Julia Schoch: „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“

Die schöne Wut am Leib des anderen

Von Jochen Hieber

12. März 2009 Der nie genannte Ort der Handlung in Julia Schochs kurzem und konzentriertem Roman ist die Mecklenburger Kleinstadt Eggesin, die auf ihrer Internetseite mit dem Slogan für sich wirbt, sie sei „das Tor zum Stettiner Haff“. Ein Bürgerverein betreibt dort seit zehn Jahren ein Militärmuseum und versichert, es gehe „nicht um eine nostalgische Geschichtsdarstellung der NVA, sondern um das anschauliche Erleben der Militärhistorie und die Entwicklung der Militärtechnik, ohne hierbei Wertungen zu treffen“ – was immer Letzteres auch heißen mag.

Vorab aus poetischen Gründen enthält sich die 1974 geborene Julia Schoch expliziter Wertungen, wenn sie diesen Ort beschreibt, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte: Ihr Vater, Offizier der Nationalen Volksarmee, war hier stationiert. In der Schilderung von Retortenstadt und „dünnbesiedeltem Land“ wird jedoch auf sehr anschauliche Weise sichtbar und klar, wer und was diese Gegend zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Ende der DDR beherrschte – ein in den endvierziger Jahren nahe der polnischen Grenze aus dem Boden gestampftes riesiges Heerlager: „Unter dem Grün des Pflanzendickichts“, so die ebenfalls namenlos bleibende Erzählerin, „ließ sich einiges verbergen, Panzer und Geschütze, eine halbe Armee.“ Keine Namen erhalten schließlich auch die beiden Hauptfiguren dieses Romans: Es sind „der Soldat“ und die ältere Schwester der Erzählerin.

Die vage Schicksalsskizze einer Weltverlorenen

Das Buch ist ein Nachruf. In New York, erfährt man auf den ersten Seiten, hat sich die Schwester mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen, genauer gesagt: um auf diskrete Weise Selbstmord begehen zu können, ist sie, die weder vor noch nach der Wende nennenswert ins Weite kam, ins für sie völlig anonyme Amerika gereist. Am Tag vor dem Abflug hat sie noch einmal ihren langjährigen Liebhaber, ebenden „Soldaten“, getroffen, der längst kein Soldat mehr ist, für sie jedoch auf ewig einer bleibt. Erstmals in all ihrer heimlichen Zeit haben sie sich für einen Nachmittag ein Hotelzimmer geleistet. Am Abend gibt es dann ein Telefonat zwischen den Schwestern, in dem die ältere erzählt, sie werde den Geliebten nie mehr treffen, habe ihm das aber nicht zu erkennen gegeben – der Gedanke, ihn so wort- wie zeichenlos zu verlassen, habe sich vielmehr „mit der Geschwindigkeit des Sommers in ihr festgesetzt“. Auch der jüngeren Schwester verschweigt sie Zentrales: ihre Lebensmüdigkeit und natürlich ihre New Yorker Absichten.

An psychologischer Plausibilität ist Julia Schoch nicht sonderlich interessiert, die Kinder und der Ehemann der weiblichen Hauptfigur etwa bleiben bloße Schemen, konkrete Gründe zeigen sich weder für die Trennung vom Liebhaber noch für die profunde Lebensunlust. Einmal zieht die Erzählerin in Erwägung, aus der Geschichte der Schwester „eine schillernde Saga“ zu machen. Aber diese Idee, die dem Leser durchaus nicht unverlockend erscheint, wird sofort wieder verworfen, denn ihre Verwirklichung, heißt es in einem Akt erzählmoralischer Selbstzensur, wäre „Verrat“ und falsche Versöhnlichkeit. So muss es bei der etwas vagen Schicksalsskizze einer Weltverlorenen bleiben – und bei der eher banalen Erkenntnis, die Schwester habe eben „ein geheimes Eigenleben geführt“.

Kampfhunde könnten nicht bissiger lieben

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„Mit der Geschwindigkeit des Sommers“
von Schoch, Julia
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Womit das Buch indes besticht, ist seine Atmosphäre. Julia Schoch ist eine emphatische Lakonikerin. Ihre strengen, zugleich sensiblen Sätze strahlen etwas bezwingend Selbstverständliches aus und ergeben gerade deshalb einen ganz unverwechselbaren Stil. Bis auf eine einzige Passage, in der sich auf kleinstem Raum abstrakte Nomina wie „Lächerlichkeit“, „Erhabenheit“ und „Gleichgültigkeit“ türmen, ist dieser Schoch-Sound Garant für authentische, mehr noch: wahrhaftige Prosa. Zumal die Vergleiche, welche die Autorin für „die schöne Wut am Leib des anderen“ findet, mögen zunächst eher erschrecken – in und ob ihrer Radikalität aber sind sie existenzevident. Die Gier der Schwester nach wochenlanger Liebesabstinenz: „Wie man jemandem eine Gabel ins Gesicht rammt, küßt sie ihn.“ Um die Vorsicht anschaulich zu machen, mit der die Liebenden bei ihren Geheimtreffen alle „Spuren der Leidenschaft“ zu vermeiden suchen, heißt es: „Kampfhunde mit Maulkörben fallen so übereinander her.“ Und um einen inneren Abschied zu beglaubigen: „Sie streichelt ihn schon, wie man über ein altes Album streicht.“

Dass Julia Schoch nicht unter DDR-Nostalgie leidet, hat sie 2001 mit der brillanten Titelgeschichte ihres Debütbuchs „Der Körper des Salamanders“ bewiesen, einem so bösen wie hellsichtigen Erzählexerzitium über den Kinderdrill im realsozialistischen Leistungssport. Umso mehr fällt deshalb auf, wenn die Erzählerin des neuen Buches nach einer Bemerkung über das Ende „des sozialistischen Staates“ in Klammern hinzufügt: „(unseres Staates, wie ich noch immer sagen will)“. Es fällt auf, wenn sie vom „Verlangen“ spricht, „wieder in eine Zeit einzutauchen, die man vollständig hinter sich gelassen hatte“. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall gibt es zu denken, wenn sie ihr Resümee der Unterdrückung zieht: „Ich halte es für möglich, daß der wortlose Gleichmut jener Zeit in uns geblieben ist . . . Und daß gar nichts ihn ersetzen kann, . . . nicht einmal die Lust der Freiheit.“

Julia Schoch: „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“. Roman. Piper Verlag, München 2009. 150 S., geb., 14,95 €.



Buchtitel: „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“
Buchautor: Schoch, Julia

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Piper

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