Analyse

Rußlands Wirtschaft dürfte auch 2006 weiter wachsen

Künftig können sich wohl wieder mehr Russen Kaviar leisten

Künftig können sich wohl wieder mehr Russen Kaviar leisten

29. Dezember 2005 Getragen von den hohen Rohstoffpreisen und dem darauf fußenden Konsumboom kann Rußland auch für 2005 mit einigen ansehnlichen volkswirtschaftlichen Daten aufwarten (siehe Tabelle). So wächst die 581 Milliarden Dollar große Wirtschaft in diesem Jahr vermutlich mit einer Rate von 6,5 Prozent, die Arbeitslosenquote dürfte auf 7,2 Prozent sinken und die real verfügbaren Einkommen werden vermutlich um 12,4 Prozent zulegen und die Einzelhandelsumsätze um zwölf Prozent steigen.

Als sehr erfreulich sind auch die kontinuierlich fallenden Staatsschulden zu bewerten sowie die stetig steigenden Währungs- und Goldreserven. Zum Stichtag 23. Dezember beliefen sich diese auf den Rekordwert von 174 Milliarden Dollar. Getrieben durch die Einnahmen aus den Ölexporten sind sie somit verglichen mit dem Vorjahresniveau um 40 Prozent gestiegen. Zur Erinnerung: 1998, in dem Jahr also, in dem das Land bei einem Preis von zehn Dollar je Dollar in Zahlungsverzug bei der Bedienung seiner Schulden kam, betrugen die Währungs- und Goldreserven gerade einmal zwölf Milliarden Dollar.

Auf Basis dieser Zahlen dürfte Standard & Poor's der Mitte Dezember gefaßte Beschluß nicht allzu schwer gefallen sein, das Rating für die langfristigen Fremdwährungsanleihen von BBB auf BBB+ und die Note für die kurzfristigen Fremdwährungsanleihen von A-3 auf A-2 anzuheben. „Die Höherstufung spiegelt die gestiegene Finanzkraft des Staates wider, die wiederum auf den ungewöhnlich hohen Ölpreisen und einer erfolgreichen Schuldenpolitik beruht“, begründete S&P-Analystin Helena Hessel die Entscheidung. Gleichzeitig warnte sie aber: „Die großen politischen und institutionellen Risiken, die das Rating belasten, dürften sich vor den 2008 anstehenden Präsidentschaftswahlen verstärken.“ Trotz dieser Problematik rechnet sie aber nicht damit, daß dies eine Gefahr für die Bedienung der kontinuierlich fallenden Staatsschulden darstellen wird.

Nicht alles ist Gold, was glänzt

Der Einwand von Hessel zeigt aber auch, daß Russland trotz vieler positiver Entwicklungen noch lange keine problemfreie Zone ist. Ganz im Gegenteil: Einige Rahmendaten sind sogar dazu angetan, bei kritischen Volkswirten Kopfschmerzen auszulösen. Was die harten Fakten angeht, bereitet derzeit insbesondere die noch immer viel zu hohe Inflation Sorgen. Laut Merrill Lynch dürfte die
Inflationsrate, die sich 2004 auf 11,7 Prozent einstellte, Ende 2005 bei 11,5 Prozent liegen. Und 2006 sehen die dortigen Analysten die Teuerung bei 10,8 Prozent. Sie würde damit bei über zehn Prozent verharren und damit das Ziel der Regierung, die Inflation 2006 auf 8,5 Prozent zu drücken, verfehlen. Ursprünglich hatte Russland auch für dieses Jahr eine Teuerungsrate von 8,5 Prozent angepeilt. Die hohe Inflation, die auf Ebene der Produzentenpreise mit einem Plus von annähernd 20 Prozent sogar noch etwas gravierender als bei den Konsumentenpreisen ausfällt, ist auch deshalb ein Problem, weil sich gleichzeitig der Rubel schon seit längerer Zeit relativ stabil präsentiert. Über die daraus resultierende reale Rubel-Aufwertung drückt das unter dem Strich auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Kritisch zu werten ist auch der in einigen Bereichen, wie etwa dem Energiesektor, unübersehbare wachsende Einflußnahme des Staates, die als ein negativer Nebeneffekt auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen drückt. Als falsch angeprangert wurde diese Entwicklung wiederholt auch von Andrei Illarjonow, dem jüngst zurückgetretenen Wirtschaftsberater von Präsident Putin. Seinen Rücktritt begründete der Wirtschaftsliberale Illarjonow zudem mit der aus seiner Sicht zunehmenden Einschränkung der Freiheitsrechte in Rußland. Sollten sich die von ihm kritisierten Mißstände fortsetzen, drohe ein Mißmanagement wie in den ebenfalls ölreichen Ländern Venezuela und Saudi Arabien. Auch nach Ansicht der Weltbank-Ökonomen leidet das Investitionsklima in Rußland nach wie vor „unter einem hohen Grad an Unsicherheit, vor allem in der Beziehung zwischen Regierung und Unternehmern in den so genannten strategischen Sektoren“.

Bemängelt wurden im jüngsten Weltbank-Bericht über Rußland zudem, die offenbar auf die Zeit nach der Präsidentenwahl 2008 verschobenen Reformen. Zu langsam vorangetriebene Strukturveränderungen sind auch einer der wichtigsten Kritikpunkte der liberalen Kräfte innerhalb der russischen Regierung. So hat Wirtschaftsminister German Gref schon des Öfteren eindringlich vor einer zunehmenden Rückverstaatlichung in den russischen Schlüsselindustrien gewarnt und stattdessen dazu aufgerufen, mehr in Bildung und Infrastruktur zu investieren. Wichtig wäre es auch, für ein landesweit ausgewogeneres Wachstumstempo zu sorgen. Denn während es 2004 erst 19 Regionen mit weniger als einem dreiprozentigem Industriewachstum (neun davon mit rückläufiger Entwicklung) gab, ist deren Zahl 2005 schon auf 37 (23) gestiegen. Und nicht vergessen werden darf natürlich auch, daß in Russland in der 145 Millionen starken Bevölkerung noch immer 25 Millionen unterhalb der Armutsgrenze leben.

Hohe Rohstoffpreise dürften die Konjunktur auch weiterhin stützen

Trotz der erwähnten Mängel und der sicherlich berechtigten Kritik gab es zuletzt aber auch einige Verbesserungen zu registrieren. Laut Weltbank zählt dazu die Ankündigung des Kreml, gegen die Willkür der Steuerbehörden vorgehen zu wollen. Zudem hat Putin inzwischen eine weitgehende Amnestie für mögliche Vergehen während der Privatisierung in den 90er Jahren gewährt. Als ein wichtiges Zeichen dafür, daß sich die Dinge unter dem Strich durchaus in die richtige Richtung bewegen, kann auch der 2005 gestoppte Kapitalabfluß aus dem privaten Sektor ins Ausland gewertet werden.

Zusammengefaßt zeichnet sich auch im Jahr 2006 ein anhaltend des Wirtschaftsaufschwungs ab. Vielleicht gelingt es da sogar die seit drei Jahren rückläufige Wachstumsdynamik umzukehren. Nach Zuwächsen beim Bruttoinlandsprodukt von 7,3, 7,1 und geschätzten 6,5 Prozent in den Jahren 2003, 2004 und 2005 sagen zumindest die Analysten von Merrill Lynch für 2006 ein Anziehen des Wachstums auf plus sieben Prozent voraus. Als Stütze dürften sich dabei die Staatsausgaben erweisen, die um 20 Prozent erhöht werden sollen. „Die stark steigenden Staatsausgaben dürften die Konsumausgaben ankurbeln“, glaubt Analyst Vladimir Gersamia. Als negative Begleiterscheinung wird diese Spendierfreudigkeit gleichzeitig aber auch die Inflation hoch halten.

Unabhängig von der Inflationsproblematik gibt man sich bei Goldman Sachs langfristig mit Blick auf Rußland sehr optimistisch. Wird dem Land in einer Studie bis 2050 doch ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 55.630 Dollar prognostiziert, was gemessen am Niveau von 2004 ungefähr einer Verzehnfachung entspräche. Ob sich Hoffnungen wie diese erfüllen, hängt derzeit aber noch in hohem Maße von der weiteren Entwicklung der Rohstoffpreise ab. Schließlich ist Rußland der weltgrößte Energielieferant und Öl, Gas und Metalle stehen für mehr als die Hälfte der Exporteinnahmen. In dieser Hinsicht sieht es momentan aber recht gut aus, gehen die meisten Experten doch von anhaltend hohen Rohstoffpreisen aus.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: FAZ.NET, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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