Von Michael Mandel
11. April 2008 Für Anleger ist dies der Zeitpunkt des Konjunkturzyklus', an dem ein Vermögen gewonnen oder verloren werden kann. Die amerikanische Wirtschaft durchlebt zum vierten Mal in 25 Jahren eine Rezession.
Wird der Aktienmarkt in Kürze nach oben preschen, wie er es während der Abschwungsphasen 1981-82 und 1990-91 tat? Oder wird sich die Talfahrt der Aktien fortsetzen, wie es während der Rezession 2001 und einige Zeit danach der Fall war?
Rückgang der Verbraucherausgaben wird statistisch verschleiert
Mit zukunftsgerichteten Aussagen über den Aktienmarkt kann man gehörig daneben liegen, es gibt jedoch Grund zu der Annahme, dass ein weiterer Markteinbruch bevorsteht: Ein umfassender Rückgang der Verbraucherausgaben, der bislang durch die eigentümliche Methodik der Regierungsstatistiken verschleiert wurde. Fügt man dem noch den sich rasch abschwächenden Arbeitsmarkt, die hohen Energiepreise und die anhaltende Kreditklemme hinzu, dann ist das Rezept für einen Kursrutsch bei Konsumgüteraktien perfekt. Starke Kursverluste in dieser Sparte könnte letztlich auch eine Sogwirkung auf den restlichen Markt ausüben.
Derzeit sieht es so aus, als hätte die Rezession im November 2007 eingesetzt. Nach den Zahlen des jüngsten Arbeitsmarktberichts des Bureau of Labor Statistics erreichte die Beschäftigung im privaten Sektor zu jener Zeit ihren Höchststand. Seither gingen im privaten Sektor 300.000 Arbeitsplätze verloren, wobei sich der Stellenabbau im Bauwesen, im produzierenden Gewerbe, im Einzelhandel und im Bereich kurzzeitiger/saisonaler Dienstleistungen konzentrierte.
Profiteure des zwanzigjährigen Booms der Verbraucherausgaben
Trotz dieser Arbeitsplatzverluste zeigen die Regierungsstatistiken, dass sich die Verbraucherausgaben zwar abschwächen, inflationsbereinigt jedoch auf einem Allzeithoch verharren. Nach diesen Zahlen scheinen die Amerikaner ihre Ausgaben seit vergangenem Sommer mit einer Jahresrate von 1,4 Prozent gesteigert zu haben - durchaus respektabel angesichts der Turbulenzen auf den Finanzmärkten und der seit dem Jahr 2000 stark angestiegenen Verbraucherverschuldung.
Die scheinbar anhaltende Kauflaune amerikanischer Verbraucher hilft auch bei der Erklärung, weshalb zahlreiche Aktien großer Konsumgüterunternehmen in den vergangenen Monaten trotz der Häusermarktkrise einen beachtlichen Höhenflug verzeichneten. Seit Ende August 2007 stieg der Kurs der Wal-Mart-Aktie um 24 Prozent, während Colgate-Palmolive um 19 Prozent, Avon um 15 Prozent, Coca-Cola und McDonald's um jeweils 13 Prozent und Procter & Gamble um sieben Prozent zulegten. Im gleichen Zeitraum büßte der marktbreite Aktienindex S&P-500 acht Prozent an Wert ein.
In einer Hinsicht ist die Stärke dieser Unternehmen indes keine Überraschung. Sie alle sind auf der Welle des zwei Jahrzehnte währenden Booms der Verbraucherausgaben geritten und haben Anlegern seit 1988 im Schnitt jährliche Gewinne (einschließlich Dividenden) zwischen 14 und 17 Prozent beschert. Zum Vergleich: Der S&P-500 hat im gleichen Zeitraum jährliche Ertragszuwächse von durchschnittlich 11 Prozent erzielt.
