26. Juli 2005 Die Pläne der Deutschen Börse für ein neues, auf dem weitgehend unregulierten Freiverkehr aufbauendes Wachstumssegment rufen bei Anlegerschützern und Fondsmanagern Skepsis hervor. Transparenz und ein gewisses Regelwerk dürfen keinesfalls fehlen, fordert Karl Fickel, Partner des auf Nebenwerte spezialisierten Fonds Lupus alpha. Ein Privatanleger habe kaum eine Chance, sich ausreichend zu informieren. Aktionärsschützer betrachten zudem die Pläne für eine Beschränkung der neuen Plattform auf bei der Börse registrierte Anleger mit Argwohn.
Ein Börsenführerschein ist eine Schnapsidee, beklagt Klaus Schneider, Vorstandschef der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Die Deutsche Börse will, wie berichtet, noch in diesem Jahr ein Fenster im Freiverkehr mit erhöhten Transparenzpflichten für inländische Unternehmen eröffnen. Die Regeln für dieses Fenster sehen einen testierten Jahresabschluß vor, der spätestens ein halbes Jahr nach Ende des Geschäftsjahres vorgelegt werden muß. Auch ein Unternehmenskalender und ein Unternehmensprofil werden wohl zu den Pflichten gehören. Darüber hinaus sollen kursbewegende Nachrichten sofort veröffentlicht werden.
Wie ein Blindflug
Fickel bemängelt, daß die Anleger nur einmal im Jahr mit Geschäftszahlen versorgt werden sollen. Das ist wie ein Blindflug. Statt dessen sollten die Unternehmen unterjährig Zahlen wie den Auftragseingang oder den Umsatz, die intern ohnehin erhoben würden, untestiert veröffentlichen müssen, schlug er vor. Dann werde auch bei den dringend gebrauchten ausländischen Investoren Interesse geweckt. Auch eine Investorenkonferenz sei notwendig, forderte er.
Mit den Plänen hat die Deutsche Börse vor allem auf den Druck der Emittenten und der Wagniskapitalgesellschaften - die fieberhaft nach einer Ausstiegsmöglichkeit für ihre Beteiligungen suchen - reagiert. Denn während in Frankfurt vor mehr als zwei Jahren das Wachstumssegment Neuer Markt abgeschafft wurde, hat die Londoner Börse mit dem Alternative Investment Market (AIM) - vor allem dank steuerlicher Begünstigungen für die Anleger - regen Zulauf. Die Stuttgarter und die Münchener Börse haben mit Gate-M und Maccess bereits Mittelstandssegmente eingeführt. Die Konkurrenz der verschiedenen Mittelstandsmodelle hatte jüngst Kritiker auf den Plan gerufen. Uto Baader, Chef der Baader Wertpapierhandelsbank, hatte die Kleinstaaterei bemängelt und eine deutschlandweite Privatanlegerplattform gefordert. Die Stuttgarter Börse hatte sich freilich vor kurzem öffentlich gegen eine deutschlandweite Lösung gesträubt.
Etablierte und junge Unternehmen
Der privatrechtlich organisierte, nicht vom Staat regulierte Freiverkehr ist eine Spielwiese für Börsenneulinge. Es gebe so gut wie keine Anforderungen an die Unternehmen, erläutert eine Börsensprecherin. Die Ad-hoc-Pflicht für kursrelevante Tatsachen wird in der Freiverkehrsordnung beispielsweise durch die wachsweiche Formulierung ersetzt, die Börse - und nicht direkt die Anleger - müsse über Umstände, die für die Bewertung des Wertpapiers oder des Emittenten von wesentlicher Bedeutung sein können, unverzüglich informiert werden. Die Unternehmen können ihre Aktien dort zudem über eine Privatplazierung ohne öffentliches Angebot und Verkaufsprospekt an der Börse listen lassen. Den aufwendigeren Weg des öffentlichen Angebots hatten zuletzt Ifa Systems und Net Mobile gewählt.
Nur 165 der rund 5800 im Freiverkehr notierten Unternehmen stammen aus dem Inland. Darunter befinden sich etablierte Werte wie Paul Hartmann, aber auch junge Wachstumsunternehmen, die noch kaum Umsätze vorweisen können. Wer dieses Jahr in einen der neun Neulinge im Freiverkehr investiert hat, konnte sich häufig über große Kursgewinne erfreuen. Der Kurs des Spitzenreiters Nanostart, der seine Aktien Anfang Juni in diesem Segment plazierte, hat sich seither verdreifacht. Und auch andere Werte konnten beachtliche Steigerungsraten verbuchen.
Hohes Risiko
Doch das vermeintliche Anlegerparadies entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Spiel mit hohem Risiko; denn trotz der fortlaufenden Betreuung durch eine Bank (Designated Sponsor) ist die Liquidität häufig gering, rasante Kursstürze jederzeit möglich. Außerdem raten Experten mit Hinweis auf unzureichende Informationspflichten ab. Es kann auch gutgehen, wenn man ohne elektrische Erfahrungen barfuß bis zu den Knien im Wasser steht und ein Starkstromkabel verlegt, beschreibt Fickel das Risiko. Wer beispielsweise 2004 auf den Faltencremehändler Mercatura setzte, hat bislang mehr als die Hälfte des Einsatzes verloren.
Ungehindert davon rechnen die auf kleinere Börsengänge spezialisierten Investmentbanken wie VEM oder Concord Effekten mit einem neuen Aufschwung für Kleinstwerte. Initiativen wie Maccess in München haben das wieder salonfähig gemacht. Das löst gerade einen neuen Boom nach Mini-Börsengängen aus, frohlockt Andreas Beyer, Vorstand der VEM Aktienbank. In zwei bis drei Jahren werden wir ähnliche Verhältnisse haben wie in Großbritannien mit der AIM. Bis Jahresende seien noch 15 bis 40 weitere Plazierungen am Freiverkehr denkbar.
Text: da., F.A.Z., 27.07.2005, Nr. 172 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z.
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| DEUTSCHE POSTBANK AG | +0,89 | +2,10 |
| CONTINENTAL AG INHAB | -0,11 | -0,15 |
| MERCK KGAA INHABER - | -0,78 | -1,03 |
| MAN AG STAMMAKTIEN O | -3,17 | -5,14 |
| THYSSENKRUPP AG INHA | -1,52 | -5,01 |
| DAIMLER AG NAMENS - | -1,76 | -4,24 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.127,44 | -2,42 |
| TecDax | 761,19 | -4,17 |
| DowJones | 11.220,96 | +0,29 |
| Nasdaq | 2.255,88 | -0,14 |
| STOXX 50 | 3.185,83 | -2,72 |
| Nikkei 225 | 12.212,23 | -2,75 |
| S&P 500 Zert. | 12,28 | -3,08 |
| Euro/Dollar | 1,43 | +0,01 |
| Bund Future | 115,28 | +0,12 |
| Gold | 802,80 | +0,00 |
| Öl | 104,17 | -3,09 |