Betrügerischer Händler

Nick Leeson - Doppeltes Risiko, doppelter Verlust

Nick Leeson - “sprengt“ die Barings Bank

Nick Leeson - "sprengt" die Barings Bank

24. Februar 2004 Angeblich verdient Nick Leeson mittlerweile 90.000 Euro pro Vortrag. Doch schenkt man Presseberichten Glauben, dann bleibt dem Mann, der die ehrwürdige Barings-Bank ruinierte, nicht viel davon übrig. Einen Teil gebe er, der während seines Gefängnisaufenthalts selbst schwer erkrankt war, an die Krebsforschung. Den Rest der Honorare müsse er mit den Konkurs-Verwaltern der Barings-Bank teilen. Bei diesen Honoraren dürfte es also noch eine ganze Weile dauern, bis er den Schaden von rund 1,3 Milliarden Euro abgearbeitet hat, den er mit seinen waghalsigen Wetten gegen den japanischen Aktienmarkt angerichtet hat.

Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als Barings, die Bank der britischen Könige, eine der feinsten Londoner Adressen seit 1762, 1992 Nick Leeson nach Singapur schickte, wo er Preisdifferenzen zwischen japanischen Derivaten ausnutzen sollte. Ein risikoloses Geschäft: An der einen Terminbörse kauft man Kontrakte und verkauft sie an der anderen Terminbörse zu einem höheren Preis - damit gibt es zu jeder offenen Position eine Gegenposition, das Risiko ist also minimal. Doch statt dessen spekulierte Leeson auf die Richtung des japanischen Aktienmarktes und hatte an beiden Terminbörsen offene Positionen - doppeltes Risiko statt Absicherung.

Handel und Abwicklung in einer Hand - das mußte schiefgehen

Damit Leeson sein riskantes Spiel fahren konnte, mußte noch ein zweiter Umstand hinzukommen: Anders als üblich war er nicht nur für den Handel zuständig, sondern auch für die ordnungsgemäße Abwicklung der Handelsgeschäfte. Dies erst ermöglichte es ihm, Verluste und nicht genehmigte offene Positionen vor seinem Arbeitgeber zu verheimlichen, indem er ein geheimes Konto nutzte. Doch das Schicksal wendet sich gegen Leeson. Statt wie von ihm erhofft zu steigen, fiel der Nikkei.

Leeson tat das, was jeder Spieler tut: Er verdoppelte den Einsatz, erhöhte seine Wetten auf einen steigenden Nikkei, indem er zusätzlich zu den Terminkontrakten Puts auf den Nikkei schrieb: Fällt der Nikkei weiter, muß er den Index zum höheren Kurs kaufen. Mit den Prämieneinnahmen aus diesen Optionen konnte er die Sicherheitseinlagen bezahlen, welche die Terminbörse von ihm für seine Terminkontrakte verlangte. Unter dem Strich hatte Leeson Wetten auf Kursbewegungen in Höhe von nominal 60 Milliarden Dollar laufen. Schließlich konnte er, konnte Barings den von der Terminbörse verlangten Sicherheitseinlagen nicht mehr nachkommen - die Bank wurde zahlungsunfähig. Zu Buche stand ein Verlust von 1,4 Milliarden Dollar. Leeson wurde 1995 zu sechseinhalb Jahren Haft wegen Urkundenfälschung, Untreue und Betrugs verurteilt. Die ehrwürdige Barings-Bank wurde an den holländischen ING-Konzern verkauft - für die stolze Summe von einem Pfund.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.04
Bildmaterial: AP

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