Versicherung

Nicht nur für Zufrühtanker und Ampelranroller

09. Dezember 2004 Der deutsche Versicherungskunde ist überversichert, haben unlängst wieder die Verbraucherschützer festgestellt - und doch beschleicht nicht nur den Berufsparanoiker und gewohnheitsmäßigen Handbremsenanzieher immer wieder das Gefühl, daß man gegen die schlimmsten Widrigkeiten des Lebens nicht ausreichend geschützt ist. Was also liegt näher, als auch die Bedürfnisse der Integralhelmbenutzer, Gullideckel-Umfahrer und Handy-Schutztäschchen-Benutzer zu bedienen?

Und wer die Findigkeit der Märkte, die Phantasie der in Sonntagsreden vielgerühmten schöpferischen Zerstörungskräfte der Marktwirtschaft kennt, den verwundert es nicht, daß neben der Fülle der langweiligen Lebens-, Schadens-, Hausrats- und Zusatzversicherungen der deutsche Policenkäufer sich nun auch gegen Raubüberfälle an der Zapfsäule versichern kann.

Police als Werbegeschenk

Es ist die - den automobilen Göttern sei Dank - Benzinpreisversicherung, die nicht nur den Zufrühtanker und Ampelranroller vor dem staatlich sanktionierten Eigentumsdelikt an der Zapfsäule retten soll. Für nur knapp zwanzig Euro kann sich der geplagte Automobilist dagegen versichern, daß der Benzinpreis über eine zuvor vereinbarte Marke steigt, die rund 15 Prozent über dem derzeitigen Preis liegt. Steigt der Benzinpreis darüber, so übernimmt die Versicherung die Mehrkosten für bis zu 2000 Liter.

Die Idee zu dieser eher ungewöhnlichen Versicherung hatte nicht der ADAC, sondern Thomas Dellenbusch, ein ehemaliger Kriminaloberkommissar, der den sicheren Staatsdienst quittierte, um sich mit einer Werbeagentur selbständig zu machen. Die Idee hinter der Benzinpreisversicherung ist recht einfach: Unternehmen sollen ihren Kunden eine solche Police als Werbegeschenk mit auf den Weg geben, beispielsweise bei Finanzierungen. Rund drei Viertel aller Finanzierungen sind Automobilfinanzierungen, warum nicht als Dreingabe einen Versicherungsschutz vor steigenden Benzinpreisen?

Kein Werbescherz

Selbiges hat sich beispielsweise der Finanzdienstleister Delta Lloyd gedacht: Er schenkt jedem Kunden, der im Zuge einer Finanzierung bei Delta Lloyd eine Restschuldversicherung abschließt, eine Benzinpreisversicherung. Wer derart vor steigenden Spritpreisen geschützt ist, kann dann wohl auch etwas höhere Raten verkraften, könnte man boshafterweise unterstellen. Man rechne damit, mindestens 10.000 Policen zu verschenken, heißt es bei Delta Lloyd - will heißen: Man hofft, mindestens 10.000 Versicherungen zu verkaufen.

Die Versicherung ist zwar eine Werbemaßnahme, aber kein Werbescherz: Die Police ist bei den Behörden ordnungsgemäß registriert, versichert sind die Kunden beim niederländischen Versicherungskonzern Hullberry Insurance Company, der ähnlich wie Lloyds of London auch ungewöhnliche Policen abschließt. Hullberry dürfte einiges gewohnt sein, nicht zuletzt auch deswegen, weil man nicht das erste Mal mit Dellenbusch zusammenarbeitet: Bereits im Sommer kegelte der zusammen mit den Niederländern eine Sonnenbrillenversicherung aus. Die Idee: Beim Kauf der Sonnenbrille bekamen die Kunden der Optiker, die an dieser Aktion teilnahmen, sozusagen eine Sonnengarantie verkauft. Das Versprechen: Scheint die Sonne in diesem Jahr weniger als 500 Stunden, so erhält der Kunde den Kaufpreis der Sonnenbrille zurückerstattet.

Lotto- und Unfallfrustversicherung?

Sosehr das wieder nach Werbetrick klingt, so sorgfältig wurden die Konditionen festgelegt: Der Deutsche Wetterdienst zählt die deutschen Sonnenstunden und stellt damit fest, wann die Versicherung fällig wird - damit gibt es einen objektiv überprüfbaren Tatbestand, an dem der Kunde festmachen kann, ob die Versicherungssumme fällig wird oder nicht.

Dellenbusch ist mit seinen Versicherungsideen noch nicht am Ende: Die Lottoversicherung, die den vom ständigen Mißerfolg geplagten Lottospieler entschädigt, scheiterte zwar am fehlenden Einverständnis des Innenministeriums, doch man ist bereits am Nachdenken über eine „Winterversicherung“, die den Käufer von Skiern oder Wintermänteln für fehlenden Schnee entschädigt, ebenso wie über eine „Unfallfrustversicherung“, die einen unfallgeschädigten Autofahrer für den Behördenärger und sonstige Unannehmlichkeiten entschädigt - ein Produkt nicht nur für Einparkhilfenbenutzer.

Börsenfrustversicherung gibt es bereits

Auch über eine Politikversicherung - sie zahlt, wenn die falsche Partei gewinnt - hat Dellenbusch schon nachgedacht. Zumindest eine Versicherungsidee, die der findige Marketing-Experte erwägt, haben ihm die Börsen allerdings schon vorweggenommen: Seine „Börsenfrustversicherung“ gibt es bereits jetzt schon käuflich im Derivatehandel zu erwerben, heißt dort nur etwas anders.

Leider ist es mit diesen Börsenversicherungspapieren genauso wie mit normalen Versicherungen: Man weiß immer erst hinterher, ob man sie gebraucht hätte, und der einzige, der bei einer Versicherung immer gewinnt, ohne dabei gleich zu sterben oder abzubrennen, ist der Versicherungsverkäufer.

Text: hbe. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2004, Nr. 289 / Seite 23

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