Von Hanno Beck
22. August 2005 Beim Blick auf die Statistiken der Fondsbranche könnte man auf die Idee kommen, daß weder bei den Kunden noch bei der Branche selbst die Gabe, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun, sonderlich ausgeprägt ist. Die Mittelzuflußzahlen der Branche zeigten auch in der vergangenen Woche wieder einmal, was Investmentprofis schon lange zu wissen glauben: Deutsche Anleger kaufen ihre Fonds prozyklisch - wenn die Kurse steigen, kaufen sie, und wenn die Kurse sinken, verkaufen sie.
So zeigen die Mittelzuflüsse in Aktienfonds beispielsweise folgendes Bild: Im Jahr 2002 gab es Rekordzuflüsse in Höhe von rund 65 Milliarden Euro - da waren die Aktienmärkte schon längst auf dem Rückzug. Das haben die Anleger im Jahr 2003 auch gemerkt - da waren es nur noch knapp vier Milliarden Euro, die in Aktienfonds flossen, im darauffolgenden Jahr verbuchten Aktienfonds sogar Nettomittelabflüsse in Höhe von mehr als drei Milliarden Euro - so daß die Verdoppelung der Aktienmärkte seit 2003 ohne viele Anleger stattfand. Leider wissen wir ja, daß eher andersherum ein renditeträchtiger Schuh daraus wird, und das Ergebnis prozyklischen Verhaltens sind Portfolios, die ihren Besitzern wenig Spaß machen.
Nicht alle Gesellschaften leiden
Ist der jüngste Kursaufschwung also an den Privatanlegern vorbeigelaufen? Nicht ganz: Hinter den Nettozahlen des BVI verbergen sich umfangreiche Bruttobewegungen; Branchenbeobachter schätzen, daß die Brutto-Umsätze in Aktienfonds sich im zweistelligen Milliardenbereich bewegen - ganz so unbeweglich sind die Anleger wohl doch nicht.
Zudem sind es nicht alle Gesellschaften, die in dem fraglichen Zeitraum Nettomittelabflüsse aus Aktienfonds gesehen haben: Bei Fidelity etwa stellt man keinen Einbruch in der Nachfrage nach Aktienfonds fest - die Mittelzuflüsse in Aktienfonds bewegten sich kontinuierlich im Bereich von einer Milliarde Euro. Bemerkenswerterweise waren die Fidelity-Zuflüsse sowohl in der Hausse als auch in der Baisse relativ konstant, im Gegensatz zu den extrem volatilen Zahlen für die Gesamtbranche.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Franklin Templeton: Auch dort gab es 2003 Nettomittelzuflüsse von mehr als einer Milliarde Euro in Aktienfonds; 2004 waren es sogar mehr als zwei Milliarden. Auch bei der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, hat man über die vergangenen drei Jahre hinweg stets positive Nettomittelzuflüsse in Aktienfonds gehabt.
Provisionsgetriebene Zuflüsse?
Ein Befund, der insgesamt verwundern muß: Anleger sind also nicht in ihrer Gesamtheit prozyklisch, die Kunden einiger Gesellschaften hingegen scheinen antizyklisch zu agieren - was natürlich die Frage erhebt, warum die Kunden dieser Gesellschaften so handeln. Zunächst einmal kann man vermuten, daß die Vermögensbestände der Ausländer in Deutschland noch nicht so hoch sind, dann hat man naturgemäß auch geringere Abflüsse. Dieses Argument trifft allerdings nicht auf die DWS zu, so daß es als alleinige Erklärung nicht gelten kann.
Eine andere Vermutung besteht darin, daß die Kunden dieser Gesellschaften erfahrener sind. Dafür spricht, daß gerade Franklin Templeton und Fidelity einen Großteil ihrer Umsätze über Drittanbieter verkaufen und auch die DWS verkauft einen großen Anteil ihrer Fonds über diese sogenannte Offene Architektur. Und wer, so die Theorie, erfahrener ist im Investieren, der fragt eher die großen Markennamen nach, auch wenn sein Berater ihm die Hausmarke ins Depot legen möchte. Und keine Frage - der Templeton Groth, der Fidelity European Growth oder auch die DWS-Produkte - das sind allesamt Markennamen.
Möglicherweise aber erklärt sich der Erfolg im Drittvertrieb vor allem bei den Ausländern auch über die höheren Provisionen, die diese an den Vertrieb zahlen, damit diese Produkte verkauft werden - dann wäre der Aktienerfolg weniger auf erfahrene Anleger als auf provisionshungrige Berater zurückzuführen. Nun mag man darüber streiten, ob sich so große Absatzerfolge nur über Provisionen steuern lassen, aber zumindest für die DWS dürfte diese Theorie nicht gelten - sie gilt was die Provisionen angeht, eher als geizig.
Paradeprodukte dominieren
Eine andere Erklärung wäre in der Produktpolitik der betreffenden Gesellschaften zu suchen: Die Zuflüsse der Ausländer dürften vor allem bei ihren Paradeprodukten angefallen sein, die seit langer Zeit am Markt sind, wohingegen die Abflüsse aus Aktienfonds bei vielen anderen Anbietern vor allem bei Branchenfonds und vermutlich bei Produkten angefallen sind, die man erst im Zuge der Dienstmädchen-Hausse um die Jahrtausendwende aufgelegt und auch dem unbedarftesten Anleger frohgemut ins Depot gepackt hat - zugegebenermaßen oftmals auf dessen ausdrücklichen Wunsch.
Die Zahlen des Instituts für Fondsanalyse Ifa zeigen, daß auch die Neuauflagen an Fonds sowie die Schließungen einem zyklischen Muster folgen: Im Zuge der Hausse wurden viele Fonds aufgelegt, während der anschließenden Talfahrt wurden viele Produkte geschlossen.
Was immer auch die Gründe dafür sind, daß manche Anleger nicht der Versuchung prozyklischen Investierens erliegen, eines zumindest zeigen sie: Prozyklisches Verhalten bei der Geldanlage ist kein unabänderliches Schicksal, und Pünktlichkeit im Investieren kann gelernt werden - auch daß man manchmal eben zur Unzeit zur Stelle sein muß.
Text: F.A.Z., 23.08.2005, Nr. 195 / Seite 19
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Die Gesellschaft muss akzeptieren können....
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