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Die Deutsche Börse steht alleine da

15. November 2006 Die Deutsche Börse steht auf dem europäischen Börsenparkett abermals alleine da. Wie schon erwartet hat der Frankfurter Börsenkonzern seinen Übernahmevorschlag für die von Paris dominierte Mehrländerbörse Euronext aufgegeben (Siehe auch: Deutsche Börse gibt Euronext auf). „Der Vorstand hat die Reißleine gezogen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, Reto Francioni. Sämtliche Vorbereitungen für eine Übernahme seien gestoppt worden, auch die kartellrechtliche Prüfung.

Die Aktienkurse der europäischen Börsenbetreiber brachen nach der Bekanntgabe ein. Der Kurs der Deutschen Börse stürzte am Mittwoch um bis zu 8 Prozent auf 120 Euro ab. Am Abend schloß die Aktie um 4,6 Prozent niedriger bei 125 Euro. Euronext-Aktien verloren bis zu 10 Prozent (Siehe auch: Kommentar: Die verschmähte Börse).

Drei Gründe für den Rückzug

Francioni: “Der Vorstand hat die Reißleine gezogen“

Francioni: "Der Vorstand hat die Reißleine gezogen"

Francioni nannte drei Gründe für den plötzlichen Rückzug. Zum einen sei die Übernahme aufgrund des deutlichen Kursanstiegs der Euronext in den vergangenen Wochen mittlerweile zu teuer gewesen. „Das hat die Übernahme für unsere Aktionäre unattraktiv gemacht.“ Zudem sei absehbar gewesen, daß sich die Prüfung durch die europäischen Kartellbehörden zu lange hingezogen hätte. Deshalb wäre es schwierig geworden, dem Angebot der amerikanischen New York Stock Exchange (Nyse) rechtzeitig etwas entgegenzusetzen.

Über die Offerte der Nyse stimmen die Aktionäre der Euronext bereits im Dezember auf einer Hauptversammlung ab. Und nicht zuletzt ziehe sich die Deutsche Börse wegen des andauernden Widerstand am Finanzplatz Paris zurück. Dort sei der Deutschen Börse von Anfang an sehr viel „irrationale Skepsis“ entgegengeschlagen. Auch das Management der Euronext habe alle Vorschläge „auf die eine oder andere Weise abgewehrt oder ins Leere laufen lassen“, monierte Francioni.

„Alles läuft nach Plan“

Damit ist die Deutsche Börse abermals an dem Versuch einer europäischen Börsenkonsolidierung gescheitert. In den vergangenen Jahren hatten die Frankfurter erfolglos versucht, mit der Londoner Börse LSE und der Schweizer SWX zusammenzugehen. Die Deutsche Börse werde auch in der Zukunft Fusionen und strategische Kooperationen prüfen, sagte Francioni. Aber sie könne ebenso alleine ihren Weg weitergehen. Sie wolle nun in Asien sowie in Mittel- und Osteuropa expandieren und mit neuen Produkten weiter wachsen. Auch eine vertiefte Zusammenarbeit mit der SWX, mit der die Börse Anfang 2007 eine neue Plattform für verbriefte Derivate startet, sei denkbar.

Die Euronext sieht sich nach dem Rückzug der Deutschen Börse der Fusion mit der Nyse einen großen Schritt näher gekommen. „Wir sind zuversichtlich, daß wir bald am Ziel sind, alles läuft nach Plan“, hieß es im Umfeld des Unternehmens, das offiziell keinen Kommentar abgeben wollte. Vor Ende des Monats wird das Urteil der europäischen Finanzaufseher und der amerikanischen Securities Exchange Commission (SEC) zur Frage erwartet, ob die Finanzaufsicht auch nach der Fusion so weiterlaufen kann wie bisher.

Das heißt, daß die europäischen Behörden weiterhin für Europa zuständig sind und die SEC, die sich an die strenge und daher in Europa gefürchtete Sarbanes-Oxley-Gesetzgebung halten muß, allein für die Vereinigten Staaten. Euronext und Nyse zweifeln nicht daran und verweisen auf den Einsatz einer Stiftung, die die Fusion rückgängig machen kann, wenn eine extraterritoriale Gesetzgebung eintritt.

Unzufriedenheit in Paris

Mitte Dezember müssen Euronext und Nyse dann in getrennten Hauptversammlungen den Aktionären das letzte Wort geben. Eine einfache Mehrheit der Anwesenden reicht. Je nach Rechenweise liegt das Angebot der Nyse inzwischen um 6 bis 10 Euro je Aktie höher als das nun zurückgezogene Angebot der Deutschen Börse. Das liegt am gestiegenen Kurs der Amerikaner, die zudem einen Nachschlag in Aussicht stellten. Daher hatte sich Euronext schon in den vergangenen Wochen zunehmend optimistisch geäußert. Dennoch herrscht am Finanzplatz Paris weiter Unzufriedenheit.

Der Vorsitzende des Finanzausschusses im Arbeitgeberverband Medef, Gérard de La Martinière, kritisierte die Fusion mit der Nyse, weil sie den Nutzern keine Vorteile bringe - ein Vorwurf, auf den Euronext nun mit der Ankündigung reagierte, eine Gebührensenkung von 10 bis 15 Prozent in den nächsten zwei bis drei Jahren zu erwägen. In bezug auf die Regulierung sprach sich Martinière gegen die Übernahme „durch die SEC oder das Land Hessen“ aus.

Marini befürwortet den Zusammenschluß

Insgesamt hält sich der Widerstand gegen die Nyse-Pläne in Paris jedoch in Grenzen. Selbst die Finanzmarktorganisation Europlace schlägt im Lachmann-Bericht Verhandlungen mit der Nyse vor - allerdings erst, wenn das Aktiengeschäft der Deutschen Börse mit Euronext vereint wurde. Philippe Marini, Berichterstatter im Finanzausschuß des Senats, befürwortet den Zusammenschluß mit den Amerikanern gleich im ersten Schritt.

„Eine Lösung mit Frankfurt ist nicht möglich - wegen Frankfurt“, sagte er. Zu dem befürchteten Übergewicht der Amerikaner in einem gemeinsamen Konzern verweist Euronext auf ein Interview von Nyse-Chef John Thain in der „International Herald Tribune“, in dem er eine Gleichverteilung der Sitze im Verwaltungsrat in Aussicht stellt. Bisher sind 9 Sitze für Euronext und 11 Sitze für die Nyse vorgesehen.

„Immer offen für Gespräche“

Aus Sicht von Euronext kommt der Rückzug der Deutschen nicht überraschend. Der wichtigste Grund dafür seien Wettbewerbsbedenken. Der Rückzug erfolgte einen Tag nach dem Verstreichen einer Frist vor der EU-Kommission, in der die Deutsche Börse noch wettbewerbsrechtliche Zugeständnisse hätten machen können. Doch offenbar seien die verlangten Konzessionen nicht akzeptabel gewesen, vermutet man in Euronext-Kreisen.

Von Seiten der Wiener Börse wurde die Absage der Frankfurter begrüßt. „Wir sind immer offen für Gespräche über interessante Kooperationen, auch mit der Deutschen Börse“, sagte Michael Buhl, Kovorstandsvorsitzender der Wiener Börse, und sprach zugleich eine Einladung aus.

Text: da./chs., F.A.Z., 16.11.2006, Nr. 267 / Seite 21
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.

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