Strategie

Asien dürfte sich wirtschaftlich kaum abkoppeln können

04. März 2008 Abkoppelung oder nicht - das ist die Frage, die gegenwärtig sowohl Ökonomen als auch Anleger beschäftigt. Trotz der inzwischen nicht mehr übersehbaren konjunkturellen Schwäche in den Vereinigten Staaten hielt sich zunächst die Vermutung, die Wirtschaft in Europa und den Schwellenländern könne sich davon abkoppeln und trotzdem robust wachsen.

Allerdings lassen sich inzwischen auch dort Indizien finden, die zumindest auf eine Abschwächung der konjunkturellen Aktivitäten hindeuten. Selbst die „Rohstoffstaaten“ Australien und Kanada scheinen inzwischen die Folgen zu spüren. Immerhin hat die australische Zentralbank am Dienstag nach einer Zinserhöhung angedeutet, die restriktivere Geldpolitik zeige zusammen mit der restriktiveren Kreditvergabe der Banken inzwischen eine bremsende Wirkung.

Fallende Exporte bremsen das Wachstum in Kanada ...

Die kanadische Zentralbank senkte den Leitzins am selben Tag etwas überraschend um 0,5 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent. Zentralbankgouverneur Mark Carney deutete sogar weitere Zinssenkungen an. Vieles deute darauf hin, dass sich der Abschwung „intensiviere“. Fallende Exporte würden im laufenden Jahre gerade noch zu einem Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent führen, prognostizierten die Experten der Zentralbank.

Längst gibt es auch in Europa negative Zeichen, auch wenn es viele der anhaltend optimistischen Unternehmensmanager bisher offensichtlich nicht so richtig glauben wollen. Sie scheinen ebenso ignorant zu sein wie viele Bankmanager, die die Kreditkrise erst dann wahrnahmen, als es schon zu spät war. Dabei ist aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtung offensichtlich, dass eine ausgeprägte Rezession in den Vereinigten Staaten den Rest der Welt nicht unberührt lassen kann.

Selbst Asien dürfte sich davon nicht abkoppeln können. Viele der dort hergestellten Waren gehen letztlich nach Europa oder in die Vereinigten Staaten. Gleichzeitig hat China ein ausgeprägtes Inflationsproblem und dürfte gezwungen sein, die zu stark auf den Export ausgerichtete und überhitzte Wirtschaft zu bremsen, und sie stärker auf den Binnenkonsum auszurichten. Auch Indien kann nach Einschätzung der Ökonomen von Goldman Sachs im laufenden Jahr keine außerordentlichen Wachstumssignale aussenden.

... und sehr wahrscheinlich auch bald in Asien

Es gebe drei Transmissionsmechanismen, über die die sich anbahnende Wirtschaftsflaute auch Asien erreichen werden, erklären die Analysten der ANZ Bank: Die nachlassende Nachfrage nach den asiatischen Exportprodukten, die negativen Effekte fallender Börsen auf den Konsum und nicht zuletzt die reduzierte globale Liquidität. Eine Analyse zeigt zwar, dass die Exporte vieler asiatischer Staaten inzwischen nach China gehen. China wiederum verkauft jedoch einen immer größeren Teil seiner Waren in die Vereinigten Staaten und nach Europa. Geht dort die Nachfrage zurück, macht sich das mit einiger Verzögerung in Asien dämpfend bemerkbar. Darauf deutet jedenfalls eine enge Korrelation der asiatischen Exporte mit den vorlaufenden OECD-Wirtschaftsindikatoren hin (siehe Charts).

Die Analysten der ANZ Bank gehen von drei Szenarien aus: Einer konjunkturellen Schwäche in Amerika, die jedoch zu keiner Rezession führen wird. Dieser Variante ordnen sie eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent zu. Einer Rezession messen sie eine Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent zu, einem Krisenszenario eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent. Angesichts der strukturellen Lage dürfte sich über die Wahrscheinlichkeitsverteilung streiten lassen. Denn vieles deutet auf eine ausgeprägte und länger anhaltende Rezession in den Vereinigten Staaten hin.

Sie dürfte sich mittelfristig auch an den Rohstoffmärkten bemerkbar machen. Die Preise laufen dort zwar gegenwärtig stark nach oben. Allerdings sind die Preise inzwischen stark spekulativ getrieben, wie sich an den Positionierungen an den Terminmärkten und den beachtlichen Lagerbeständen ablesen lässt, die von Rohstofffonds gehalten werden. Früher oder später dürfte es zu einer massiven Gegenbewegung kommen, vor allem dann, wenn sich die Weltwirtschaft deutlich schwächer als erwartet entwickeln sollte (siehe auch: Rohstoffpreise scheinen kurzfristig überhitzt zu sein).

In diesem Sinne dürfte es ratsam sein, die gegenwärtig noch boomenden Märkte mit der notwendigen Aufmerksamkeit und Skepsis zu betrachten, um gegebenenfalls rechtzeitig aussteigen zu können. Denn Gewinne auf dem Papier mögen schön sein. Konkret rechnen kann man mit ihnen jedoch erst dann, wenn man sie auch realisiert hat.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Datastream, Economics@ANZ, Economics@ANZ, Quelle: Economics@ANZ, WBMS, AME, IEA, ANZ Bank

 
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