Von Thomas Schmitt
02. April 2007 Einmal im Jahr dürfen Aktionäre lästig werden. Ihr Forum ist die Hauptversammlung. Das wissen Manager und richten sich darauf ein. Dass die Eigentümer aber richtig zubeißen können, hat noch nicht jeder kapiert. Wie weh das tut, wissen etwa Siemens, Daimler-Chrysler, Continental oder Hypo Real Estate aus leidvoller Erfahrung.
Das Ungewöhnliche: Es sind weder deutsche Fondsmanager noch unzufriedene Kleinaktionäre, von denen die Vorstände nun so richtig abserviert werden. Die neue Macht auf Hauptversammlungen kommt aus dem Ausland. Organisiert wird sie von einem wenig bekannten amerikanischen Unternehmen: ISS. Das Kürzel steht für International Shareholder Services.
Klingt nach einem harmlosen Dienstleister, der bloß berät und empfiehlt. So sieht sich ISS gerne. Das ist aber untertrieben, der Einfluss ist viel größer. Denn ausländische Aktionäre halten sich oft blind an die ISS-Vorgaben. Das berichten Kenner der Szene, und das ist in etlichen Hauptversammlungen offensichtlich geworden.
Die stille Macht von ISS bekam im Januar gleich die gesamte Führung von Siemens zu spüren, allen voran Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer. Nur zwei Drittel der Eigentümer entlasteten ihre Manager. Grund: der Korruptionssumpf. Solch ein Ergebnis ist sehr schlecht und gilt zu Recht als Ohrfeige. Es blieb aber folgenlos - abgesehen vom Imageschaden.
Härter traf es da schon den Autozulieferer Conti aus Hannover. In der Hauptversammlung 2006 fand sich nicht die notwendige Mehrheit für einen neuen Kapitalrahmen. Zwar meinte Conti-Chef Manfred Wennemer: Kein Beinbruch. Doch Conti wurde so in seinem Aktionsradius beschränkt.
Ein ähnliches Schauspiel inszenierte ISS beim Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, wo ein Aktienvergütungsprogramm für die Mitarbeiter abgelehnt wurde. Hinterher jammerte der Vorstand irritiert: Wir wollten dieses Programm insbesondere auf Wunsch vieler internationaler Investoren einführen.
Was ist da schiefgelaufen? Und warum können ausländische Aktionäre so wichtige Kapitalvorschläge aushebeln? Eine erste Antwort: ISS diskutiert nicht lange, sondern handelt. Eine zweite: Nicht einmal die Hälfte der Eigentümer ist auf Hauptversammlungen von Dax-Unternehmen präsent. 2005 waren es nach Erkenntnissen des Darmstädter Professors Uwe Schneider 45,87 Prozent, 2006 immerhin 49,88 Prozent. Bei einzelnen Gesellschaften, etwa Deutsche Bank oder Eon, lag die Präsenz 2005 unter 30 Prozent. Wer also nur 15 Prozent des stimmberechtigten Kapitals mobilisierte, hatte die Mehrheit. Manchmal reicht weniger, um Flagge zu zeigen.
ISS kann viel Kapital mobilisieren, weil die Gesellschaft in der Stimmrechtsberatung fast keine Konkurrenz hat. Wie gewichtig ISS ist, zeigen schlichte Zahlen: Es hat 1706 Kunden, die Aktien im Wert von 25,5 Billionen Dollar besitzen, 2006 repräsentierten sie 846 Milliarden Aktien. Oft stehen dahinter mächtige Fonds, die nach amerikanischer Gesetzgebung zum Abstimmen verpflichtet sind. Mit 178 Analysten beobachtet ISS 38.728 Aktiengesellschaften. In Deutschland deckt es 2007 mehr als 900 Hauptversammlungen ab. Jede Tagesordnung werde analysiert, um Stimmempfehlungen zu geben.
Für Conti und Co. bedeutet dies: Sie müssen früh mit ISS reden, um zu wissen, was die Ausländer tun werden. Daimler-Chrysler hat das kapiert und muss diese Woche keine Angst haben. ISS ist voll auf der Seite des Vorstandes und gegen Managerschreck Ekkehard Wenger (siehe auch: Hauptversammlung: Die Eigentümer werden entmündigt). Auch Conti hat sich diesmal besser gewappnet.
Doch dadurch entsteht ein neues Konfliktfeld: Wer so mächtig ist, darf mit Privataudienzen beim Vorstand rechnen, wie Professor Schneider anmerkt. Das habe Konsequenzen für die Transparenz von Unternehmensentscheidungen. Er fragt daher: Entsteht hier ein neues Guru-Problem?
Fondsmanager, Verbände und Vorstände haben die Brisanz erkannt, spielen sie aber herunter. Von einer neuen Macht wollen große Unternehmen und bekannte Geldverwalter öffentlich nicht sprechen, aber den großen Einfluss erkennen alle natürlich. Um den Einflüsterer ISS ein wenig zu ärgern, fördern sie daher nach Kräften den ehemaligen ISS-Manager Alexander Juschus. Dieser baut mit Ivox in Deutschland, Frankreich und Großbritannien eine Konkurrenz zum Monopolisten auf. Allerdings auf kleiner Flamme.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.04.2007, Nr. 13 / Seite 49
Bildmaterial: dpa
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17:55 17:41 17:33Zu Unkenntnis.......@ Dieter Weitzel
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