17. September 2004 Spätestens nachdem Ende der neunziger Jahre bekannt wurde, daß der Sportartikelhersteller Nike seine Turnschuhe unter menschenunwürdigen Bedingungen in Asien produzieren ließ, interessieren sich mehr Verbraucher dafür, was sich hinter bekannten Marken verbirgt. Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Verbraucher und Politiker fordern heute von Unternehmen, bei allem Gewinnstreben auch Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt zu übernehmen. Einer Umfrage auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zufolge glauben 70 Prozent der befragten Topmanager, daß unternehmerische Werte verstärkt auch für Investoren eine Rolle spielen.
Nachhaltige Unternehmensführung, auf neudeutsch Sustainability Management, lautet die strategische Herausforderung für Führungskräfte. Welche Dimensionen der allzu häufig bemühte Begriff der Nachhaltigkeit für die betriebliche Praxis umfaßt und wie er sich dort umsetzen läßt, ist Kern einer akademischen Weiterbildung an der Universität Lüneburg. Vergangenes Wintersemester startete dort der berufsbegleitende viersemestrige MBA-Studiengang Sustainability Management (kurz: sustainament). Ab kommendem Wintersemester kann der Fernstudiengang auch Vollzeit in zwei Semestern absolviert werden.
Er bietet eine fundierte betriebswirtschaftliche Ausbildung, die neben klassischen ökonomischen MBA-Inhalten auch ökologische und soziale Aspekte des Wirtschaftens einbezieht. Dieser Dreiklang beschreibt das Konzept der unternehmerischen Nachhaltigkeit. Der Umgang mit natürlichen Ressourcen und Ökosystemen zählt dazu ebenso wie die Produktpolitik des Unternehmens oder seine Beziehungen zu Mitarbeitern, Lieferanten und Behörden. Das Studium vermittelt Theorien und Konzepte des Nachhaltigkeitsmanagements, rechtliche Rahmenbedingungen, Wettbewerbs- und Kommunikationsstrategien und Methoden zur Messung unternehmerischer Nachhaltigkeit. Lerneinheiten zu systemischem Denken und Innovationstechniken sollen die Studierenden befähigen, zukunftsweisende Marktchancen zu erkennen. Die Überzeugungskraft, die sie zur konsequenten Verankerung der Nachhaltigkeit im Unternehmen benötigen, schulen sie in Rhetorik-, Präsentations- und Teamentwicklungsseminaren. Die fachlichen Inhalte werden in Form von Studienbriefen sowie über eine multimediale Lernplattform vermittelt, die den Studierenden auch die Möglichkeit bietet, gemeinsam Projekte zu bearbeiten und sich auszutauschen. Für das Training der Soft Skills und das persönliche Netzwerken sind fünf Präsenzveranstaltungen an der Universität Lüneburg vorgesehen. Dort findet am Ende des Studiums zudem ein einwöchiger Praxisworkshop statt, bei dem Vertreter aus der Wirtschaft die von den Studierenden erarbeiteten Nachhaltigkeitskonzepte bewerten. Der MBA-Fernstudiengang schließt mit einer Masterarbeit ab.
Das Weiterbildungsangebot sei in dieser Form weltweit einzigartig und decke einen konkreten Bedarf ab, sagt Initiator Professor Stefan Schaltegger: "Viele Unternehmen erkennen die Profilierungsmöglichkeiten, die nachhaltiges Management bietet, wissen aber nicht so recht, wie sie das Thema professionell anpacken sollen." Häufig sei es in einer Stabsstelle für Umweltfragen angesiedelt, deren Mitarbeiter in der Regel kein betriebswirtschaftliches Know-how haben. "Um Chancen und Risiken rechtzeitig zu erkennen, muß das Umwelt- und Sozialmanagement aber in das konventionelle ökonomische Management integriert werden", fordert Schaltegger. Als Gründer des Centre for Sustainability Management (CSM) an der Universität Lüneburg, einem interdisziplinären Forschungs- und Lehrinstitut, beschäftigt er sich seit Jahren mit Nachhaltigkeitsmanagement und pflegt gute Kontakte zu engagierten Unternehmen.
Als Vorreiter betrieblicher Nachhaltigkeit gelten hierzulande Firmen wie der Düsseldorfer Konzern Henkel oder der Otto-Versand in Hamburg. Die WestLB baut derzeit eine Nachhaltigkeitsabteilung mit sechs Mitarbeitern auf. Immerhin zwei von drei Dax-Unternehmen veröffentlichen einen jährlichen Nachhaltigkeitsbericht, in dem sie ihre soziale und ökologische Verantwortung dokumentieren. Die Themen reichen vom CO2-Austausch bis zur Renovierung eines benachbarten Kindergartens. Nicht immer unterliegt ihnen eine klare Strategie.
Der MBA-Studiengang Sustainability Management soll Mitarbeiter und Führungskräfte befähigen, das Konzept der Nachhaltigkeit in ihrer Abteilung oder im Unternehmen zu etablieren. Weitere Zielgruppen sind Gründer, Unternehmensberater und NGO-Vertreter. Als Zulassungsvoraussetzung gelten ein abgeschlossenes Hochschulstudium, zwei Jahre Berufserfahrung sowie Englisch- und PC-Kenntnisse. Bewerbungsschluß ist der 30. September. Nähere Informationen gibt es unter www.sustainament.de
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2004, Nr. 218 / Seite 56
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