Börse Schanghai

Wer bremst Chinas unausgeglichenes Wachstum?

19. April 2007 Nach einem ersten „Schocker“ im Februar sorgt am Donnerstag wieder einmal die chinesische Börse für einen Kursrückschlag an den internationalen Börsen. Allerdings scheint er geringer auszufallen, und die Anleger scheinen schneller als damals wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Während die Börse gemessen am Shanghai Stock Exchange Composite Index am 27. Februar dieses Jahres 8,84 Prozent verlor und damit weltweit eine rasche und deutliche Zwischenkorrektur ausgelöst hatte, gab der Index am Donnerstag nur 4,52 Prozent auf 3.449 Zähler nach. Auch diese Kursbewegung führte insbesondere an den anderen Aktienmärkten Asiens zu deutlichen Rückschlägen, in Europa dagegen fallen sie schon moderater aus. Der Dax lag am Donnerstagmittag mit einem Minus von gerade einmal 1,13 Prozent bei 7.200 Punkten und befindet sich im Tagesverlauf wieder auf dem Weg nach oben.

Handelsbilanzüberschuss steigt um 99 Prozent

Die Anleger scheinen darauf zu setzten, dass nichts Gravierendes passiert ist, und gehen offensichtlich davon aus, dass das als positiv bewertete Umfeld anhalten und die Aktienkurse bald wieder weiter nach oben treiben wird. Immerhin hat der Dow Jones Industrial noch am Mittwoch trotz der relativen Schwäche der amerikanischen Konjunktur getrieben von der anhaltend hohen Liquiditätsversorgung auf einem neuen Allzeithoch von 12.804 Zählern geschlossen.

Was ist die Ursache für die aufgekommene Nervosität der Anleger? Sie ist im Wirtschaftswachstum Chinas zu finden. Denn das Bruttoinlandsprodukt des Landes ist nach den jüngsten Informationen des National Bureau of Statistics of China im ersten Quartal des Jahres 2007 mit einem Plus von 11,1 Prozent auf Jahresbasis stärker gewachsen als erwartet. Besonders deutlich fiel das Wachstum im Rohstoffbereich aus, in dem die Produktion von Stahl, Aluminium- und Nicht-Eisenmetallen zwischen 26 und knapp 54 Prozent zulegte. Die Investitionen legten im Jahresvergleich um knapp 24 Prozent zu und die Einzelhandelsumsätze um knapp 15 Prozent, bei einer Inflation von 3,3 Prozent.

Deutlicher als der Binnenkonsum stieg der Export, und zwar um 27,8 Prozent. Da der Importwert gleichzeitig weniger stark zunahm, erhöhte sich der Handelsbilanzüberschuss des Landes im ersten Quartal um satte 99 Prozent auf 46,4 Milliarden Dollar. So dürfte es kaum verwundern, dass die Währungsreserven immer rascher zunehmen. Sie dürften dazu beitragen, dass die Geldmenge Chinas rasch wächst: M2 legte um 17,3 Prozent zu.

Wirtschaft nach wie vor investitions- und exportlastig

Insgesamt wird deutlich, dass die Wirtschaft des Landes zwar nach wie vor rasant wächst - allerdings immer noch stark exportlastig und einseitig abhängig von einer künstlich schwach gehaltenen Währung. Stellt sich die Frage, wie lange sich die westlichen Staaten diese Strategie Chinas und vieler anderer Staaten Asiens - auch Japans - noch gefallen lassen wird, ohne noch protektionistischer zu werden als bisher. Das ist nicht alles. Selbst das National Bureau of Statistics of China listet im aktuellen Bericht die Probleme auf: Überschüssige Liquidität, irrationale ökonomische Strukturen und zu geringe Anreize, Energie und den Verbrauch von Umweltressourcen zu sparen.

So dürfte es kaum verwundern, dass wieder einmal Sorgen über Konjunkturdämpfende Maßnahmen in China kursieren. Nach Bekanntgabe der Wachstumszahlen werde es wahrscheinlicher, dass die chinesische Zentralbank die Leitzinsen erhöhe oder eine schnellere Aufwertung des Yuan zulasse, um eine Überhitzung der chinesischen Volkswirtschaft zu verhindern. Mit dem schnellen Wachstum steige die Gefahr unkontrollierter Investitionen in Produktionsanlagen, Immobilien und Aktien. Die Aktien sind längst deutlich überbewertet. Eine Korrektur wiederum könne einen starken Anstieg der notleidenden Krediten und später eine depressive Entwicklung zur Folge haben, heißt es.

Der Yuan wertet zwar gegen den Dollar seit Abkoppelung im Juli des Jahres 2005 stetig auf und erreichte am Donnerstag mit 7,7160 Yuan je Dollar den bislang höchsten Stand. Gegen den Euro wertet er dagegen seit Monaten ab, obwohl der Handelsbilanzüberschuss mit Euroland ähnlich hoch ist wie mit den Vereinigten Staaten. Das heißt, die Aufwertung des Yuans ist bisher nur kosmetischer Natur und vor allem einseitig.

Deutliche Aufwertung des Yuan hätte Folgen

Sollte China seine Währung tatsächlich rascher aufwerten, hätte das deutliche Folgen für die westlichen Staaten. Denn die disinflationären Impulse der vergangenen Jahrzehnte würden abgebaut werden. Auf diese Weise könnten steigende Importpreise im Westen in Verbindung mit stark steigenden Geldmengen zu inflationären Problemen führen und die Zinsen nach oben treiben. Bisher zeigt sich die hohe Liquidität nur in Form einer starken Vermögenspreisinflation an den Börsen, den Renten-, Rohstoff-, Kunst- und Immobilienmärkten. Genau diese Märkte dürfte man bei steigenden Zinsen kritisch betrachten müssen.

Noch ist es allerdings nicht so weit. Aus diesem Grund dürften die Finanzmärkte zumindest kurzfristig wieder dazu neigen, zum „Business as usual“ übergehen und das optimistische Grundszenario „weiterzuspielen“. Die Anpassung der makroökonomischen Ungleichgewichte ist jedoch nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg, Bruegel, FAZ.NET, Goldman Sachs, National Bureau of Statistics of China, National Bureau of Statistics of China

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