Von Christian Siedenbiedel
15. November 2006 Die Bestürzung am Finanzplatz Frankfurt hielt sich in engen Grenzen. Die Hessische Landesregierung verlautbarte, es sei kein Beinbruch, daß die geplante Fusion zwischen der Deutschen Börse und der Fünfländerbörse Euronext geplatzt sei. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) war schon am Montag bei der Eröffnung eines hochkarätig besetzten Bankenkongresses gleichsam präventiv nicht müde geworden hervorzuheben, die Deutsche Börse sei auch alleine stark und müsse ihre Erfolge nicht zwangsläufig mit anderen teilen.
Auch die meisten Banken äußerten sich auf Anfrage dahin gehend, daß eine europaweit einheitliche Börse zwar eine Menge Vorteile gebracht hätte, eine Fusion um jeden Preis - etwa um den der Verlagerung wichtiger Funktionen ins Ausland - dem Finanzplatz aber doch eher geschadet hätte.
Zuerst sagte Mailand ab, jetzt Paris
Der Präsident der Frankfurter Industrie- und Handelskammer, Joachim von Harbou, meinte, es sei zwar bedauerlich, daß die europäische Börsenkonsolidierung nicht zustande komme, Frankfurt böten sich aber auch so gute Perspektiven. Beruhigend auch, was eine Sprecherin von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) verkündete: Frankfurt bleibt trotz der gescheiterten Übernahmepläne ein wichtiger internationaler Finanzplatz. Der Vorsitzende des hessischen Bankenverbands, Peter Gatti, meinte, man solle einer abtrünnigen Braut nicht ohne Not nachlaufen. Entscheidend sei der technische Wettbewerbsvorteil, den die Deutsche Börse habe.
Es ist nicht das erste Mal, daß Frankfurter Pläne für eine europäische Börsenfusion zu den Akten gelegt werden mußten. Der frühere Unternehmenschef Werner Seifert hatte im vorigen Frühjahr sogar gehen müssen, nachdem der Versuch einer Übernahme der Londoner Börse gescheitert war. Der Präsident der Frankfurter Bankhochschule, Udo Steffens, vertrat gleichwohl die Meinung, der aktuelle Börsenchef Reto Francioni sitze fest im Sattel: Die Bilanz der Börse ist hervorragend, der Aktienkurs ist auf Rekordniveau, die Aktionäre haben viel Freude.
Aber warum scheitern die Pläne für eine Börsenfusion immer wieder? Bei Seifert hatte es noch geheißen, es sei sein mangelndes diplomatisches Gespür gewesen, das mögliche Fusionspartner vergrault habe. Nach dem elitären Visionär bekam das Unternehmen dann einen pragmatischen Diplomaten als Vorstandschef - doch die Fusionspläne scheiterten wieder. Zuerst sagte Mailand ab, und jetzt gibt Frankfurt Paris verloren, bevor von dort eine endgültige Absage kommt.
Irrationale Skepsis
Es ist offenkundig, daß es in dieser Frage um mehr geht als um eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Für Frankfurt ist vor allem wichtig, daß hier eine Börse ist, sagt Gertrud Traud, die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, die sich in einer siebzigseitigen Studie mit den Determinaten des Finanzplatzes Frankfurt befaßt hat. Ähnlich denkt man offenbar auch in London und in Paris: Eigenständige Börsen mit Vorstand und Zentrale im eigenen Land haben Symbolkraft, gelten aber auch ganz praktisch als wichtige Infrastruktur für die Finanzplätze.
Warum, so könnte man fragen, hat es dann bei Euronext funktioniert? Paris, Amsterdam und Brüssel hatten sich zu dieser Börse zusammengetan, Lissabon war dazugestoßen, später auch die Londoner Terminbörse. Offenbar hat man in den Beneluxländern weniger Angst vor dem Beherrschtwerden als in den großen europäischen Nationen. Außerdem waren die Chancen der Euronext-Partner, allein die wichtigste Börse zu haben, natürlich gleich Null. Wir haben bei den Gesprächen auch mit irrationaler Skepsis zu tun gehabt, räumte Francioni nun ein. Gegenüber keinem potentiellen Partner scheint die Angst vor dem Beherrschtwerden so ausgeprägt zu sein wie gegenüber den Deutschen. Als die Deutsche Börse seinerzeit jene in London übernehmen wollte, tauchten in englischen Zeitungen auf einmal Germans mit Pickelhauben auf, die angeblich nach der City griffen. Und auch den Franzosen, so macht es den Eindruck, war eine Übernahme durch die schließlich sonst auch nicht nur geliebten, aber vermeintlich fernen Amerikaner immer noch lieber als eine durch die - näheren - Deutschen.
Für den Finanzplatz Frankfurt bleibt doch der Status quo, sagte Francioni auf die Frage, ob er nicht einen Schaden für den Standort befürchte. Er habe sogar den Eindruck, die Finanz-Community gehe gestärkt, weil einiger, aus dem Unterfangen hervor. Unter anderen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte sich hinter Francioni und die Pläne einer europäischen Börsenkonsolidierung gestellt. Kleinere Frankfurter Institute, die weniger international ausgerichtet sind, hatten jedoch wie die Landesregierung und die Frankfurter Oberbürgermeisterin schon während der Gespräche immer wieder vorsichtig Bedenken artikuliert, eine Fusion mit einem künftigen Börsensitz außerhalb der Landesgrenzen könne von Schaden sein.
Text: F.A.Z., 16.11.2006
Bildmaterial: AP
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| DEUTSCHE BANK AG NAM | +4,75 | +8,38 |
| DEUTSCHE BÖRSE AG NA | +4,28 | +6,86 |
| ALLIANZ SE VINK.NAME | +6,93 | +6,46 |
| CONTINENTAL AG INHAB | +0,02 | +0,03 |
| RWE AG STAMMAKTIEN O | +1,14 | +1,68 |
| SAP AG INHABER - AKT | +0,64 | +1,70 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.337,70 | +3,43 |
| TecDax | 786,82 | +3,37 |
| DowJones | 11.220,96 | +0,29 |
| Nasdaq | 2.255,88 | -0,14 |
| STOXX 50 | 3.321,75 | +4,27 |
| Nikkei 225 | 12.624,46 | +3,38 |
| S&P 500 Zert. | 12,75 | +3,83 |
| Euro/Dollar | 1,42 | -1,19 |
| Bund Future | 114,76 | -0,45 |
| Gold | 811,30 | +1,06 |
| Öl | 104,17 | -3,09 |