Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Ein schöner Albtraum ist sich selbst genug

Von Dietmar Dath

15. Oktober 2008 Dieses Buch ist eine schlanke Schachtel voller vergifteter Pralinen.

„Wir wurden auf den Krieg vorbereitet, der im kalten Norden wütete, wir trugen Wintermützen unter der afrikanischen Sonne und banden uns Filzstreifen um die Waden, um zu verhindern, dass der Schnee, den wir alle noch nie gesehen hatten, in die Stiefel drang.“ Der Tonfall ist beherrscht; das Lied von den schlimmen Konsequenzen aller Handlungen singt leise (und ein wenig irr) in ihm, nicht lauthals aus ihm heraus: „Ich hielt mir die Schenkel fest, sie waren wie aus Kautschuk. Die Mine pochte unter meinem Stiefel. Es gab keinen Gott. Wir wurden im Krieg geboren, und im Krieg würden wir sterben.“ Die Sprache malt hier eine Welt, die eigentlich gar nicht sprechen will, lieber schweigen: „Als die Soldaten mich sahen, richteten sie ängstlich das schwere Maschinengewehr auf mich. Es waren brave, sehr einfache Männer, die das Dorf Meiringen vor deutschen Partisanen schützen sollten, ohne jede politische Schulung, ohne Verstand.“

Und so fort: „Ich habe keine Angst mehr. Ich habe verlernt zu lesen, wie ich es früher konnte. Der Krieg macht uns zu Geisteskrüppeln.“ „Schonung war unter dem Kommando Baulins nicht zu erwarten. Mein Dienst begann unter einem denkbar glücklichen Vorzeichen – man gab mir ein Pferd.“ „Und die blauen Augen unserer Revolution brannten mit der notwendigen Grausamkeit.“ „Der Arzt und der Kamerad wunderten sich, dass der Kranke so geduldig geworden sei.“ „Es war sinnlos. Mein Körper war mein Körper. Entweder ich stellte mich wieder auf die Mine, oder ich lief jetzt zurück zu meinem Pferd.“ „Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Gesicht liegenden Toten.“

Der abgebrühteste Waffenlose

Das alles ist aus einem Guss – und doch stammen einige der eben zitierten Funde nicht von Christian Kracht, sondern von Isaak Babel, Hans Grimm und Ernst Jünger. Bewiesen wird damit nur, aber schlagend, dass niemand an etwas so Scheußlichem wie einem Krieg teilgenommen haben muss, um angemessen straff über die blutigsten Formen der Dummheit schreiben zu können, die der Mensch erfunden hat. Christian Kracht ist, neben vielen anderen netten Dingen, der abgebrühteste Waffenlose, den die Militärschriftstellerei je erlebt hat.

Der Schauplatz des Romans „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ist eine Welt, in welcher der Zürcher Exilant Lenin die Schweiz bolschewisiert hat, statt nach Russland zurückzukehren. Die europäischen Großmächte und die ins Geschichtemachen nachdrängenden „Amexikaner“ liefern einander einen unaufhörlichen Krieg, der längst alle Systemkonkurrenzen gefressen und als Leichenhaufen wieder ausgeschieden hat. Ein junger afrikanischer Parteikommissär der Stadt Neu-Bern, der das Herz auch anatomisch auf dem rechten Fleck trägt, wird vom Obersten Sowjet der Schweiz beauftragt, einen ideologisch unzuverlässigen Oberst namens Brazhinsky festzunehmen. Er sucht ihn, findet ihn auch, in einer Bergfestung, nimmt ihn aber nicht fest, sondern erlebt schließlich, wie alles Große und Massive, auch sein Geschichtsbild, kriegsmüdigkeitsbedingt zerfällt. Das ist die Handlung. Es kommt kaum auf sie an.

Eine neue Sprache

Denn abgesehen davon, dass die hier geschilderte Welt mit der uns vertrauten so unversöhnlich über Kreuz liegt wie die des berühmten Parallelwelt-Romans „The Man in the High Castle“ (1962) von Philip K. Dick, in dem die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, verbindet Dicks und Krachts Bücher etwas viel Wichtigeres: Die Sprache, die sie pflegen, ist so eingerichtet, dass sie Welten aller Farben und Fürchterlichkeiten eben nicht bloß erschließen, sondern erschaffen und verwandeln kann. Das Historische zeigt sich so als etwas, das menschlichen (Sprach-)Handlungen unterworfen ist, die es jederzeit überschreiten können. Deshalb gibt es bei Dick das vernunftwidrige „Orakel vom Berge“ und bei Kracht eine neue Sprache, die Menschen umklammert halten und Gegenstände verschieben kann.

