Kein Ende in Sicht

Die Finanzkrise flammt wieder auf

Von Benedikt Fehr

Citigroup will die Rücklagen für Verbraucherkredite erhöhen

Citigroup will die Rücklagen für Verbraucherkredite erhöhen

22. Juni 2008 Die Finanzkrise flammt wieder auf - und jetzt gleich an mehreren Stellen. So mehren sich die Sorgen, dass sich die Kreditkrise weiter verschärft, mit negativen Folgen für die Bankaktien, aber über eine Kreditklemme möglicherweise auch für die Weltwirtschaft insgesamt. Gleichzeitig springen die Preise für Energie und einige Grundnahrungsmittel auf immer neue Rekordhöhen. Das heizt die Inflation an und bremst gleichzeitig das Wirtschaftswachstum - eine Kombination, die in manchen Ländern zu einer Gefahr für die politische Stabilität wird.

Nach der Rettung der amerikanischen Investmentbank Bear Stearns Mitte März schien das Schlimmste in der Kreditkrise ausgestanden, doch jetzt brennt es wieder an mehreren Stellen. So hat am Donnerstag auch die Ratingagentur Moody's ihre Noten für die beiden größten Anleiheversicherer MBIA und Ambac heruntergesetzt, dabei für MBIA gleich um fünf Stufen. MBIA dürfte dies zwingen, den Geschäftspartnern zusätzliche Sicherheiten in Milliardenhöhe zu stellen.

Ausfälle von Verbraucherkrediten

MBIA hat zwar gleich beteuert, über ausreichende Mittel dafür zu verfügen. Gleichwohl löst die Herabstufung am Markt Unruhe aus. Denn es wird befürchtet, dass die verschlechterte Bonität der beiden Versicherer auf die von ihnen garantierten Anleihen im Gesamtwert von mehr als 1000 Milliarden Dollar durchschlägt: Würden auch die Ratingnoten dieser Anleihen herabgestuft, würden ihre Kurse fallen - was die Halter dieser Anleihen zu Wertberichtigungen zwingen würde. Für manche Investoren könnten solche Belastungen zum Tropfen werden, der das Fass zum Überlaufen bringt, unken Skeptiker.

Sorge bereitet derzeit auch der Ausblick auf die Ergebnisse der Banken im zweiten Quartal. Einen Vorgeschmack darauf hat die einst größte amerikanische Bank Citigroup am Donnerstag gegeben: Man erwarte weitere bedeutende Wertberichtigungen im Zusammenhang mit Hypothekenanlagen, ferner Verluste bei Übernahmekrediten, teilte der Konzern mit.

Außerdem will die Citigroup ihre Rücklagen für Verbraucherkredite erhöhen; nach Einschätzung vieler Fachleute könnten gerade die Verbraucherkredite vielen Banken noch empfindliche Verluste bereiten. Denn um ihre Hypothekenzinsen zu zahlen oder ihren Konsum aufrechtzuerhalten, haben sich zuletzt viele amerikanische Haushalte Geld über ihre Kreditkarten beschafft. Nun können sie die Zins- und Tilgungslasten nicht mehr tragen - so dass sich bei den Banken die Ausfälle von Verbraucherkrediten mehren.

Weiterer großer Wertberichtigungsbedarf

Für Nervosität sorgt zudem, was im Fachchinesisch der Wirtschaftsprüfer als „Level 3“-Aktiva bezeichnet wird. Gemeint ist damit Folgendes: Kann bei einem Wertpapier wegen ausgetrockneter Märkte kein Marktkurs festgestellt werden und fehlt es auch an Marktkursen vergleichbarer Wertpapiere, so wird dieses Wertpapier in den Bilanzen statt zu einem Marktkurs (“mark to market“) zu einem mit mathematischen Modellen berechneten Kurs (“mark to model“) angesetzt. Nach Angaben von BNP Paribas hatten Ende des ersten Quartals einige amerikanische Banken ein Mehrfaches ihres Eigenkapitals als „Level 3“-Aktiva deklariert.

Sollten nun so deklarierte Wertpapiere auf den Markt kommen - womöglich als Folge von Not- oder Zwangsverkäufen -, müssten alle Halter dieser Wertpapiere die am Markt festgestellten Kurse in ihren Bilanzen berücksichtigen, heißt es. Das aber könne auf weiteren großen Wertberichtigungsbedarf hinauslaufen. Zu Zwangsverkäufen könnte es kommen, weil viele strukturierte Anleihen den Verkauf unterliegender Anleihen vorsehen, wenn bestimmte Verlustschwellen überschritten werden oder es zu Bonitätsverschlechterungen kommt.

Index für europäische Bankaktien um 30 Prozent gefallen

Pessimisten befürchten, dass den Banken demnächst auch Verluste aus den milliardenschweren Krediten entstehen könnten, die sie in den vergangenen Jahren den Hedge-Fonds gewährt haben. Möglicherweise hätten die Fonds diese Verluste bislang nicht ausweisen müssen, da sie viele ihrer Positionen nach „mark to model“ - und damit vergleichsweise günstig - bewertet hätten, meinen die Skeptiker.

Die Sorgen über die Banken spiegeln sich in den Aktienkursen. So ist der Index für europäische Bankaktien in diesem Jahr bereits um 30 Prozent gefallen und liegt inzwischen auf einem mehrjährigen Tief. Das hat am Freitag auch den Euro-Stoxx-50 für die wichtigsten Aktien des Euro-Raums auf den tiefsten Stand in zwei Jahren gedrückt. Ähnlich stehen auch die Aktien amerikanischer Finanzhäuser unter Druck; der amerikanische Leitindex Dow Jones liegt inzwischen fast wieder so niedrig wie während der Zuspitzung der Kreditkrise im März.

Anhebung des Leitzinses im August oder September?

Die Stimmung an den Finanzmärkten belastet zudem der schier unaufhaltsame Anstieg der Rohstoffpreise. So hat der vielbeachtete CRB-Rohstoffindex in der vergangenen Woche mit 456,8 Punkten ein neues Rekordhoch erreicht. Noch im vergangenen August lag dieser Index, der aus den Preisen für Öl, Metalle und pflanzliche Rohstoffe berechnet wird, auf 300 Punkten. Aus mehreren Ländern rund um den Globus wird inzwischen von zunehmender Unruhe in der Bevölkerung über die hohen Preise berichtet; zudem geraten manche Staaten, die Energie subventionieren, zusehends in Finanzierungsnöte. Für Erleichterung sorgten daher zunächst, dass sich Saudi-Arabien bereit erklärt hat, seine Ölproduktion im Juli um 2 Prozent zu erhöhen und in Kürze um weitere 4,6 Prozent. Später sprachen die Saudis nur noch von einer Ausweitung der Fördermenge, ohne sich auf Zahlen festzulegen.

Angesichts des Teuerungsschubs haben sich zuletzt viele große Zentralbanken auf die Bekämpfung der Inflation fokussiert. Dies dürfte auch im Kommuniqué der amerikanischen Notenbank Fed zum Ausdruck kommen, das am Mittwoch nach der Sitzung des geldpolitischen Rates veröffentlicht wird. Die Fed könnte damit eine Anhebung ihres Leitzinses im August oder September signalisieren. In Deutschland richtet sich das Interesse am Montag auf die neuen Daten des Ifo-Konjunkturbarometers. Nach dem überraschenden Anstieg im Mai erwartet die Fachwelt für Juni einen Rückgang von 103,5 auf 102,5 Punkte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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