15. März 2001 Wie setzen Sie Behavioral Finance im Devisenmarktgeschäft ein?
Die Erkenntnisse aus der Behavioral Finance-Forschung beeinflussen unsere Arbeit sehr stark. Bei unseren Überlegungen stellen wir Händler und Investoren selbst in den Mittelpunkt. Wir fragen uns, wie werden die Informationen aufgenommen, wiedergegeben, umgesetzt, und wie äußert sich das in den Preisbewegungen. Ein gutes Beispiel ist unsere Umfrage zum Euro unter Importeuren und Exporteuren. Hier befragen wir Marktteilnehmer nach ihrer Meinung, die tatsächlich im Markt aktiv sind und entsprechenden Preisrisiken ausgesetzt sind. Hinter jeder Meinung steckt also auch eine echte Position.
Und welche Schlussfolgerungen ziehen Sie dann daraus?
Als Anhänger der Behavioral Finance-Theorie wissen wir, dass die Marktteilnehmer systematische Fehler begehen. Die Art der typischen Fehler zu kennen ist wichtig, da man dann zu verstehen lernt, wie die Marktteilnehmer als nächstes reagieren. Um das zu können, braucht man aber viele Erfahrungswerte. So muss man interpretieren können, in welcher Phase sich der Markt gerade befindet und welche Kursrichtung die Akteure am stärksten belasten würde. Denn ausgerechnet dahin geht der Markt oft. So war es lange Zeit unwahrscheinlich, dass der Euro steigt, weil es einfach zu viele Optimisten mit entsprechenden Positionen gab.
Können Sie etwas zu den von Ihnen genutzten Computer-Handelssystemen erzählen?
Es handelt sich dabei um selbstentwickelte Handelssysteme. Deren Programmierung haben wir aus der Verhaltenstheorie abgeleitet. Bevor das System eingesetzt wurde, haben wir erst einmal ausführlich getestet, ob die Regeln auch wirklich funktionieren. Heute wird es vor allem im Devisenhandel eingesetzt. Die Vorgehensweise ist ganz einfach: Der Computer soll einen bestehenden Trend solange mitreiten wie möglich. Wird nach einem Signal wider Erwarten kein Trend eingeleitet, wird die Position sofort glatt gestellt und es werden kleinere Verluste realisiert. Fehler dieser Art kommen sogar recht häufig vor. Doch durch die konsequente Begrenzung der Verluste ist das nicht dramatisch. Der Erfolg basiert auf der möglichst langen Ausnutzung eines Trends, wenn man bei einem dabei ist. Sind Menschen mit im Spiel, treten bei dieser Strategie meistens folgende Probleme auf: Da es weh tut, ist man nicht bereit, viele kleine Verluste zu realisieren. Gleichzeitig schafft man es aber auch nicht, den Trend lange mitzureiten. Letztlich würde das nur funktionieren, wenn man die Gefühle ausschalten würde. Das größte Problem bei unserem Handelssystem ist auch der Mensch, weil der noch immer die Handelssignale auslösen muss.
Wo sehen Sie als Behavioral Finance-Experte den Euro hinmarschieren?
Der geht meiner Meinung nach oben. Aber zuletzt haben wir hier eine komplexe Konsolidierung mit vielen Fehlsignale gesehen. Dadurch liegen die Nerven blank und man muss etwas vorsichtig sein. Trotzdem besteht aber durchaus die Chance auf neue Jahreshoch. Darauf spricht auch die Beobachtung, dass es noch immer viele Skeptiker gibt, die anzweifeln, ob dem Euro aus fundamentalen Gründen der Anstieg bis zur Parität gelingt. Gleichzeitig ist die Zahl der Euro-Optimisten unter den Importeuren und Exporteuren zwar noch immer hoch, aber immerhin ist diese Gruppe schon geringer geworden. Mittelfristig sehen wir den Euro knapp über der Parität. Doch davor geht es erst einmal darum, das Widerstandsniveau von 0,9625 Dollar zu überwinden. Danach sehen wir dann weiter.
Gianni Hirschmüller ist Mitgründer und Direktor der Cognitrend GmbH. Er kann auf viele Jahre Praxiserfahrung als Händler und Analyst in den Future-Märkten zurückblicken. Bei Cognitrend ist Hirschmüller unter anderem für die Entwicklung von Handelssystemen zuständig. Gegründet wurde Cognitrend im Jahr 2000 von einigen ehemaligen Mitarbeitern der Deutsche Bank, darunter Hirschmüller. Unter Einsatz von Behavioral Finance-Erkenntnisse agiert man bei Cognitrend neben Engagement am Aktien- und Rentenmarkt vor allem am Devisenmarkt.
Das Gespräch führte FAZ.NET-Redakteur Jürgen Büttner
Text: @jüb
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| DEUTSCHE BÖRSE AG NA | +4,58 | +4,70 |
| INFINEON TECHNOLOGIE | +0,25 | +3,84 |
| MERCK KGAA INHABER - | +1,53 | +1,77 |
| DEUTSCHE TELEKOM AG | -0,28 | -2,35 |
| THYSSENKRUPP AG INHA | -0,89 | -1,96 |
| HYPO REAL ESTATE HOL | -0,26 | -1,16 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 7.060,19 | +0,34 |
| TecDax | 843,87 | +0,81 |
| DowJones | 12.797,17 | -0,61 |
| Nasdaq | 2.480,35 | -0,33 |
| STOXX 50 | 3.817,07 | +0,11 |
| Nikkei 225 | 13.953,73 | +1,53 |
| S&P 500 Zert. | 13,97 | +0,65 |
| Euro/Dollar | 1,55 | -0,23 |
| Bund Future | 114,22 | -0,60 |
| Gold | 869,10 | -1,82 |
| Öl | 122,25 | -1,36 |
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