Lebensversicherungen

Renten für die Krabbelgruppe

23. Dezember 2004 Die deutschen Lebensversicherer haben die Krabbelgruppe als neuen Kundenkreis entdeckt. Mit dem Hinweis auf die unsichere staatliche Altersvorsorge preisen sie Verträge mit extrem langen Laufzeiten an, die Eltern oder Großeltern heute abschließen sollen, um die Rente der nächsten Generation zu finanzieren.

Verschiedene Unternehmen haben Lebens- oder Rentenversicherungen mit so klingenden Namen wie „Maxi Rent“ (Gerling), „Allianz Kinderplan Vorsorge“ oder „Biene Maja Junior Schutzbrief“ (Nürnberger) speziell für Kinder entwickelt. Allerdings kritisieren Verbraucherschützer die Verträge, die Laufzeiten von mehr als 60 Jahren haben können.

Traumhafte Renditen und Auszahlungen in Millionenhöhe

Neben der Warnung vor dem wankenden Generationsvertrag und dem Argument des Steuervorteils bei Abschluß einer Lebensversicherung in diesem Jahr setzen die Lebensversicherer bei ihrer Kundenwerbung vor allem auf die Magie der Zahlen. Dank Zinseszinseffekt verspricht die Beispielrechnung von Gerling für ihr Produkt „Maxi Rent“ traumhafte Renditen und Auszahlungen in Millionenhöhe.

Wer nur 100 Euro monatlich für seine Kinder in der fondsgebundenen Rentenversicherung anlege, könne für Sohn oder Tochter bei 64 Jahren Laufzeit am Ende 1 917 136 Euro herausbekommen, prognostiziert Gerling. Allerdings ist die zugrunde liegende Wertentwicklung der Fonds mit durchschnittlich 8 Prozent pro Jahr keineswegs sicher und zudem sehr optimistisch veranschlagt.

„Es lief auch schon vor dem Steuerboom super“

Sicher ist jedoch, daß dem Vermittler bei Abschluß eines Vertrages ein hübsches Sümmchen zusteht. Er erhält sofort bis zu 5 Prozent der Prämie, wobei die Provision meist nur für die ersten 35 Jahre der Laufzeit berechnet wird. So geht der Versicherte bei einer monatlichen Prämie von 100 Euro erst einmal mit 2000 Euro oder noch mehr in Vorlage.Diese Summe muß in den ersten Vertragsjahren abgezahlt werden, ehe das erste Geld verzinst angelegt werden kann.

Dessenungeachtet verkaufen sich die Kinderpolicen hervorragend. Jürgen Schwarz, Leiter des Produktmanagements der Gerling Leben, stellt zufrieden fest, daß „Maxi Rent“, seit Januar 2004 auf dem Markt, sehr erfolgreich ist. „Es lief auch schon vor dem Steuerboom super“, sagt Schwarz. Die R+V Versicherung, die zwar keine speziellen Kinderpolicen im Angebot hat, aber die gängigen Lebens- und Rentenversicherungen auch für Kinder anbietet, hat in diesem Jahr ein großes Interesse von Eltern und Großeltern festgestellt. Auch die Allianz, die dem Versicherten mit ihrem „Kinderplan Vorsorge“ eine „lebenslange Sicherheit“ suggeriert, zeigt sich zufrieden.

Abhängig von der spezifischen Situation des Versicherungsnehmers

Wer mit dem Gedanken spielt, eine Kinderpolice abzuschließen, sollte berücksichtigen, daß sich eine Lebens- oder Rentenversicherung nur lohnt, wenn man die Versicherung über die vereinbarte Laufzeit durchhält. Wird sie vorher gekündigt - was in Deutschland bei etwa der Hälfte aller Lebensversicherungen der Fall ist -, hat man einen guten Teil des Geldes umsonst bezahlt. Keiner vermag jedoch im voraus zu sagen, ob der Versicherte, wenn er die Beiträge mit Erreichen der Volljährigkeit oder Eintritt ins Berufsleben übernimmt, weiterhin in seine Altersvorsorge investieren möchte. Bei der DEVK hat man diese Schwierigkeit erkannt. Dort heißt es, man schließe Lebens- und Rentenversicherungen für Kinder nur auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden ab, weil die Stornoquote sehr hoch sei. Schließlich könne man bei kleinen Kindern noch nicht abschätzen, welches Produkt für ihre spätere Lebenssituation optimal sei.

Lilo Blunck, Vorsitzende des Bundes der Versicherten (BdV), spricht ein anderes Problem an, das eine Versicherung mit so langen Laufzeiten birgt: „Kinder oder Enkelkinder wollen erst einmal einen Führerschein machen oder ihre Wohnung einrichten. Diese Investitionen müssen getätigt werden, bevor man Geld für Altersvorsorge zurücklegt“, sagt Blunck.

Auch bei der Axa möchte man nicht pauschal zu Versicherungen mit extrem langen Laufzeiten raten. Ob sich Kinderpolicen lohnen würden, sei immer von der spezifischen Situation des Versicherungsnehmers abhängig, heißt es. Allerdings wird auf einen Steuervorteil hingewiesen, der einige Axa-Kunden dazu bewege, diese Art der Versicherung abzuschließen. Man könne nämlich auf diesem Weg ein Teil des Erbes übertragen, ohne es voll versteuern zu müssen.

Text: jul. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2004, Nr. 301 / Seite 19

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