Internationaler Kapitalmarkt

Eine zweite trostlose Jahreshälfte steht bevor

Von Bettina Schulz, London

06. Juli 2008 Die Bankenkrise zieht sich länger hin als erwartet. Die Institute müssen erst damit fertig werden, die Verluste aus der Kreditkrise zu schultern und ihr Kapital zu erhöhen, bevor sie ihrer Rolle als Kreditgeber in der Volkswirtschaft wieder voll gerecht werden können. So lange aber stockt der Transmissionsriemen in der Volkswirtschaft. Die Zurückhaltung der Banken im Kreditvergabeprozess bremst die volkswirtschaftliche Expansion. Die Kapitalaufnahme der Banken braucht Zeit und geht nicht reibungslos vonstatten, wie sich in den letzten Woche mit der Krise um die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley ein weiteres Mal zeigte.

Gleichzeitig überzieht die mangelnde Angebotselastizität im Rohstoffsektor die Welt mit Inflationsgefahren. Das Gerede um den Einfluss der Spekulanten an den Rohstoffmärkten ist müßig. Die Rohstoffmärkte können auf den langfristig absehbaren Nachfrageüberhang nicht schnell genug mit Kapazitätsausweitungen reagieren. Damit steigen die Preise, bis ein Preisniveau gefunden ist, das die Nachfrage entsprechend drosselt. In der vergangenen Woche schnellte der Ölpreis auf zwischenzeitlich 145,85 Dollar je Barrel (159 Liter) empor. Der Kupfer- und der Aluminiumpreis bewegen sich auf Rekordhöhe, die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mais und Sojabohnen liegen wieder auf Höchststand. Dies schürt Inflationsgefahren in der gesamten Welt, wie sich auch in der Europäischen Währungsunion zeigt, wo die Inflation im Mai auf 4 Prozent geklettert ist, den höchsten Stand seit sechzehn Jahren.

Die rasante Talfahrt der Aktienbörsen

Die Notenbanken müssen abschätzen, wie stark sie auf die Inflationsgefahren reagieren sollen, bevor die globale Konjunkturschwäche dem Inflationsschub möglicherweise den Boden entzieht. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat daher mit einer Leitzinserhöhung von 4 auf 4,25 Prozent reagiert, aber deutlich gemacht, dass es zunächst keine weiteren Zinserhöhungsabsichten gibt. Dies hat den Wechselkurs des Euro sofort von zeitweilig 1,59 Dollar auf 1,57 Dollar gesenkt. Auch die Renditen am Anleihemarkt gaben wieder deutlich nach.

Die Auswirkungen der Kreditklemme, die scharfe Korrektur am amerikanischen und britischen Immobilienmarkt und die Preissteigerungen bei Energie und Grundnahrungsmitteln drosseln die Nachfrage der Verbraucher. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan kämpfen mit einer Konjunkturschwäche, wenn nicht gar einer Rezession. Auch in Kontinentaleuropa werden die Zeichen eines Abschwungs deutlicher.

Dies erklärt die rasante Talfahrt der Aktienbörsen, wo zuletzt auch die zyklischen Aktienwerte an Boden verloren haben. Vor allem Aktien von Unternehmen, die eine globale Ausrichtung hatten, gerieten verstärkt unter Druck. Die Furcht ist, dass die ausufernden Inflationsgefahren und der höhere Ölpreis die Inflation in den Schwellenländern ankurbeln, dort eine Lohn-Preis-Spirale ausgelöst wird und dies das dortige Wachstum belastet. Die Schwellenländer würden dann nicht mehr zur Deflation beitragen, sondern ein Bumerang in Form höherer Produktionskosten in Asien und weiterer Inflationsgefahren käme auf die westlichen Industrieländer zu.

Die Industrie kämpft mit immer höheren Rohstoffpreisen

In der vergangenen Woche rutschten die Aktienmärkte auf breiter Front in einen sogenannten Bärenmarkt. Die Kurse haben seit dem Rekordstand im Oktober vergangenen Jahres mehr als 20 Prozent verloren. Es ist der erste große Bärenmarkt seit dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2000. Der Deutsche Aktienindex Dax schloss am Freitag um 1,28 Prozent schwächer bei 6272,21 Punkten, hat in dieser Talfahrt also 23 Prozent verloren und notiert fast wieder auf den Tiefständen, die er im März erreicht hatte.

„Es ist derzeit nicht abzusehen, was den Abschwung bei den Aktienkursen und die Aussicht auf schlechtere Unternehmensgewinne drehen könnte“, warnt JP Morgan. Die Industrie kämpft mit immer höheren Rohstoffpreisen und Preisen für Halbfertigprodukte, kann diese steigenden Kosten angesichts drohender Nachfrageschwäche aber nur eingeschränkt weiterreichen, muss also sinkende Gewinnmargen hinnehmen. Im Prinzip spiegeln die niedrigeren Aktienkurse daher lediglich die künftig deutlich niedrigeren Gewinne der Unternehmen wieder. „Man kann daher bezweifeln, dass die niedrigeren Kurse die Bewertung der Aktien verbessert haben“, sagt JP Morgan.

„Der kreditfinanzierte Superzyklus ist vorbei“

An den Finanzmärkten scheinen die Marktteilnehmer das Vertrauen verloren zu haben, dass sich die Situation schnell wieder zum Besseren dreht. Der große Unterschied gegenüber Herbst vergangenen Jahres und selbst Frühjahr dieses Jahres ist, dass immer mehr Marktteilnehmer davon ausgehen, dass es sich nicht nur um eine kleine Bankenkrise handelt, die bald ausgestanden ist, sondern dass die langen Jahre extrem niedriger Realzinsen, niedriger Inflation und kräftigen Weltwirtschaftswachstums auf lange Zeit vorbei sind.

Die Finanzmarktkrise führt dazu, dass die künstlich - über zu niedrige Realzinsen und extreme Hebeleffekte - aufgeblähte Liquidität der letzten Jahre aus dem System genommen wird. Die Weltwirtschaft konnte nicht inflationsfrei im gleichen Tempo weiterwachsen, während zwei Milliarden Menschen zusätzlich ihren Lebensstandard erhöhen wollten, die Ressourcen für die Produktion dieses Reichtums aber nicht schnell genug ausgeweitet werden konnten. Die Inflationsgefahren zwingen die Welt nun, einen vorerst langsameren Wachstumspfad einzuschlagen.

„Der kreditfinanzierte Superzyklus ist vorbei“, warnt die Deutsche Bank. Eine stärkere weltwirtschaftliche Erholung lasse möglicherweise Jahre auf sich warten. „Die Erfahrung lehrt uns, dass es drei bis vier Jahre dauert, bis sich eine Volkswirtschaft von dem Platzen einer Immobilienblase und Kreditblase erholt hat.“ Die zweite Jahreshälfte dürfte also ein genauso trostloses Bild abgeben wie die erste Jahreshälfte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
Tops & Flops+/-Prozent
VOLKSWAGEN AG STAMMA +45,13 +15,20
K+S AKTIENGESELLSCHA -0,15 -0,39
MAN AG STAMMAKTIEN O -0,40 -1,01
DEUTSCHE BANK AG NAM -5,99 -16,08
DEUTSCHE POSTBANK AG -3,87 -14,61
INFINEON TECHNOLOGIE -0,44 -13,68
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,34 +0,00
Bund Future 114,67 -1,44
Gold 847,40 +0,00
Öl 76,65 -7,49
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