Von Christian von Hiller
21. Oktober 2005 Bei der zusammengebrochenen Phoenix Kapitaldienst haben die Initiatoren neuen Vermutungen zufolge ihr eigenes Spiel gespielt.
Durch einen raffinierten Kniff haben sie sich offenbar selbst an dem Kapitalanlagebetrug beteiligt, der einen Schaden von schätzungsweise 500 bis 840 Millionen Euro verursacht hat.
50 Millionen Euro Verlust
Phoenix hatte seinen Kunden von 1992 an Spekulationen auf den Terminmärkten angeboten. Und weil es gemeinsam viel praktischer ist, wurden die Gelder im Rahmen eines speziellen Produkts, dem Phoenix Managed Account, auf einem Sammelkonto angelegt.
Doch bald stellten die Initiatoren fest, daß man auf den Terminmärkten auch Geld verlieren kann, viel Geld sogar. 50 Millionen Euro Verlust hatte Phoenix in fünf Jahren, zwischen 1993 und Juli 1998, mit fehlgeschlagenen Spekulationen erlitten.
Phantastische Phantasierenditen
Da dachte man sich bei Phoenix offenbar, daß es besser ist, das Geld der Kunden lieber nicht zu investieren, sondern es gleich zu behalten. Größere Beträge fand Insolvenzverwalter Frank Schmitt von der Rechtsanwaltskanzlei Schultze & Braun auf Konten bei der Frankfurter Sparkasse.
Das sollte die an diesem Betrug Beteiligten aber nicht daran hindern, phantastische Phantasierenditen auszuweisen:
In einem Jahr waren es 20,8 Prozent, dann 17 Prozent oder auch mal nur 13,2 Prozent. Spätestens ab 1994 waren die Nettorenditen frei erfunden, sagte Schmitt auf der Gläubigerversammlung Anfang Oktober.
Wegen Wissensvorsprung Geld abgezogen
Doch warum sollen eigentlich nur die Kunden diese hohen Renditen gutgeschrieben bekommen, fragten sich den Mutmaßungen der Ermittler zufolge einige Beteiligte im Umfeld von Phoenix Kapitaldienst - und haben selbst auf das Phoenix Managed Account eingezahlt.
Auf diese Weise haben auch sie von den fiktiven Traumrenditen profitiert. Doch im Unterschied zu den übrigen 31.000 Anlegern, die ahnungslos ihre Spargroschen bei Phoenix angelegt hatten, nutzten die Phoenix-Insider ihren Wissensvorsprung und konnten vermutlich einen großen Teil ihres Geldes abziehen - erhöht um die stattlichen Scheingewinne, die bei Auszahlung real wurden.
Und das war im Vergleich zu den übrigen Anlegern der entscheidende Unterschied.
Die wahre Identität der Konten-Inhaber
Bisher ist dieses Szenario eine Mutmaßung der Ermittler. Dem Anschein nach haben die Profiteure vom Schneeballsystem Phoenix ihre Konten unter Tarnnamen eröffnet. Deshalb geht Insolvenzverwalter Schmitt derzeit die Depotunterlagen durch, um die wahre Identität der Inhaber auffälliger Konten herauszufinden.
Erstaunlicherweise wähnten sich führende Köpfe von Phoenix - etwa der Chefhändler Michael Milde oder die Geschäftsführerin Elvira Ruhrauf - bis zuletzt in Sicherheit. Jedenfalls versuchten sie nicht, sich abzusetzen, sondern konnten im Juni in Untersuchungshaft genommen werden.
Sollten sich die Vermutungen bewahrheiten und die Drahtzieher identifiziert werden, könnte Schmitt unter Umständen weiteres Vermögen für die Insolvenzmasse sichern.
Unterlagen geschreddert
Sicher ist bisher nur, daß Geschäftsführerin Ruhrauf, nachdem der Betrug im März dieses Jahres schon aufgeflogen war, noch Zahlungen an bestimmte Anleger und an gute Bekannte vorgenommen hatte.
Auch wurden zahlreiche Unterlagen auf die Schnelle noch geschreddert, bevor sie in die Hände der Ermittler gelangen konnten. Diese Akten konnten allerdings zum großen Teil wiederhergestellt werden.
Erstaunlich am Fall Phoenix Kapitaldienst ist nicht nur die Dreistigkeit, mit der die Initiatoren vorgegangen sind, sondern auch, daß sie so lange unentdeckt geblieben sind.
Niemandem fielen die Betrügereien auf
Weder der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) noch dem Wirtschaftsprüfer oder dem Sondergutachter, geschweige denn den Börsenhändlern, mit denen Phoenix zusammengearbeitet hatte, sind die Betrügereien aufgefallen.
Für die Abwicklung der Termingeschäfte, die trotz aller Scheingeschäfte in gewissem Umfang stattfanden, wechselte Phoenix 2000 übrigens zum amerikanischen Skandalbroker Recto, der vor kurzem - allerdings aus anderen Gründen - Insolvenz anmelden mußte.
Durch die neue Spur wird die Debatte um die Insolvenz von Phoenix jedenfalls um eine Nuance reicher: Nicht alle Anleger, die ihr Geld rechtzeitig vor dem Zusammenbruch aus der Konstruktion abgezogen haben, hatten einfach nur Glück.
Gewinne in Sicherheit gebracht
Möglicherweise haben einige einfach nur ihren Informationsvorsprung genutzt und ihre Gewinne in Sicherheit gebracht.
So hätten sie sich an den Einzahlungen der anderen Anleger bereichert. Anlegeranwälte hatten kritisiert, daß der Insolvenzverwalter unter Umständen ausbezahlte Scheingewinne zurückfordern wird.
Sollte Schmitt jedoch darauf verzichten, riskiert er, daß solche Großmut in erster Linie einigen geschickten Profiteuren nützt.
Text: F.A.Z., 22.10.2005, Nr. 246 / Seite 23
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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