Privater Konsum: Eigentümliche Statistikmethoden
Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass der Boom bei den Verbraucherausgaben bereits vorbei sein könnte, ohne dass die Anleger davon Wind bekommen hätten. Das Problem besteht nämlich darin, dass die Regierung unter der Bezeichnung privater Konsum ein Sammelsurium an Kategorien versteht, von denen einige nach landläufiger Meinung wenig mit Verbraucherausgaben gemein haben. Zu dem gegenwärtig zehn Billionen Dollar umfassenden privaten Konsum in Amerika zählen etwa Ausgaben für Gesundheitsversorgung (Medicare, Medicaid und private Krankenversicherungen) im Volumen von rund 1,8 Billionen Dollar. Hierbei handelt es sich zwar um reale Geldleistungen, die der Verbraucher jedoch größtenteils nicht beeinflussen kann oder gar zu Gesicht bekommt, da sie in der Regel direkt den Erbringern von Gesundheitsdienstleistungen zufließen.
Zum privaten Konsum zählt die Regierungsstatistik auch kalkulatorische Kategorien, worunter Posten zu verstehen sind, die nicht mit einer tatsächlichen Geldübertragung einhergehen. Als Beispiele seien die beiden größten Posten genannt: 1,1 Billionen Dollar für Miete, die Eigenheimbesitzer für ihr selbstgenutztes Wohneigentum theoretisch an sich selbst zahlen, und 240 Milliarden Dollar für von Finanzintermediären kostenfrei bereitgestellte Dienstleistungen, wozu etwa der Wert von Dienstleistungen wie gebührenfreie Girokonten zählt.
Nach Ausklammerung der Ausgaben für Gesundheitsdienstleistungen und der beiden kalkulatorischen Kategorien stellt sich heraus, dass der verbleibende Teil des privaten Konsums inflationsbereinigt seit November sogar gesunken ist. Der Rückgang zeigt sich hierbei auf breiter Front: Die um die Inflation bereinigten Ausgaben für Lebensmittel, Kleidung, Möbel und Fahrzeuge sind allesamt rückläufig. Auch die Ausgaben für verschreibungspflichtige Medikamente - jener Teil der Gesundheitsausgaben, der von Privatpersonen am besten gesteuert werden kann - sind gesunken.
Der Gürtel wird etwas enger geschnallt
Auch für Laster wie Alkohol und Glücksspiele wird weniger ausgegeben. Nach der Regierungsstatistik sind die Ausgaben für Spielkasinos und Alkohol seit November rückläufig. Die Glücksspielumsätze im Bundesstaat Nevada (Las Vegas!) sind im vergangenen Jahr um vier Prozent gesunken.
Es mehren sich die Zeichen, dass auch wohlhabende Personen zurückhaltender werden. So sind etwa die Ausgaben für Uhren und Schmuck seit November inflationsbereinigt um 3,9 Prozent zurückgegangen. In einer Umfrage unter vermögenden Amerikanern gaben 42 Prozent der Befragten an, dass sie ihre Haushaltsplanung und ihr Ausgabenverhalten wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich ändern werden. Diese Leute schnallen ihren Gürtel etwas enger, sagt George H. Walper Jr., Vorsitzender der Beratungsgesellschaft, die diese Umfrage in Auftrag gab. Nur weil Personen wohlhabend sind, heißt das nicht, dass sie nicht zur Vorsicht neigen.
Einige Kategorien der Verbraucherausgaben steigen allerdings auch weiterhin. Reale Ausgaben für religiöse und soziale Aktivitäten, zu denen auch politische Spenden zählen, sind im Zuge des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs im Aufwind. Und zumindest bislang steigt die Zahl der von Amerikanern gekauften TV-Geräte und ihre mit Telefonieren verbrachte Zeit.
Nach Ansicht einiger Volkswirte dürfte die Kombination aus niedrigeren Zinsen und den bald bei den Verbrauchern eintreffenden Schecks im Rahmen des amerikanischen Konjunkturprogramms die Verbraucherausgaben vor einem jähen Einbruch bewahren. Wir gehen davon aus, dass die Verbraucher trotz Rezession der Gesamtwirtschaft einem Abschwung um Haaresbreite entgehen werden, konstatieren Richard Berne und David Greenlaw in einer unlängst veröffentlichten Studie.
Die überdurchschnittliche Kursentwicklung der Aktien großer Konsumgüterunternehmen scheint eine in diese Richtung tendierende Markterwartung widerzuspiegeln. Sollte der Rückgang der Verbraucherausgaben allerdings anhalten, dann dürfte sich der Markt dem schwerlich entziehen können.
Mandel ist Chefökonom von BusinessWeek
Text: BusinessWeek
Bildmaterial: FAZ.NET
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