Börse

Wall Street hält sich auf höchstem Niveau seit 18 Monaten

04. Dezember 2003 Der Blick auf die Kurstafeln bereitet Anlegern an der Wall Street das erste Mal seit 1999 Freude. Die Aktien notieren auf dem höchsten Niveau seit 18 Monaten, und der Dow-Jones-Index befindet sich wieder in der Nähe der 10 000-Punkte-Marke. Um gut 20 Prozent ist der breit gefaßte Aktienindex S&P 500 in diesem Jahr gestiegen. Das ist eine Labsal für Anleger, die in den drei vorhergegangenen Jahren gesehen haben, wie der Wert ihrer Depots geschmolzen ist.

Die Freude ist besonders groß für Investoren, die Technologieaktien haben. Wie in Zeiten der großen Hausse Ende der neunziger Jahre haben die Technologiewerte die Erholung angeführt. Informationstechnologie-Titel im S&P 500 sind 2003 um 44 Prozent gestiegen. Nur die konjunktursensiblen Konsumtitel konnten mit einem Anstieg von 31 Prozent halbwegs mithalten. Investoren stehen kurz vor Ende des Jahres nun vor einer schwierigen Entscheidung. Ist es vernünftig, einen Teil der Aktien zu verkaufen, oder wird die Rally weitergehen?

Abflachung des Gewinnwachstums?

Skeptiker, wie Aktienstratege Richard Bernstein von der Investmentbank Merrill Lynch, rechnen für 2004 mit einer Abflachung des Gewinnwachstums bei Unternehmen, was auch das Potential der Aktienkurse begrenzen dürfte. Durchschnittlich rechnen Analysten nach Angaben des Informationsdienstes Thomson First Call für 2003 mit einem Wachstum der Unternehmensgewinne im S&P 500 um 18,4 Prozent. Für das kommende Jahr liegen die Wachstumserwartungen bei 12,3 Prozent.

Bernstein und andere Fachleute rechnen zudem damit, daß sich im kommenden Jahr Qualitätsaktien, also Titel mit soliden Gewinnen, überdurchschnittlich gut entwickeln werden. In diesem Jahr hatte sich ein entgegengesetzter Trend durchgesetzt. Denn bislang haben sich die Aktienkurse von Unternehmen ohne Gewinn oder mit hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen besser entwickelt als Qualitätstitel. Bernstein glaubt allerdings, daß auf kurze Sicht die spekulativeren Aktien weiter dominieren werden.

Gewinnentwicklung unterschätzt

Die Belege für anhaltendes konjunkturelles Wachstum in den Vereinigten Staaten sind in den vergangenen Wochen immer deutlicher geworden. Die Regierung hat die Schätzung für das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal auf eine Jahresrate von 8,2 Prozent nach oben revidiert. Dabei handelt es sich um das stärkste Wachstum seit fast zwanzig Jahren. Der Glaube an die Belebung der Wirtschaft bestärkt die Optimisten an der Wall Street, daß es nach einer neun Monate dauernden Erholung noch zu früh für einen Rückzug ist. Denn eine stärkere Konjunktur könnte die Unternehmensgewinne weiter stützen.

Die Analysten hatten die Gewinnentwicklung in diesem Jahr unterschätzt, und das könnte möglicherweise auch für das nächste Jahr gelten, hoffen die Bullen. "Ich kann mich nicht daran erinnern, daß seit 1982 der Unterschied zwischen Konjunktureinschätzungen und wirtschaftlicher Realität so weit auseinanderlag", sagt Alan Skrainka, der Aktienmarktstratege vom Wertpapierhaus Edward Jones. Anfang der achtziger Jahre hatte sich die amerikanische Volkswirtschaft von einer tiefen Rezession erholt. Zu kräftiges Konjunkturwachstum könnte allerdings die Notenbank dazu veranlassen, die derzeit niedrigen Zinsen früher als erwartet wieder anzuheben. Das dürfte die Gewinnchancen von Aktien zumindest dämpfen. "Wenn es einen Grund für Gewinnmitnahmen gibt, dann den, daß Zinserhöhungen früher kommen könnten, als der Markt derzeit erwartet", sagt Jonathan Murray vom Investmenthaus Legg Mason.

Text: nks. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2003, Nr. 283 / Seite 23

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