20. Januar 2007 Die Zinsen für Euro-Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Tagen oberhalb von 4 Prozent festgesetzt und liegen damit fast 0,4 Prozentpunkte höher als noch Anfang Dezember. Seinerzeit versprachen zehnjährige Bundesanleihen beim Kauf eine jährliche Rendite von 3,65 Prozent. Die meisten Analysten erwarten, dass die Renditen auf dem erreichten Niveau verharren oder in den kommenden Monaten spürbar nachgeben werden. Es gibt aber auch Gegenstimmen, die vor einem Anstieg auf 4,5 Prozent warnen.
Für Verbraucher können diese Zinssätze eine wichtige Rolle spielen. Sparer, die Geld anlegen wollen, freuen sich über höhere Zinsen. Wer dagegen schon Anleihen gekauft hat, müsste nun beim Verkauf Kursverluste hinnehmen. Auch Bauherren verfolgen die Zinsentwicklung mit bangen Blicken, denn die Hypothekenzinsen orientieren sich vor allem an den Renditen der Bundesanleihen. Fallen auf dem Anleihemarkt die Kurse und erhöhen sich dadurch die Renditen, wird auch die bevorstehende Hausfinanzierung oder der nächste Anschlusskredit teurer.
Mildes Winterwetter verzerrt nach oben
So war es in den vergangenen sechs Wochen. Doch auch die andere Richtung ist möglich. Ich rechne mit einem Rückgang der Bund-Rendite auf 3,75 Prozent, sagt Klaus Wiener, Chefökonom des italienischen Versicherungskonzerns Generali. Seine Einschätzungen beeinflussen die Anlage von rund 250 Milliarden Euro. Seit Jahresbeginn habe es einige gute Konjunkturdaten aus Amerika gegeben, die auch die Kurse auf dem hiesigen Anleihemarkt nach unten und damit die Zinsen nach oben getrieben haben.
Die unerwartet hohe Zahl neuer Stellen und die wieder verbesserte Stimmung unter den amerikanischen Einkaufsmanagern seien die ersten Impulse gewesen. Besonders wichtig sei die Stabilisierung auf dem amerikanischen Immobilienmarkt gewesen mit der unerwartet hohen Zahl an Baubeginnen. Denn eine fortdauernde Schwäche des Immobilienmarktes sei wegen der dämpfenden Wirkung auf die Konsumfreude der Amerikaner ein Risiko für das Wirtschaftswachstum. Die aus konjunktureller Sicht erfreulichen und für den Anleihemarkt negativen Daten seien aber durch das bislang ungewöhnlich milde Winterwetter nach oben verzerrt, glaubt Wiener.
Höhepunkt bereits überschritten
Auch für Europa teile ich die Euphorie nicht, sagt der Generali-Ökonom. Die deutsche Mehrwertsteuererhöhung bremse, und auch die Nachfrage aus dem Ausland gehe zurück. Deshalb werde die Europäische Zentralbank ihren Leitzins von 3,50 Prozent nicht auf 4 Prozent erhöhen, wie es die Preise auf dem Termingeldmarkt signalisieren, sondern nur um einen Schritt auf 3,75 Prozent. Das könne sie tun, weil sie die Inflation im Griff habe. In Deutschland werde die Teuerungsrate allenfalls auf 2,2 Prozent zulegen. Im vergangenen Jahr lag sie bei 1,7 Prozent. Rechne man die ungewöhnlich hohen Energiekosten heraus, betrage die Inflationsrate für 2006 sogar nur 0,9 Prozent.
Ähnlich bewertet auch Stefan Schilbe, Rentenexperte der HSBC Trinkaus & Burkhardt, die Perspektive der Notenbank. Im März werde die EZB noch einmal den Leitzins erhöhen und sich danach langsam in die Gegenrichtung aufmachen, zunächst mit einer veränderten Kommentierung. Schilbe glaubt, dass der Konjunkturzyklus auch in Europa seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Nach mehr als 2,7 Prozent im vergangenen Jahr werde sich das Wachstumstempo in Deutschland in diesem Jahr auf 1,5 Prozent und im gesamten Euro-Raum auf etwa 1,7 Prozent verlangsamen bei fallenden Inflationsraten. Deshalb erwartet er die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am Jahresende bei 3,7 Prozent. Nur kurzfristig könne es noch einen geringfügigen Anstieg geben.
Weiterer Zinsanstieg in Aussicht
Anders als Schilbe erwartet Klaus Holschuh, Leiter des Research der DZ Bank, eine Fortsetzung des Aufschwungs in Europa. Die Steuererhöhungen in Deutschland würden zwar zunächst bremsen, aber vom kommenden Jahr an könne die Wirtschaft im Euro-Raum mit erfreulichen Zuwachsraten weiter zulegen. Wir sind erst am Anfang des Aufschwungs, der an Fahrt gewinnen wird, wenn erst der private Konsum anspringt, sagt Holschuh. Deshalb werde die EZB ihren Leitzins in diesem Jahr auf 4 Prozent erhöhen.
In dieser Phase der Konjunktur müssten nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte die langfristigen Zinsen eigentlich viel höher liegen, in der Größenordung von 4,75 bis 5 Prozent, erläutert Holschuh. Doch für die ungewöhnlich flache Zinsstruktur gebe es gute Gründe. Wir schwimmen in überschüssiger Liquidität, die zu einem großen Teil nicht in die Realwirtschaft fließt, sondern auf den Kapitalmärkten angelegt wird. Daran werde sich in näherer Zukunft nichts ändern, weshalb Holschuh mit einer Seitwärtsbewegung der Anleihemärkte rechnet und für das Jahresende mit einer im Vergleich zu heute unveränderten Rendite von 4 Prozent bei der Neuanlage.
Die Risiken für Anleiheanleger betont dagegen Kornelius Purps, Zinsexperte der Hypo-Vereinsbank. Die Renditen werden auf jeden Fall nicht sinken. Ich erwarte einen Anstieg auf 4,5 Prozent, warnt er. Das wäre für Anleger, die jetzt zehnjährige Bundesanleihen gekauft haben, mit einem Kursverlust von rund 3,5 Prozent verbunden. Die EZB werde ihren Leitzins auf mindestens 4 Prozent erhöhen. Die legen eher noch einen drauf. Die Wirtschaft im Euro-Raum wachse um mindestens 2 Prozent, und in diesem Umfeld könne der langfristige Zins auf dem Kapitalmarkt nicht unterhalb des Leitzinses liegen. Die Rendite der Bundesanleihen werde deshalb schon bald auf mehr als 4,2 Prozent steigen.
Text: ruh. / F.A.Z., 20.01.2007, Nr. 17 / Seite 19
Bildmaterial: dpa/dpaweb, F.A.Z.
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