Wall Street

Inflationsfurcht treibt die Anleiherenditen in die Höhe

Auf dem amerikanischen Kapitalmarkt steigt die Zinskurve

Auf dem amerikanischen Kapitalmarkt steigt die Zinskurve

18. Mai 2006 An den amerikanischen Finanzmärkten geht die Inflationsfurcht um. Börsianer und Anleiheinvestoren sind in Sorge, die Verbraucherpreisinflation werde sich beschleunigen und die Notenbank (Fed) zu weiteren Zinsschritten zwingen. Zweifel an der Fähigkeit der Währungshüter, die Inflation angesichts hoher Energiepreise im Zaum zu halten, drücken auf die Kurse von Aktien und festverzinslichen Wertpapieren. Die langfristigen Inflationserwartungen - ein Gradmesser hierfür ist der Renditeabstand zwischen inflationsgeschützten Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit und herkömmlichen Papieren derselben Laufzeit - haben sich von 2,34 Prozent zu Beginn des Jahres auf 2,71 Prozent erhöht.

Innerhalb weniger Wochen hat sich damit auch die Gestalt der Zinsstrukturkurve am amerikanischen Kapitalmarkt grundlegend geändert: War die Kurve noch Ende März weitgehend flach und neigte sich gelegentlich sogar nach rechts - zweijährige Staatsanleihen warfen am 29. März 4,82 Prozent ab, Papiere mit zehn Jahren rentierten mit 4,81 Prozent -, so ist sie seither ein gutes Stück steiler geworden. Die Rendite der Zehnjährigen beträgt derzeit 5,14 Prozent, Staatsanleihen mit zwei Jahren Laufzeit liegen bei 4,97 Prozent. Die Sorgen vieler Marktakteure vor einer schnellen Abkühlung des Wachstums, die mit einer flachen oder „inversen“ Zinskurve häufig in Zusammenhang gebracht werden, sind der Furcht vor einer höheren Inflation gewichen.

Anstieg der Kerninflationsrate auf 2,3 Prozent

Die jüngsten Inflationsdaten für April haben dennoch zahlreiche Bankvolkswirte an Wall Street überrascht. Insbesondere den Anstieg der Kerninflationsrate um 0,3 Prozent hatten viele Beobachter nicht erwartet. Die Jahresrate der Kerninflation erhöhte sich von 2,1 auf 2,3 Prozent. Es gilt als wahrscheinlich, daß Fed-Chairman Bernanke mittelfristig eine Kerninflation von höchstens 2 Prozent als wünschenswert ansieht. „Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Fed auf der nächsten Ratssitzung im Juni den Leitzins nicht weiter heraufsetzt, ist deutlich gesunken“, sagt Ian Shepherdson, Amerika-Ökonom der Analysegesellschaft High Frequency Economics.

Er verweist aber darauf, daß die Wohnungskomponente im Preisindex für einen Großteil des Anstiegs verantwortlich sei. „Der Anstieg der Mieten und der Kosten der Hausbesitzer stellt aber nur eine relative Preisverschiebung dar und keine wahre Inflation“, sagt er. Die Fed solle sich von einem möglichen weiteren Anstieg der Kerninflation nicht beirren lassen und den Blick auf die erwartete Abkühlung der Konjunktur richten. „Je mehr die Märkte auf einen Zinsschritt dringen, desto schwieriger wird es für Bernanke zu widerstehen“, sagt er mit Blick auf die Terminmärkte, wo derzeit ein Zinsschritt von 5 auf 5,25 Prozent mit einer Wahrscheinlichkeit von etwas mehr als 50 Prozent gehandelt wird.

„Die großen Inflationssorgen sind überzogen“

„Die großen Inflationssorgen sind überzogen. Diese Botschaft sollte die Fed senden, wenn sie klar und transparent in der Geldpolitik sein will“, sagt David Rosenberg, Chefökonom von Merrill Lynch. Auch Rosenberg sieht allerdings die Gefahr, daß die Märkte die Fed zu einer unnötigen Zinserhöhung drängen. Eine Reihe von Vorlaufindikatoren habe zuletzt Hinweise auf eine Abschwächung des Wachstums gegeben. „Die Leitzinsen noch in einen Abschwung hinein zu erhöhen ist nicht gut“, sagt der Bankökonom. Maury Harris von der Investmentbank UBS hält eine Pause in der Runde von Leitzinserhöhungen nun zwar für weniger wahrscheinlich, gleichwohl wäre sie seiner Ansicht nach angebracht.

Text: F.A.Z., 19.05.2006, Nr. 116 / Seite 25
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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