Der Gattungshintergrund, in dem allein so etwas möglich ist, heißt „Phantastik“. Die spricht bekanntlich in zwei Modi vom Historischen: dem geheimen und dem kontrafaktischen. Geheime Geschichte, erzählt etwa in Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel“ oder „The Stress of Her Regard“ von Tim Powers, lässt alle uns bekannten Dokumente in Ruhe, offenbart sie aber als Kulissen, hinter denen Tieferes geschieht. Bei der kontrafaktischen Geschichte dagegen, zu der Krachts und Dicks Bücher zählen, kümmert keinen, wie es war.

Das Genre ist erwachsen geworden

Zu ihr gehören schon die Spekulationen des Römers Titus Livius darüber, was Alexander der Große angestellt hätte, wenn er länger am Leben geblieben wäre als in der Wirklichkeit. Seit dem neunzehnten Jahrhundert, als Louis Geoffroy „Napoléon apocryphe“ veröffentlichte, ist das Genre erwachsen geworden – Mark Twain schickte einen Yankee an den Hof König Arthurs und verbog damit das Mittelalter, Winston Churchill ließ den General Lee die Schlacht von Gettysburg verlieren, Vladimir Nabokov schrieb die Geschichte in der Gegenwelt seines Romans „Ada“ um, Harry Turtledove machte aus Mohammed einen christlichen Heiligen, und Kim Stanley Robinson ließ Europa vor der Neuzeit an der Pest zugrunde gehen, so dass die Aufklärung und die industrielle Revolution in China stattfinden mussten.

Unter Rückgriff auf diese Werke indes ließe sich allenfalls beschreiben, was mit Krachts Buch äußerlich der Fall ist, wie es durch das Feld der Vorläufer eine Kontur erhält und was es seinerseits mit diesem Feld anstellt. Was in „Ich werde hier sein . . .“ selbst geschieht, erfährt man so nicht – und das weiß der listenreiche Autor ganz genau. Denn ihm ist klar wie selten jemandem, dass er, wenn er Erzähltechniken der Phantastik in die deutsche Gegenwartsliteratur importiert, damit die Radarfallen der lizenzierten öffentlichen Literaturbetrachtung unterfliegt. Mehr noch als Humor nämlich diskreditiert Phantastik in Deutschland ihre Praktiker. Das ist ein literarisches Kuriosum, aber ein bitter wahres. Wenn ein paar Engländer in einem präzisen Zeitraum Geschichten über das erfinden, was kommen wird, oder über das, was nie war, entsteht eine Strömung namens Scientific Romance, mit weitreichenden Folgen; wenn ein paar Südamerikaner Ähnliches tun, spricht man von magischem Realismus; sind es Nordamerikaner, so entsteht sogar ein neues kommerzielles Genre, die Science-Fiction.

Graus oder Gelächter

Wenn aber bei uns Ernst Kreuder eine Geheimgeschichte nach der anderen schreibt, wenn Arno Schmidt mehrere Zukunfts- und Unterweltepen dichtet, Wolf von Niebelschütz den größten Fantasyroman der Deutschen verfasst, Carl Amery und Wolfgang Jeschke das Kontrafaktische auf neue Wege führen oder Tobias O. Meißner der literarischen Fiktion die neuen Begrifflichkeiten der elektronischen Virtualität erschließt, dann sind das plötzlich alles Einzeltäter. Der befremdliche Tatbestand liegt letztlich daran, dass die populärsten Kunstgattungen allesamt phantastische waren und sind, wie jede ernsthafte Untersuchung Hollywoods, der Comics oder des Fernsehens zeigen müsste. Das Populäre als solches jedoch ist dem urteilenden Deutschlehrer ein Graus, ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.

So bringt er seine geliebte Literatur davor mit dem ganzen Waffenarsenal sorgfältig gepflegter Unkenntnis jedes Mal neu in Sicherheit, wenn es darum zu gehen hätte, Zusammenhänge herzustellen – hierzulande muss man weder einen Blick in Tzvetan Todorovs „Einführung in die phantastische Literatur“ noch in Farah Mendlesohns „Rhetorics of Fantasy“ geworfen haben, um von jeder Ahnung unbeschmutzt heraustrompeten zu dürfen, dass das ja doch alles Mist sei und überhaupt die ganze Richtung nicht passe. Wenn man hierzulande über Phantastik schreibt, ist gestattet, straflos alles durcheinanderzuschmeißen, was sich überhaupt verwechseln lässt; Jugendbücher anzugreifen, weil sie nicht erwachsen klingen, und Texte zu verhöhnen, deren Gehalt, Sprachkleid oder auch bloße Eigennamen-Ordnung man dem eigenen Publikum nicht einmal richtig wiedergeben kann, bevor man alle drei verflucht.

In sich ruhender Größenwahn

Kracht macht sich seinen Spaß mit dieser kritischen Indolenz. Weil er das Blech der gewöhnlichen, moralisierenden politischen Literatur schon mit dem Roman „1979“ zurückgewiesen hat, nimmt er mit dem neuen Roman nun im Tausch das Gold der Phantastik an sich, aber unter der Ladentheke – eine Transaktion, von der er weiß, dass die Kritik weithin zu dumpf vor sich hin denkt, um sie zu beobachten.

Wo es anderen darum geht, Romane gegen den Krieg oder den Totalitarismus zu schreiben, baut Kracht mit dem Understatement echten, in sich ruhenden Größenwahns gleich ein Buch gegen die Geschichte als solche.

Dies ist nun freilich die Stelle, an der es sich lohnt, darüber nachzudenken, wozu Kracht eigentlich den Sieg des Bolschewismus in der Schweiz braucht.

Die Bürger haben die echten Bolschewiken bekanntlich besiegt. Das ist am 25. Dezember 1991 passiert, als die Sowjetunion erlosch. Aber den aufmerksamsten, wachsten, gescheitesten unter diesen Bürgern wird seither nicht recht wohl bei diesem Sieg. Sie herrschen, ahnen sie, heute über ein Weltgefängnis des Wahnsinns, der Börsenbeben, der Menschenschinderei und Langeweile, in dem es für Ästheten nur etwas zu lachen gibt, wenn sie viel von Sarkasmus verstehen. Bürger mit Muße und Sinn fürs ethisch Vertrackte haben schon früher oft genug gedacht wie Karl Kraus, als der über den Kommunismus stoßseufzte: „Der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte ihn uns als konstante Drohung über den Häuptern jener, so da Güter besitzen und alle anderen zu deren Bewahrung und mit dem Trost, dass das Leben der Güter höchstes nicht sei, an die Fronten des Hungers und der Vaterländischen Ehre treiben möchten. Gott erhalte ihn uns, damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr ein noch aus weiß vor Frechheit, nicht noch frecher werde, damit die Gesellschaft der ausschließlich Genußberechtigten, die da glaubt, dass die ihr botmäßige Menschheit genug der Liebe habe, wenn sie von ihnen die Syphilis bekommt, wenigstens doch auch mit einem Alpdruck zu Bette gehe!“

Ein schöner Albtraum

Dieser Alpdruck ist die anhaltende Sehnsucht dessen, der, wenn man ihm einen erfrorenen Penner mitten in einer reichen Stadt zeigt, von „Salonmarxismus“ witzelt. So sehnt sich denn die späteste bürgerliche Kunst nach der linken Peitsche und entwickelt Nostalgie selbst für den größten Grusel, solange der nur eine strafende Linke enthält. RAF und Ostblock werden damit Quellen einer Sorte blühender Schauerromantik, die göttlich komisch sein könnte, wenn sie nur ein bisschen kühler, berechnender, über ihren eigenen moralischen Knacks aufgeklärter wäre. Etwa so wie das Erzählen bei Christian Kracht eben. Der nämlich holt den roten Teufel ohne Hast und Gefuchtel aus der Kiste und zeigt ihn uns im wohlgeordnetsten Kasperlethater, das sich denken lässt. Ein schöner Albtraum, weiß dieser Dichter, ist sich selbst genug; Moral braucht man erst nach dem Aufwachen.

Wie sie lauten könnte? Vielleicht so: Die Bürger werden lernen müssen, sich mit den Nichtbürgern zu verständigen. Sonst mag der Tag kommen, an dem niemand mehr glauben kann, dass es das, was Bürger so für Geschichte halten, je wirklich gegeben hat.

Christian Kracht: „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 150 S., geb., 16,95 €.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kiepenheuer & Witsch

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