13. Dezember 2005 Für Anleger in Europa, Asien und den Schwellenländern waren die vergangenen beiden Jahre gute Jahre. Denn sie konnten an den Börsen beachtliche Kursgewinne erzielen. Der wahre Boom fand und findet jedoch an den arabischen Aktienmärkten statt.
International beinahe unbeachtet verbuchten sie zum Teil gewaltige Kurszuwächse. So stellen die Börsen in Dubai, Ägypten, Saudi Arabien, Jordanien, Katar oder auch in Kuwait mit einer Performance von bis zu 186 Prozent in Euro selbst gut laufende Märkte wie etwa den russischen RTS in den Schatten.
Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. Auch die weiteren Perspektiven scheinen nicht schlecht zu sein. Fondsmanager Haissam Arabi von Shuaacapital in Dubai jedenfalls gibt sich optimistisch. Er hat mit seinem Arab Gateway Fund seit dem März des Jahres 2001 eine Performance von rund 260 Prozent erzielt und damit den MSCI Emerging Markets um Welten hinter sich gelassen.
Die arabischen Börsen befinden sich schon seit Jahren in einem wahren Kursrausch. Wie können Sie sich das erklären?
Die Kursbewegung begann schon im Jahr 2001 und hat in meinen Augen zwei Hauptursachen. Erstens die extrem tiefen Zinsen, die aufgrund der Bindung der Währungen den meisten arabischen Volkswirtschaften an den Dollar zustande kam. Immerhin waren damals die Zinsen in den Vereinigten Staaten nach dem neunten September auf den tiefsten Stand seit 40 Jahren gesenkt worden. Beinahe gleichzeitig zog auch der Ölpreis an und führte zusammen mit den tiefen Zinsen zu einem Kapitalstrom in diese Märkte. Diese beiden Impulse hielten seitdem an.
Die hohen Öleinnahmen führten bei den Regierungen zu Überschüssen, die sie umgehend in zum Teil große Infrastrukturprojekte und andere Dinge investierten. Das führte zu steigenden Aufträgen bei Projektierern, Bau- und Zementunternehmen und all denn anderen Firmen, die von solchen Projekten profitieren und die an den Börsen der Region notiert sind. Auf diese Weise haben sich die hohen Ölpreise positiv bei den Unternehmensgewinnen bemerkbar gemacht.
Früher gab es bei hohen Ölpreisen auch immer schon solche Impulse, allerdings verpufften sie in der Regel rasch ohne viel zu verändern.
Diesmal ist das anders?
Ja, denn diesmal hält der Boom nun schon vier Jahr an. Und was ist passiert mit den Unternehmensgewinnen? Anstatt zehn oder 20 Prozent zuzulegen, sind die Unternehmensgewinne förmlich explodiert. Im Jahr 2005 dürften die Unternehmensgewinne in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Durchschnitt dreistellig wachsen. Das durchschnittliche jährliche Gewinnwachstum in den vergangenen vier Jahren dürfte 40 bis 50 Prozent betragen haben. Insgesamt ist aus dem Ölboom ein Bau- und Kreditboom geworden, der sich sogar in jenen Staaten bemerkbar machte, die nicht unmittelbar vom Öl profitieren, da ein Teil der dortigen Bevölkerung in den Golfstaaten arbeitet.
Gibt es noch andere Gründe?
Ja, zum laufenden Bullenmarkt trugen noch weitere Impulse bei. Das sind unter anderem politische und auch wirtschaftliche Reformen der verschiedensten Art. So können nun Ausländer in der Region investieren, in Kuwait können seit kurzem Frauen wählen, in Bahrain gibt es seit etwas mehr als zwei Jahren das erste demokratisch gewählte Parlament, in Saudi Arabien befinden sich seit kurzem zwei Frauen in führender Stellung bei der Handelskammer et cetera. Das mögen zum Teil kleine Schritte sein, aber es zeigt, daß sich einiges bewegt. Die Region hat sich außerdem dazu entschlossen, schärfer gegen den Terrorismus vorzugehen und hat auf diese Weise das Verhältnis zum Westen wieder verbessert.
Das heißt, die politische und wirtschaftliche Landschaft der Region befindet sich im Wandel?
Ja, aufgrund der Ereignisse setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, daß ein gewisser Wandel notwendig ist. Die Bevölkerung könnte langsam mehr Mitspracherechte erhalten und auch am Wohlstand teilhaben. Aus diesem Grund kommt es zu immer mehr zu Reformen, Privatisierungen und so weiter. Möglicherweise wird der private Sektor in den kommenden fünf bis zehn Jahren die wirtschaftliche Entwicklung dominieren und nicht mehr der Öffentliche Sektor. Das sind entscheidende Änderungen.
Saudi Arabien hat die Absicht, dem WTO beizutreten. Das dürfte nicht nur zu weiteren Reformen führen, sondern sie sogar voraussetzen. So müssen ausländische Investoren zum Beispiel die Möglichkeit haben, die absolute Mehrheit an einem Unternehmen erwerben zu können.
Sehen sie kein Rückschlagsrisiko an den Börsen?
