Von Sabine Hildebrandt-Woeckel
06. Oktober 2006 Die meisten Verbraucher können sich derzeit vor Werbebriefen kaum retten: Barkredite sofort, und diese zu traumhaft niedrigen Zinssätzen. Doch auch wenn die Werbebotschaft zunächst etwas anderes suggeriert - für eine Gruppe, hat Laura Walz* erlebt, gelten die Angebote offenbar nicht: für die der Selbständigen und Freiberufler. Die PR-Beraterin, die eine kleine Agentur betreibt und über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen verfügt, wollte von einem Bekannten ein Auto kaufen und brauchte dafür 15.000 Euro. Ich habe zig Anfragen ausgefüllt, ärgert sie sich noch heute, ohne Erfolg.
Alleine steht Walz dabei mit ihren Erfahrungen offenbar nicht. Fast täglich, berichtet Stefanie Pallasch, Projektleiterin Finanzdienstleistungen bei der Stiftung Warentest, erreichen sie Beschwerden und Anfragen von Verbrauchern, deren Kreditanfragen allein deswegen negativ beschieden wurden, weil sie keinen Gehaltszettel vorlegen konnten. Nach Sicherheiten wird dabei oftmals nicht einmal gefragt, sagt Pallasch.
Gleiche Anforderungen - auf dem Papier
Diese Einschätzung teilt Dirk Wenzel, Inhaber der Online-Kreditvermittlung Euro-Finanz-Dienst: Für Selbständige und Freiberufler, hat er festgestellt, sei es wesentlich schwerer, Angebote zu finden. Denn allzuoft lautet die Aussage der Banken wie die der Norisbank, die derzeit mit Easy-Credit zwar besonders heftig die Werbetrommel rührt, aber einschränkt: Keine Freiberufler.
Warum das so ist, dazu mag sich im Bankenbereich niemand so recht äußern. Weder der Bundesverband deutscher Banken noch der Deutsche Sparkassen- und Giroverband sehen sich zu einer Aussage in der Lage. Und wenn einzelne Kreditinstitute überhaupt Stellung nehmen, klingt das meist so wie bei der Dresdner Bank: Für Kredite an Freiberufler bestehen grundsätzlich die gleichen Anforderungen an Bonität und Sicherheitsstellung wie für andere Kunden.
Die Realität jedoch, weiß der Duisburger Steuerberater Lutger von Holt, sieht anders aus. Nicht nur bei Konsumentenkrediten, auch bei der Immobilienfinanzierung und im Geschäftsbereich sieht er die Situation für Selbständige problematisch. Und wer dann noch bestimmten Risikobranchen angehört, wie Gesundheit, IT oder Handel, der muß dann schon 60.000 Euro Sicherheiten bieten, um einen Kontokorrentkredit von 50.000 Euro zu bekommen, meint Holt ironisch.
Kredite für Freiberufler sind arbeitsintensiver
Erklärt wird die Zurückhaltung der Banken, die nach Meinung einiger Verbraucherschützer schon fast an Diskriminierung grenzt, zumeist mit einem Verweis auf Basel II und den damit verbundenen Anforderungen an Kapitaldienstfähigkeit und Sicherheiten. Das Risiko sei einfach höher, lautet meist die pauschale Aussage der Kreditinstitute. Ob das allerdings stimme, so Holt, darf zumindest bezweifelt werden. Schließlich wisse heute auch niemand, der festangestellt ist, ob er seinen Job auch morgen noch habe.
Achim Tiffe vom Institut für Finanzdienstleistungen (IFF) in Hamburg wird noch deutlicher. Derzeit, erläutert er, sei ihm keine neutrale Studie bekannt, die belege, daß fehlende Gehaltsabrechnungen tatsächlich ein höheres Ausfallrisiko bedeuteten. Dagegen höre er im Alltag immer wieder Geschichten, die das Gegenteil zeigten. So hatte sich ein Kleinunternehmer jahrelang vergebens um einen Kredit zur Finanzierung eines Eigenheims bemüht; einem seiner Angestellten dagegen sei dies im ersten Anlauf gelungen. Völlig weltfremd sei dies, empörte sich der Unternehmer gegenüber Tiffe. Denn erstens liefen seine Geschäfte seit Jahren prächtig, zweitens würde er im Falle eines Falles zuerst seine Angestellten entlassen und nicht sich selbst.
Für Tiffe ist die pauschale Abwertung von Menschen ohne Gehaltszettel daher auch nichts anderes als ein Ausdruck von Unwissenheit, Hilflosigkeit und Bequemlichkeit. Denn während die Prozesse bei der Ausgabe von Barkrediten an Festangestellte mittlerweile bei fast allen Banken stark standardisiert sind, ist der Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen wesentlich anspruchsvoller und deutlich arbeitsintensiver. Und bislang, hat Stefanie Pallasch von der Stiftung Warentest beobachtet, gehe auch fast jedes Kreditinstitut anders daran.
Von A auf D - nur wegen Selbstständigkeit
Einmal wird nur eine aktuelle Gewinn-und-Verlust-Rechnungen erwünscht, ein anderes Mal gleich drei Einkommensteuerbescheide. Einmal werden Immobilen als Sicherheit akzeptiert, eine anderes Mal nicht. Das mache auch Vergleiche zwischen den Banken - und damit Empfehlungen an Kunden - fast unmöglich. Im Gegensatz zu anderen Verbrauchern, die zu Testanfragen bei möglichst vielen Kreditinstituten ermuntert werden, rät Pallasch Freiberuflern davon eher ab. Die größten Chancen, so ihre Erfahrung, hätten Selbständige bei ihrer Hausbank, denn die habe wenigstens Verlaufsdaten.
Daß die schwierige Einstufung von Freiberuflern ein Manko ist, hat man mittlerweile auch bei der Schufa erkannt, die durch ihre Scorings allerdings jahrelang selbst dazu beigetragen hat, daß Freiberufler benachteiligt wurden. Verbraucherschützer Tiffe hat dies erlebt. Zweimal forderte er eine Eigenauskunft bei der Schufa an, einmal als Angestellter beim IFF, einmal als freier Anwalt, der er ebenfalls ist. Und sofort rutschte seine Einstufung von A auf D. Erstaunlich, so Tiffe, wo ich doch derselbe Mensch bin.
Im Januar vergangenen Jahres nun ist die Schufa Holding AG mit einem neuen Geschäftsfeld gestartet, der Business-Line (www.schufabusinessline.de oder auch www.schufa.de), die ihren Geschäftspartnern auch Auskünfte über die Kreditwürdigkeit von Selbständigen, Freiberuflern und Kleingewerbetreibenden geben kann.
Ansatz in die richtige Richtung
Damit dies möglich ist, wurden spezielle Scorekarten für diese Gruppen entwickelt, die unter anderem Kontobeziehungen mit Banken und Sparkassen, Insolvenzdaten und öffentliche Daten wie Haftbefehle oder eidesstattliche Versicherungen einbeziehen. Zwischen 0 und 1000 Punkte können Kreditanfrager dort erreichen, wobei der höchste Wert nahezu ein Null-Risiko definiert. Mehrere hundert Banken, erläutert Schufa-Experte Eckart Gärtner, haben sich mittlerweile dem System angeschlossen.
Dabei sei die Business-Line keineswegs eine alleinige Idee der Schufa gewesen, sondern auf Wunsch vieler Kunden entstanden, sagt Gärtner weiter. Schließlich seien auch die Banken am Geschäft mit Freiberuflern und Gewerbetreibenden interessiert, hätten aber eben vielfach noch Verbesserungspotential in der Prozeßabwicklung. Gärtner ist daher auch davon überzeugt, daß es in absehbarer Zeit auch für Selbständige einfacher wird. Je besser die Risikomanagementsysteme werden, um so leichter und bequemer wird es, Kredite zu erhalten. Grundsätzlich ein Ansatz, der in die richtige Richtung führen könnte, findet auch Experte Tiffe, dessen Entwicklung man aber noch beobachten müsse.
Richtig jedenfalls scheint zu sein, daß der Markt für die Banken durchaus interessant ist. So jedenfalls sieht man es auch bei der Karstadt-Quelle-Bank, die ebenso wie die American Express Bank gerade damit begonnen hat, ein wenig offensiver auf Freiberufler und Selbständige zuzugehen und ihnen Privatkredite anzubieten. Wir sind im Mai gestartet, sagt ein Sprecher der Karstadt-Quelle-Bank, und wollen mal sehen, wie das funktioniert.
* Name von der Redaktion geändert
Text: F.A.Z., 06.10.2006, Nr. 232 / Seite 23
Bildmaterial: dpa
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