Von Gerald Braunberger
09. September 2007 Bisher hatten wir eine Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt und eine Krise an den internationalen Geld- und Kreditmärkten. In Deutschland mussten zwei mittelgroße Banken gestützt werden. Kommt nun zu alldem noch eine Konjunkturkrise? Diese Frage stellt sich seit dem vergangenen Freitag mit einiger Dringlichkeit. Dass die Krise an den Finanzmärkten ihre Spuren im Wirtschaftswachstum vor allem der Vereinigten Staaten hinterlassen könnte, galt seit Wochen als eine Möglichkeit.
Dass es allerdings so schlimm kommen würde, war nicht eingeplant. So ist im August in Amerika zum ersten Mal seit vier Jahren die Zahl der Arbeitsplätze zurück- gegangen. Zwar handelte es sich nur um 4000 Stellen, aber da die Analysten im Durchschnitt einen Stellenzuwachs von rund 110.000 erwartet hatten, fiel die Reaktion der Aktienmärkte deutlich aus. In Amerika fiel der Standard & Poor's 500 um 1,7 Prozent, während der Dax in Deutschland um 2,4 Prozent nachgab.
Muss die Fed die Zinsen senken?
Mehrere Analysten sprachen von katastrophalen Arbeitsmarktzahlen, und selbst der amerikanische Finanzminister Henry Paulson meinte: Das sind keine Zahlen, die ich sehen mag. Gleichzeitig warnte Paulson vor Panikmache; stattdessen zeigte sich der frühere Goldman-Sachs-Banker zuversichtlich, dass die amerikanische Wirtschaft auch in der zweiten Jahreshälfte wachsen werde.
In der amerikanischen Wirtschaft mehren sich indessen die skeptischen Stimmen. Von kritischen Zeiten für den Verbraucher spricht der Vorstandsvorsitzende des berühmten Motorradherstellers Harley-Davidson, Jim Ziemer, und kündigte gleichzeitig schwächere Jahresergebnisse und eine Produktionskürzung an, worauf der Aktienkurs von Harley stark fiel. Der Blick der internationalen Finanzmärkte richtet sich nun auf den 18. September, wenn die amerikanische Notenbank Fed über ihren Leitzins entscheidet. An den Märkten wächst die Erwartung, dass die Fed sich gezwungen sehen könnte, den Zins um 0,25 oder sogar 0,5 Prozentpunkte zu senken, um sich einem Einbruch des Wirtschaftswachstums entgegenzustemmen. Die Fed hält sich allerdings bedeckt; gleich vier Präsidenten regionaler Ableger der Fed wichen in den vergangenen Tagen in öffentlichen Kommentaren einer klaren Stellungnahme aus.
McDonald's-Zahlen als Konsumindikator
In der neuen Woche haben die Präsidenten der großen Notenbanken indessen Gelegenheit, Signale an die Finanzmärkte zu senden. So hält Fed-Chef Ben Bernanke am Dienstagabend einen Vortrag in Berlin, und ebenfalls am Dienstag weilt sein Kollege von der EZB, Jean-Claude Trichet, zu einer Anhörung über die Finanzkrise beim Europäischen Parlament in Brüssel. Vorher treffen sich Trichet und Bernanke mit anderen Notenbankpräsidenten bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.
Wichtige neue Daten zur amerikanischen Konjunktur sind erst wieder am kommenden Freitag zu erwarten, sofern man nicht den August-Umsatz der Schnellrestaurantkette McDonald's als zumindest groben Konsumindikator ansehen möchte. Der Konzern veröffentlicht seine Umsatzzahlen am Dienstag.
