Ölpreise

Anstieg der Ölpreise ruft ungute Erinnerungen an Ölschocks wach

Von Benedikt Fehr

16. Mai 2004 Der scharfe Anstieg der Ölpreise erhöht die Nervosität an den Finanzmärkten. Viele Anleger befürchten, daß höhere Energiepreise die Inflation anheizen. Das könnte die Notenbanken, allen voran die amerikanische Fed, zwingen, ihre Leitzinsen früher und stärker anzuheben als bisher erwartet - mit negativen Folgen für das Wachstum der Weltwirtschaft. Fachleute weisen darauf hin, daß in den vergangenen 50 Jahren fast alle Rezessionen in Amerika von einer Kombination von steigenden Ölpreisen und einer Straffung der Geldpolitik eingeleitet wurden. Viele Anleger befürchten, daß es jetzt zu einer ähnliche Kombination kommt - und beeilen sich, ihre Portefeuilles durch Abbau von Risiken darauf einzustellen. Diese Umschichtungen haben die langfristigen Zinsen sowie die Risikoprämien für Kredite nach oben getrieben, die Aktienkurse rund um den Globus gedrückt. Doch warnen Fachleute davor, dem jüngsten Anstieg des Ölpreises zu viel Bedeutung zuzumessen.

Noch keine Gefahr für die Weltwirtschaft

Am New Yorker Terminmarkt hat der Preis für ein Faß Rohöl am Freitag in der Spitze 41,60 Dollar erreicht. In nominaler Rechnung ist das ein historischer Höchstpreis. Das weckt ungute Erinnerungen: In Amerika sei den fünf Rezessionen seit Beginn der siebziger Jahre jeweils ein "Ölpreisschock" vorhergegangen, erinnert Stephen S. Roach, der Chefökonom von Morgan Stanley. Deshalb sei der jüngste Preisschub besorgniserregend - zumal die angespannte Lage im Nahen Osten eine Störung der Ölversorgung und einen weiteren Preisanstieg erwarten lasse. Doch hält es Roach für verfrüht, schon jetzt von einem "Schock" zu sprechen. Denn derzeit liege der Ölpreis nur um etwa 40 Prozent über seinem mittelfristigen Preisniveau von 29 Dollar. Gefahr für die Weltwirtschaft drohe erst, wenn Öl für einige Monate mehr als 50 Dollar kosten sollte.

Die meisten Fachleute sehen das ähnlich. So weist Michael Lewis, ein Rohstoffanalyst bei der Deutschen Bank in London, darauf hin, daß Öl in realer Rechnung, also um die Inflation bereinigt, derzeit immer noch billig sei. 1970 habe man mit einem Einkommen, das dem Durchschnitt der größten sieben Industrieländer entsprach, rund 1000 Faß Rohöl kaufen können, auf dem Höhepunkt der Ölkrisen 1973 und 1979 nur 450 Faß. Derzeit könne solch ein Durchschnittseinkommen immer noch rund 900 Faß Rohöl finanzieren.

Höherer Leitzins wird erwartet

Abgesehen davon haben die großen Industrieländer ihre Abhängigkeit vom Rohöl vermindert. Fachleute schätzen, daß heute 40 Prozent weniger Energie benötigt werden als Anfang der siebziger Jahre, um einen Dollar zusätzliches Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften. Dahinter steht die gestiegene Bedeutung der Dienstleistungen für das Wachstum in den großen Volkswirtschaften. Doch trotz solcher besänftigender Überlegungen sind die Finanzmärkte alarmiert. Das zeigt sich in den Inflationserwartungen, die aus den Kursen inflationsindexierter Staatsanleihen abgeleitet werden: In Amerika ist inzwischen eine mittelfristige Inflationsrate von 2,65 Prozent eingepreist - gut ein Prozentpunkt mehr als vor einem Jahr. In Europa beträgt der entsprechende Wert jetzt 2,25 Prozent.

Vor diesem Hintergrund erwarten die Finanzmärkte nun, daß die Fed ihren Leitzins im Juni um 25 Basispunkte und bis Ende des Jahres um 100 Basispunkte auf dann 2,0 Prozent anhebt. Diese Aussichten veranlassen institutionelle Investoren, ihre Carry Trades abzubauen, also langfristige Engagements, die mit billigen kurzfristigen Krediten finanziert werden. Das zeigt sich vor allem an den Kursen der amerikanischen Staatsanleihen: Starke Verkäufe haben die Kurse gedrückt und die Renditen zehnjähriger Papiere seit Anfang April von 3,7 auf 4,8 Prozent nach oben schnellen lassen.

Aktien und Anleihen der Schwellenländer an Wert verloren

Nach den neuen Inflationsdaten aus Amerika haben sich die Anleihekurse am Freitag allerdings etwas gefangen. Angesichts der starken Erholung auf dem amerikanischen Aktienmarkt und des Anstiegs der Ölpreise hatten die Finanzmärkte zuletzt eine kräftige Zunahme der Teuerung im April befürchtet. Doch blieben Gesamtinflation und Kerninflation im Rahmen der Erwartungen. Das weckte Hoffnungen, daß die Fed die Zinszügel vielleicht doch nicht so schnell und stark straffen muß wie noch vor einigen Tagen angenommen.

Daß der Risikoappetit der institutionellen Investoren abgenommen hat, bekommen nicht zuletzt die Aktien und Anleihen der Schwellenmärkte zu spüren. Seit Anfang April haben die Aktienkurse in Argentinien und Rußland jeweils mehr als 20 Prozent eingebüßt. Auch in Brasilien, Korea, Hongkong und China gab es seither Einbußen im zweistelligen Prozentbereich. Parallel ist der Embi-Index, der die Risikoprämien für Kredite an Schwellenländer mißt, von rund 400 auf zuletzt 535 Punkte nach oben gesprungen. Auch bei Junk Bonds - riskanten Unternehmensanleihen - haben die Risikoprämien deutlich zugenommen.

Zukunft der großen Aktienmärkte ungewiß

Nach mehrwöchiger Talfahrt haben sich die großen Aktienmärkte in der vergangenen Woche stabilisiert. Das Tauziehen zwischen Baissiers und Haussiers geht aber weiter: Die einen glauben, daß der Aktienmarkt bereits eine Abkühlung der Weltkonjunktur im Jahr 2005 vorwegnimmt; weitere Kurseinbußen seien deshalb vorgezeichnet. Demgegenüber setzen die Optimisten darauf, daß das Wachstum stark genug bleibt, die Unternehmensgewinne und damit die Aktienkurse hoch zu halten.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2004, Nr. 114 / Seite 26

 
NamePunkteProzent
Dax 7.081,05 -0,03
TecDax 861,39 -0,41
DowJones 12.992,66 +0,73
Nasdaq 2.533,73 +1,48
STOXX 50 3.854,86 -0,07
Nikkei 225 14.251,74 +0,94
S&P 500 Zert. 14,07 -0,50
Euro/Dollar 1,54 -0,15
Bund Future 113,56 -0,10
Gold 881,45 +1,85
Öl 122,91 +0,72

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