Versicherer

Drum prüfe, wer sich bindet

Von Catherine Hoffmann

Der deutsche Branchenprimus will seinen Aktienanteil deutlich erhöhen

Der deutsche Branchenprimus will seinen Aktienanteil deutlich erhöhen

05. November 2006 Viele Verbraucher bekommen demnächst Post von ihrer Lebensversicherung. Die Botschaft der Werbebriefe ist schlicht: Sichern Sie sich jetzt den Garantiezins in Höhe von 2,75 Prozent! Die Gesellschaften drängen zur Eile. Denn am 1. Januar 2007 sinkt der Garantiezins auf 2,25 Prozent.

Das stimmt zwar, aber wirklich schlagend ist das Argument nicht. Der Versicherungsnehmer glaubt zumeist, die herausgestellten 2,75 Prozent bekomme er auf seine Einzahlungen. Das ist aber nicht richtig. Von den eingezahlten Prämien gehen vielmehr zunächst Kosten ab: für die Abschlußprovision, für die Verwaltung und für den Todesfallschutz.

Nur was danach an Guthaben übrigbleibt, wird verzinst. Experten schätzen, daß von hundert Euro, die ein Kunde im Monat überweist, nur 75 Euro gespart werden. Weil der Verbraucher aber nicht erfährt, wie hoch die Kosten sind, weiß er auch nicht so genau, welchen Zins er garantiert bekommt.

„Risikoausstattung vieler Unternehmen nicht gut“

Aber das ist ja noch nicht alles. Zum Garantiezins kommt die Überschußbeteiligung hinzu. Rechnet man beides zusammen, liegt die durchschnittliche Verzinsung der Lebensversicherung bei 4,2 Prozent. Das ist kaum mehr als jene 3,9 Prozent, die mit zehnjährigen Bundesanleihen auf dem Rentenmarkt zu holen sind.

Doch es gibt ja noch den Aktienmarkt. Der deutsche Leitindex Dax hat allein in diesem Jahr 16 Prozent gewonnen. Versicherungsnehmer erwarten deshalb, daß die Überschußbeteiligung steigt. Tim Ockenga, Versicherungsanalyst bei der Ratingagentur Fitch, ist da skeptisch: „Die Überschußbeteiligung wird in naher Zukunft eher sinken. Denn mit den niedrigen Renditen am Rentenmarkt wird es für die Versicherer schwieriger, Geld zu verdienen. Zudem ist die Risikoausstattung vieler Unternehmen nicht gut genug, um sich höhere Aktienquoten zu leisten.“

Einige gerieten in Existenzgefahr

Betrachten Sparer die Anlagepolitik ihrer Versicherung, fühlen sie sich nicht selten an das eigene Investmentverhalten erinnert. Erste Priorität hat die Sicherheit. Deshalb dominieren Anleihen das Depot - auch wenn Aktien langfristig höhere Renditen bieten. Wagt man sich doch an Aktien heran, werden Kauf- und Verkaufentscheidungen vom Herdentrieb geleitet.

Nie war die Aktienquote der deutschen Lebensversicherungen so hoch wie zum Höhepunkt der Hausse: Mehr als ein Viertel ihrer Anlagegelder steckten im Jahr 2000 in Aktien. Dann kam der große Börsenkrach. Die Lebensversicherer verloren Milliarden. Einige gerieten in Existenzgefahr. Alle mußten ihre Aktienrisiken deutlich verringern. Die Aktienquote der Versicherungen brach auf neun Prozent im Jahr 2003 ein. Seither hat sie sich kaum berappelt.

Schlechte Nachrichten für 30 Millionen Kunden

Lebensversicherte haben von der Börsenhausse der vergangenen Jahre nur wenig gehabt. Die Aktiendepots der meisten Versicherungen sind einfach zu klein, um kräftig von der aktuellen Kursrally zu profitieren. Gleichzeitig sind die Renditen festverzinslicher Wertpapiere mickrig.

Und die vielen Gewerbeimmobilien, die die Assekuranzen besitzen, sind weit weniger wert als noch vor Jahren. Das sind schlechte Nachrichten für die 30 Millionen Kunden, die ihre Altersvorsorge auf Lebensversicherungsverträgen aufgebaut haben.

Zimmerer erregte Aufsehen

Sollten Profis wie die Manager der Versicherungen, die Milliardensummen an den Kapitalmärkten anlegen, nicht klüger investieren? Maximilian Zimmerer, der Chef der Allianz Leben, erregte in der vergangenen Woche Aufsehen.

Er könne sich einen Aktienanteil von dauerhaft 25 Prozent an den gesamten Kapitalanlagen vorstellen, verriet er der „Börsenzeitung“. Derzeit liegt die Aktienquote des deutschen Branchenprimus bei knapp 20 Prozent, Ende 2005 waren es noch 17,7 Prozent - deutlich mehr als bei der Konkurrenz, die rund zehn Prozent in Aktien hielt.

Spitzenreiter Europa-Versicherung

Die vergleichsweise hohe Aktienquote zahlt sich aus. Allianz-Kunden bekommen in diesem Jahr mit 4,5 Prozent ein wenig mehr Rendite als der Durchschnitt der Versicherten. Andere Assekuranzen wollen ihren Kunden sogar fünf Prozent und mehr gutschreiben.

Spitzenreiter ist mit 5,4 Prozent die Europa-Versicherung, gefolgt von Debeka, Ideal und Volkswohlbund. Doch das sind Ausnahmen, die Mehrzahl der Versicherten muß sich mit einer geringeren Verzinsung abfinden.

Aktienquote ist eine wichtige Stellschraube

Wer trotz der schwachen Bilanz der Branche auf eine klassische Lebensversicherung bauen möchte, dem bleibt nur die Hoffnung, daß die Finanzprofis in den Konzernen aus ihren Fehlern lernen. Ein Garantiezins von 2,75 Prozent auf den reinen Sparbetrag ist nicht viel.

Nur wer Verwaltungskosten sowie Vertreterprovisionen in Grenzen hält und eine kluge Anlagepolitik betreibt, kann seinen Kunden auch künftig eine überzeugende Überschußbeteiligung bieten. Die Aktienquote ist dabei eine wichtige Stellschraube.

Allerdings können die Versicherungen ihren Aktienanteil nicht frei wählen. Sie müssen sicherstellen, daß sie auch bei kräftigen Kursverlusten an der Börse die Ansprüche ihrer Kunden langfristig erfüllen können. Obwohl die Börse längst wieder brummt, fehlen vielen Assekuranzen noch immer die finanziellen Reserven für Aktieninvestments.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite 53
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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