Wichtige Banken halten sich zurück
Die meisten Aktienmarktstrategen sind mit kurzfristigen Prognosen vorsichtig geworden. Wie so häufig waren Spannungen an den Aktienmärkten von einer Flucht der Anleger in Staatsanleihen und einem damit verbundenen Rückgang der Renditen begleitet. Für die Staaten ist das ein geeigneter Zeitpunkt, neue Papiere zu für sie günstigen Konditionen aufzulegen. So begibt der Bund am kommenden Mittwoch zweijährige Schatzanweisungen. Daneben finden mehrere Aufstockungen langlaufender Staatsanleihen statt, so in Italien, in den Niederlanden und in Portugal.
Einen besonderen Blick verdienen nach wie vor die Banken. Auch wenn Vertreter führender Häuser wie Josef Ackermann (Deutsche Bank) und Daniel Bouton (Société Générale) in den vergangenen Tagen eine Beruhigung der Märkte in Aussicht gestellt haben, geht es am Geldmarkt nach wie vor nicht ruhig zu. Wichtige große Banken, die gewöhnlich kurzfristig Liquiditätsüberschüsse verleihen, halten sich als Kreditgeber zurück, andere begeben Anleihen, um sich aus Vorsicht mit zusätzlichen liquiden Mitteln einzudecken.
Die Erwartungen sind noch zu hoch
Die großen Notenbanken bleiben folgerichtig Gewehr bei Fuß und versichern, für eine jederzeit ausreichende Liquidität am Geldmarkt zu sorgen. Eine rasche Entspannung dort gilt als eher unwahrscheinlich; aus großen Banken ist zu hören, dass es noch Monate bis zu einer Normalisierung dauern könnte.
Unter besonderem Druck stehen derzeit die Bankaktien. Grund ist die Befürchtung, dass die Finanzkrise im dritten Quartal vor allem im Investmentbanking deutliche Spuren in der Ertragsrechnung hinterlassen wird. Die Baisse vieler Bankaktien am vergangenen Freitag war die Folge von Gerüchten, wonach die Pariser Société Générale Analysten vorgewarnt habe, der Gewinn für das dritte Quartal werde niedriger ausfallen als erwartet. Eine Sprecherin der Bank wollte die Gerüchte nicht kommentieren, und auch Präsident Daniel Bouton blieb in einem Interview mit der Zeitung Le Figaro eher vage. Teile des Geschäftsbereichs Finanzierungen und Investmentbanking wie das Emissionsgeschäft und der Eigenhandel hätten im August gelitten, sagte der Franzose, ohne Zahlen zu nennen.
Die Idee, dass die Erwartungen der Analysten für die Gewinne vieler Banken korrigiert werden müssen, bricht sich jedenfalls langsam Bahn. Zu hoch nennt die Investmentbank Dresdner Kleinwort die aktuellen Schätzungen für Deutsche Bank, UBS und Crédit Suisse. Ähnlicher Ansicht sind Lehman Brothers, die den europäischen Investmentbanken ebenfalls Einbußen vorhersagen.
Text: F.A.Z., 10.09.2007, Nr. 210 / Seite 32
Bildmaterial: AP, dpa
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| VOLKSWAGEN AG STAMMA | +33,25 | +11,37 |
| LINDE AG INHABER - A | +1,55 | +2,44 |
| E.ON AG NAMENS - AKT | +0,55 | +1,68 |
| DEUTSCHE BANK AG NAM | -5,32 | -11,12 |
| COMMERZBANK AG INHAB | -1,32 | -11,09 |
| HYPO REAL ESTATE HOL | -0,44 | -9,36 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 5.328,05 | -1,09 |
| TecDax | 586,24 | -2,97 |
| DowJones | 9.955,50 | -3,58 |
| Nasdaq | 1.862,96 | -4,34 |
| STOXX 50 | 2.850,88 | -0,75 |
| Nikkei 225 | 10.155,90 | -3,03 |
| S&P 500 Zert. | 10,69 | -5,15 |
| Euro/Dollar | 1,36 | +0,37 |
| Bund Future | 117,30 | +0,27 |
| Gold | 873,65 | +1,39 |
| Öl | 86,68 | -6,11 |
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