„Ein Treiber der Aktienmärkte“

Wer nicht fusioniert, wird abgestraft

11. April 2007 Die europäischen Aktienmärkte sind im Übernahmerausch. Akquirieren, fusionieren, verkaufen - oder abgestraft werden. Nach dieser Devise handeln derzeit viele Aktienanleger. Während die größten Gewinner im Deutschen Aktienindex Dax seit Jahresbeginn allesamt in irgendeine Art von Akquisition oder Verkauf involviert sind oder zumindest als Übernahmekandidat gelten, leiden diejenigen unter Kursverlusten, die aus eigener Kraft wachsen wollen oder ohne klare Strategie auf hohen Geldbergen sitzen. „Fusionen und Übernahmen sind sicherlich weiterhin ein Treiber der Aktienmärkte“, sagt Holger Bross, der bei Merrill Lynch das Investmentbanking-Geschäft mit deutschen Unternehmen leitet.

Der in dieser Woche angekündigte Erwerb des Sportartikelherstellers Puma durch den französischen Luxuskonzern PPR zeigt: Der Markt für Unternehmenskäufe und -zusammenschlüsse floriert und heizt die Aktienmärkte an. Allein im ersten Quartal ist das Volumen der weltweiten Fusionen und Übernahmen nach Thomson-Financial-Daten auf 1,1 Billionen Dollar gestiegen.

„Der Druck wird weiter zunehmen“

Der europäische Markt vereint 39 Prozent dieses Volumens auf sich und ist damit fast ebenso groß wie der amerikanische. Das sei bemerkenswert, sagt Clive McDonnell, Aktienstratege der Ratingagentur Standard & Poor's. Immerhin sei die Kapitalisierung der amerikanischen Aktienmärkte rund ein Drittel höher als in Europa. „Die Investoren sehen in Europa und insbesondere in Deutschland ein größeres Wachstumspotential“, erklärt Bross diesen Trend. Zudem seien die europäischen Bewertungen mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13 bis 14 noch vergleichsweise günstig.

Weil die Unternehmen nach Jahren des Schuldenabbaus solide Bilanzen haben und die Gewinne wieder auf hohem Niveau sind, drängen die Aktionäre das Management zu neuen Taten. „Der Druck der langfristigen Investoren und Hedge-Fonds wird weiter zunehmen“, sagt Bross. Anders als vor zwei oder drei Jahren zögen die Anleger aber keine Sonderausschüttungen oder Aktienrückkäufe mehr vor, sondern Akquisitionen. Denn wenn die Investoren das Geld sofort bekommen, stehen sie vor der Schwierigkeit der Wiederanlage. Unternehmen, die zuletzt zugekauft haben, wie beispielsweise der Pharmakonzern Bayer oder das Touristikunternehmen TUI, gehören daher ebenso zu den Jahresgewinnern wie die vermuteten oder tatsächlichen Übernahmekandidaten Commerzbank, MAN und Volkswagen.

„Die Investoren denken derzeit sehr kurzfristig“

Zu den Gewinnern gehören auch Konzerne, die sich durch eine Aufspaltung strategisch neu positionieren, wie das Beispiel des Autokonzerns Daimler-Chrysler zeigt. Dessen Vorstandschef Dieter Zetsche wird möglicherweise bald die amerikanische Tochtergesellschaft Chrysler verkaufen. Die Aussicht darauf hat an der Börse seit Jahresbeginn einen Kursanstieg von mehr als 30 Prozent verursacht.

Langfristige Investitionen in Wachstum aus eigener Kraft seien hingegen derzeit verpönt, sagt Bernd Meyer, Chefstratege für europäische Aktien bei der Deutschen Bank. Denn dies belaste zunächst die Ergebnisse und trage oft erst nach mehreren Jahren Früchte. „Die Investoren denken aber derzeit sehr kurzfristig.“ Das beste Beispiel dafür sei der Softwarekonzern SAP, der für seine Mittelstandsoffensive vom Markt abgestraft wurde und mit einem Minus von fast 14 Prozent seit Jahresbeginn die Verliererliste des Dax anführt. „Die Einzigen, die mit ihrem Investitionszeitraum von rund sieben Jahren noch langfristig denken, sind die Private-Equity-Fonds“, meint Meyer.

Prognose: Übernahmefieber wird anhalten

Nach Ansicht von Fachleuten werden die bislang untätigen obersten Konzernmanager in diesem Jahr noch stärker unter Druck der Aktionäre kommen. Das betrifft vor allem Unternehmen mit hohen Bargeldbeständen und Mittelzuflüssen, wie etwa den Energiekonzern RWE. „Wenn derartige Unternehmen ihre Bilanzen nicht durch Zukäufe oder Ähnliches aus eigener Kraft effizienter gestalten, dann wird das ein Beteiligungsfonds oder ein Wettbewerber in die Hand nehmen“, sagt ein Marktbeobachter.

Aktienstrategen und Investmentbanker rechnen damit, dass das Übernahmefieber in diesem Jahr anhält und weiterhin die Aktienmärkte antreibt. „Wir gehen davon aus, dass der Akquisitionsmarkt auch im zweiten Quartal sehr stark sein wird“, sagt Bross. Während es an neuen Geldzuflüssen von außen fehle, sorge die Aktien-Nachfrage der Unternehmen durch Übernahmen oder Aktienrückkäufe für steigende Kurse, sagt Meyer. „Der Markt spielt mit sich selbst.“

Überhitzungstendenzen sieht Meyer, der zum Jahresende einen Dax-Stand von 7500 Punkten vorhersagt, gleichwohl noch nicht. Auch Bross verweist darauf, dass die Unternehmensbewertungen noch vertretbar seien. Die Gefahr einer Überhitzung gehe eher vom Fremdkapitalmarkt aus. So habe er die Sorge, dass die Unternehmen ihre Verschuldungsgrade in Zukunft wieder überstrapazierten.

Text: da., F.A.Z., 12.04.2007, Nr. 85 / Seite 19
Bildmaterial: F.A.Z.

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