value-Aktien für eine Zeitreihe zwischen 1982 und 1993, die sich auf die Märkte in Deutschland, Frankreich, Niederlande und Großbritannien bezog.

Glanz und Glamour führt zu Überbewertung

Warum Substanzaktien langfristig besser abschneiden als Wachstumswerte, dafür gibt es inzwischen verschiedene Erklärungsansätze. Eine der wichtigsten Thesen lautet, dass Value-Aktien tendenziell unterbewertet sind und Growth-Aktien tendenziell überbewertet. Da sich dieser Bewertungsunterschied im Zeitablauf aber auflöst, schneiden Substanzwerte langfristig besser ab. Professor Martin Weber von der Universität Mannheim erklärt die unterschiedliche Wertschätzung wie folgt: Bei Growth-Aktien projizieren die meist trendgläubigen Anleger die Gewinn- und Umsatzsteigerungen sowie die Kurssteigerungen zu weit in die Zukunft. Man ist so auf Growth-Aktien fokussiert und davon fasziniert, dass es zu einer Überbewertung kommt. Value-Aktien finden dagegen wegen ihres langweiligen Charakters weniger Aufmerksamkeit. Dadurch sind sie oft unterbewertet. Verstärkt wird das ganze noch durch den kurzfristigen Anlagehorizont der Anleger. Denn Value-Aktien zahlen sich nur mit einer Langfrist-Strategie aus.

Kein Paradigmenwechsel in Sicht

Wer diesen Behauptungen kritisch gegenüber steht, bekam Ende der 90er-Jahre phasenweise Oberwasser. Denn da schnitten Wachstumsaktien lange Zeit deutlich besser ab als Substanzaktien. Wie eine zwischen 1996 und 1998 erhobene Studie zeigt, lag die Performance von Growth-Aktien in diesem Zeitraum dreimal so hoch wie im historischen Durchschnitt. Schon alleine diese Beobachtung war aus Sicht von Markus Glaser, Behavioral Finance Wissenschaftler an der Uni Mannheim ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich bei den damaligen Kursgewinnen um eine Übertreibung handelte. Zumal erwiesenermaßen das Gewinnwachstum der Growth-Aktien in dieser Phase nicht überdurchschnittlich zugenommen hat.

Inzwischen ist diese Überbewertung aber wieder weitgehend korrigiert. Verstummt sind mit den jüngsten Kursverlusten auch die Anhänger eines Paradigmenwechsels. Von einer Ablösung der Value-Aktien durch die Growth-Aktien in Sachen besserer Performance spricht derzeit jedenfalls niemand mehr. Sollte irgend wann der Wind wieder einmal für kurze Zeit drehen, sollten sich langfristig orientierte Anleger davon nicht beirren lassen. Die auf jahrzehnte langen Beobachtungen basierenden Ergebnisse der Behavioral Finance Studien werden auch an der kurzlebigen Börse so schnell nicht umgedreht.



Text: @jüb
Bildmaterial: @unit

 
NamePunkteProzent
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TecDax 721,58 -3,36
DowJones 11.375,50 -2,21
Nasdaq 2.282,14 -1,88
STOXX 50 3.354,58 -0,97
Nikkei 225 13.603,31 +2,18
Euro/Dollar 1,57 -0,10
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