Sehr wahrscheinlich wird es aufgrund der Bewertung und anderer Risiken - zum Beispiel einer inflationären Entwicklung - immer wieder zu Rückschlägen kommen. Allerdings dürften das Korrekturen in einem mittel -und langfristigen Aufwärtstrend sein. Das zeigt sich unter anderem auch am Ausgabeverhalten der Regierungen. Investierten in den vergangenen Boomphasen vor allen im Verteidigungsbereich, so präferieren sie nun produktive Sektoren, die wiederum in der Volkswirtschaft zu einem Multiplikatoreffekt und auf diese Weise zu weiteren Investitionen führen. Das alles sind Gründe dafür, wieso wir sehr bullisch nach vorne blicken. Vor allem dann, wenn sich der Ölpreis auf einem hohen Niveau halten sollte. Und ich gehe davon aus, daß er wenigstens über der Marke von 40 Dollar je Barrel bleiben wird.
Wann würden Sie einen Rückschlag erwarten?
Nicht unbedingt im Moment. Aufgrund des Jahresend- und des Januareffektes rechne ich mit einer Korrektur in der Mitte des kommenden Jahres. Zumindest dann, wenn die Wachstumszahlen des ersten Quartals die hohen Erwartungen enttäuschen sollten. Grundsätzlich rechnen wir jedoch mit einer Fortsetzung des Bullenmarktes, sofern sich die Reformbemühungen fortsetzen und sich die makroökonomischen Bedingungen nicht ändern.
Welche Branchen sind interessant?
Die Märkte haben nicht allzuviel Tiefe. Im wesentlichen handelt es sich um Telekommunikations-, Dienstleistungs-, Immobilien-, Bau-, Zement- und petrochemische Unternehmen und natürlich die Banken. Sie alle profitieren von der allgemeinen Entwicklung, allen voran die Banken. Blickt man nach vorne, sollte man wohl vor allem auf den Immobilienbereich achten. Denn sollte er sich abkühlen, dürfte das die Wirtschaftsentwicklung und damit indirekt die Börsen bremsen.
Rechnen Sie mit einer anhaltenden Nachfrage im Immobilienbereich?
Sofern sich der Reformprozeß fortsetzt - ja! Die Fortsetzung der politischen und wirtschaftlichen Reformen sind der entscheidende Schlüssel für die weitere Entwicklung.
Sind Sie diesbezüglich optimistisch?
Ich bin sehr optimistisch.
Sehen sie keine Risiken?
Das Hauptrisiko sehe ich in der Kontrolle der Preisentwicklung, um nicht in die Hyperinflation zu geraten. Das Problem ist, daß die Geldpolitik über die Bindung der Währung an den Dollar in den Vereinigten Staaten gemacht wird. Und dort ist sie immer noch recht locker. Niedrige Nominalzinsen und sogar negative Realzinsen sorgen für eine hohe Liquidität und drohen die Bewertungen zu überziehen.
Kann die Region die Preisentwicklung kontrollieren ohne die Währungen vom Dollar abzukoppeln?
Sofern die Reformen fortgesetzt werden, werden einige Unternehmen neu an die Börse kommen und auf diese Weise einen Teil der vorhandenen Liquidität absorbieren. Zuvor wird allerdings noch die Corporate Governance verbessert, um die Anleger vor zu heißen Geschichten zu schützen. Eine weitere Möglichkeit ist die Plazierung von Rentenpapieren mit einer attraktiven Rendite. Die Regierungen der Region benötigen die Mittel zwar nicht, aber die Emission ist eine Methode, um Liquidität aus dem Markt abzusaugen.
Kann man grundsätzlich auch von einer Diversifikation der Ölgelder sprechen, indem sie nicht mehr im Ausland, sondern in Arabien investiert werden?
Davon kann man reden. Eingenommene Gelder, die früher im Ausland investiert worden wären, werden nun vermehrt in der Golfregion investiert. Das ist positiv für die Region, da die Wirtschaft davon profitiert. Möglicherweise wird die Golfregion sogar zum nächsten Wirtschaftstiger. Das Kapital und das Know-How ist vorhanden, alles was zusätzlich nötig wäre, sind weitere Reformen.
Wie sieht die Anlegerstruktur aus?
Ich schätze, bisher kommen etwa 80 Prozent der Anleger aus der Region, aber das Interesse aus dem Ausland nimmt rasch zu. Das Interessante unserer Märkte ist bisher auch, daß wir negativ korreliert sind zu den Weltbörsen. Das könnte auch noch etwas anhalten, weil bisher vor allem lokale Anleger hier investieren. Sie verstehen die Risiken und dürften bei einer Schwellenländerkrise weniger stark dazu neigen, Gelder abzuziehen als internationale Anleger.
So verwalten auch Sie überwiegend Gelder lokaler Anleger?
Ja, unsere Kunden sind vor allem Stiftungen. Aber auch bei uns nimmt das Interesse ausländischer Anleger zu. Wir verwalten im Moment etwa 2,4 Milliarden Dollar.
Kann ich als Privatanleger investieren?
Ja. Es gibt in der Region inzwischen etwa 90 Fonds, die sich die Geldanlage in der Region spezialisiert haben. Der Wettbewerb ist stark. Grundsätzlich können Sie hier oder etwa in Bahrain ein Konto eröffnen, über welches Sie sogar in Saudi-Arabien direkt investieren können.
Wie beurteilen Sie die geopolitischen Risiken?
Mit Blick auf den Irak hängt alles davon ab, ob die Amerikaner abziehen oder nicht. Ich rechne nicht damit, aber wenn, müßte man die Lage neu überdenken. Ansonsten gab und gibt es zwar immer wieder Anschläge in der Region. Aber sie hielten und halten die Börsen nicht vom Steigen ab.
Fazit?
Die Märkte der Region sehen heiß aus für die kommenden zehn bis 15 Jahre.
Das Gespräch führte Christof Leisinger
Text: @cri
Bildmaterial: AP, FAZ.NET, Privat
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