Von Frank Hollmann, Peking
15. September 2008 Am ersten Wettkampftag herrschte noch Nervosität im chinesischen Team. Auch Du Jianping blickte unsicher in die Wand von Foto- und Fernsehkameras, die sich nach seinem Sieg über 100 Meter-Freistil im Halbkreis um ihn aufgebaut hatte. Duibuqi“ – Verzeihung, bat der 24 Jahre alte Sportler vor gut zehn Tagen um Verständnis. Es sei das erste Mal, dass ihn so viele Reporter sprechen wollten.
Du Jianping, durch Polio im Kindesalter halbseitig gelähmt, hatte gerade das erste Gold für die Gastgeber der Paralympics erschwommen, angefeuert von mehr als 10.000 Chinesen im gefüllten Water Cube. Fast alle hatten da zum ersten Mal in ihrem Leben mit eigenen Augen bestaunt, zu welchen Leistungen Menschen wie Du Jianping imstande sind.
Die Behinderten tilgen die Schmach der chinesischen Leichtathleten
Die Nervosität ist längst verflogen, bei Athleten wie Zuschauern. China führt im Medaillenspiegel der Paralympics noch deutlicher als zuvor bei den Spielen der Nichtbehinderten und hat soviel Edelmetall gewonnen wie die nächstplatzierten Teams aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten zusammen.
Solche Erfolge wecken Begeisterung. Vor den Spielen hatten Zeitungen wie Titan Sports oder die Pekinger Wanbao noch Hinweise zu korrektem Verhalten gegenüber behinderten Sportlern abgedruckt, Tipps wie: Bitte nicht anfeuern beim Goalball, sonst können die Blinden den klingelnden Ball nicht orten.“ Doch das ist längst Vergangenheit. Binnen weniger Tage wurden viele Pekinger zu bekennenden Paralympic-Fans. 91.000 füllten am Samstagabend das Vogelnest, ausverkauft. Über dreißig Mal schon schallte Chinas Hymne durch das Nationalstadion. Bei Olympia drei Wochen zuvor waren Chinas Leichtathleten ohne Gold geblieben. Nun tilgen die Behinderten diese Schmach. (siehe auch: FAZ.NET-Sonderseite: Paralympics 2008)
Warmherzigkeit der Chinesen
Der Siegeszug ihrer Sportler rührt die Pekinger zu Tränen. Gebannt verfolgen sie in Restaurants und Läden die Übertragungen von CCTV, staunen ungläubig, wie die kleine Jiang Fuying wie ein Delfin zu Gold schwamm, ohne Arme, angetrieben nur durch die rollenden Bewegungen ihres Körpers und ihrer Beine. Bei solchen Bildern habe sie weinen müssen, sagt die Fahrerin Wang Yun: Ich kann gar nicht fassen, wie hart Menschen trainieren müssen, denen Arme und Beine fehlen. Mein eigener Sohn hat vor Jahren mit dem Sport aufgehört, weil es ihm zu anstrengend war. Dabei ist er gesund. “
Auch Jiang Fuying staunt über die Warmherzigkeit“ ihrer Landsleute, die noch vor wenigen Jahren Behinderte als wertlos verachteten. Nun wird sie vom Staat mit einer Prämie honoriert, wie hoch genau die sein wird, ist noch nicht bekannt. Noch wertvoller aber sei die neu gewonnene Popularität, sagt die 20 Jahre alte Schwimmerin: Dieses Gold wird mich weiter bringen. Ich will Journalismus studieren und Radiomoderatorin werden.“
Vorzeigeathlet durch und durch
Auch Menggen Jimisu träumt nun von einem besseren Leben. Die kleinwüchsige Diskuswerferin verbrachte ihre Kindheit und Jugend bei ihrer Großmutter, weil ihre Familie große Probleme gehabt habe. Deshalb habe sie sie verlassen müssen. Warum genau, darüber schweigt die Teenagerin. Ihr Blick geht ins Leere, sie presst die Lippen zusammen, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. Die Goldmedaille soll sie auslöschen. Jetzt, als Siegerin der Paralympics, kann ich meine Familie unterstützen“, sagt sie. In ihrer Stimme schwingen Trotz und Stolz mit.
Dass Menggens Hoffnungen nicht unbegründet sind, zeigt die Karriere von Hou Bin, Chinas bekanntestem Paralympic-Athleten. Als Kind verlor er bei einem Zugunglück ein Bein. Doch Hou war ein Kämpfer, lernte zu malen, schrieb Gedichte und entdeckte den Sport. In Atlanta, Sydney und Athen gewann er den Hochsprung der Einbeinigen, zuletzt mit einer Höhe von 1,92 Meter. Bei der Eröffnungsfeier in Peking setzte er den spektakulären Schlusspunkt. Im Rollstuhl sitzend zog er sich an einem Flaschenzug 40 Meter empor und entzündete die Flamme. Die Paralympics, sagt Hou, hätten auch sein Selbstvertrauen gestärkt, das wolle er weitergeben. Der 33 Jahre alte Sportler hat Journalistik studiert, ist Mitglied der KP und arbeitet im Sportverband seiner Heimatstadt Xiamen. Ein Vorzeigeathlet durch und durch.
Kein böses Wort über westliche Ausländer
Jin Jing wehrt sich gegen die Heldenrolle, die ihr die nationalistische Propaganda zugedacht hat. Beim Fackellauf in Paris hatte die beinamputierte Fechterin die Fackel fest umklammert und gegen chinakritische Demonstranten verteidigt. Die Bilder waren im Staatsfernsehen und in den chinesischen Zeitungen. Jeder hätte das gemacht, der für Olympia ist“, sagt sie und zeigt ihr strahlendes Lächeln.
Kein böses Wort über die im Frühjahr von der Propaganda gebrandmarkten westlichen Ausländer entgleitet ihr. Sportlich hatte es Jin Jing nie zu den Paralympics geschafft. Nun ist sie Co-Moderatorin im Sportkanal und durfte als einzige Nicht-Medaillengewinnerin die Fackel bei der Eröffnungsfeier tragen. Auch für ihre Zukunft ist gesorgt. Sie wird in Schanghai für die Gewerkschaft arbeiten. Ich bin keine Sportlerin mehr“, sagt Jin Jing. Es klingt wie ein Triumph. (sieh auch: Paralympics: Sport als Chance für chinesische Behinderte)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS