Von Ben Steverman
28. März 2008 Am siebten April ist es wieder soweit: In den Vereinigten Staaten läutet der Aluminiumgigant Alcoa traditionsgemäß die Berichtssaison für das erste Quartal ein. Anleger sollten sich jedoch darauf einstellen, dass die Gewinne amerikanischer Unternehmen angesichts der Kreditkrise und der sich abschwächenden Wirtschaft diesmal im Schnitt merklich geringer ausfallen dürften.
Doch selbst wenn die allgemeine Stimmung getrübt sein sollte, könnten unerwartete Anzeichen von Stärke auf eine robuste Erholung der Unternehmensgewinne im späteren Jahresverlauf hoffen lassen.
Finanzwerte verderben die Gewinnentwicklung im ersten Quartal
Während sich das erste Quartal dem Ende zuneigt, nehmen Analysten drastische Kürzungen ihrer Gewinnprognosen vor, sagt Ashwani Kaul, leitender Research-Analyst bei Reuters Estimates. Der Pessimismus nehme zum Quartalsende hin in der Regel zu, fügt Kaul an.
Nach Schätzungen von Reuters Estimates werden die Gewinne der im S&P-500 vertretenen Unternehmen für das erste Quartal gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 5,5 Prozent niedriger ausfallen, wobei die Verluste im Finanzsektor die geringen Gewinnzuwächse in anderen Sektoren aufzehren. Ohne Finanzwerte würden die Unternehmensgewinne nach Angaben von Kaul um mehr als acht Prozent zulegen. Der Informationsdienstleister Thomson Financial, der seiner Auswertung von Analystenschätzungen eine andere Methode zugrunde legt, prognostiziert für das erste Quartal einen Rückgang der Gewinne der S&P-500-Unternehmen in Höhe von 8,1 Prozent.
Analysten scheinen von einer Wiederholung der äußerst enttäuschenden Berichtssaison zum vierten Quartal 2007 auszugehen, als die Gesamtgewinne im S&P-500 um 20,4 Prozent und die Gewinne im Finanzsektor um 94 Prozent geringer ausfielen.
Bei Großbanken und anderen Unternehmen des Finanzsektors werden weitere gigantische Verluste erwartet, wobei der Löwenanteil neuerlicher Abschreibungen der Subprime-Hypothekenkrise und anderen Kreditproblemen zuzuschreiben sein dürfte.
Die jüngsten Quartalsberichte von Investmentbanken, deren Geschäftsjahr im November endet, fielen zwar schlecht aus, nicht jedoch in dem Maße, wie von Anlegern erwartet. Goldman Sachs, Morgan Stanley und Lehman Brothers verwenden einen von den meisten anderen Unternehmen abweichenden Quartalsrhythmus. Das nährt die Hoffnung, dass sich die Gewinnsituation anderer Finanzunternehmen weniger stark verschlechtern wird als im vierten Quartal 2007, meint David Dropsey, Analyst bei Thomson Financial.
Sektoren im Fokus: Industrie, Technologie und Telekommunikation
Da sich die gesamte Aufmerksamkeit auf die Gewinne des Finanzsektors richtet, könnten Anleger möglicherweise bedeutende Ereignisse in anderen Teilen des Marktes übersehen.
Aktien in Sektoren wie dauerhafte Konsumgüter, Industrie, Technologie, Telekommunikation und Grundstoffe stehen in der bevorstehenden Berichtssaison der entscheidenden Frage gegenüber, inwieweit sich die Abschwächung der Wirtschaft auf die Unternehmensgewinne auswirkt.
Nach Ansicht vieler Volkswirte begann sich die Konjunktur im Dezember 2007 deutlich abzuschwächen. Diese wirtschaftliche Abschwächung wird sich demnach im Anfangsquartal 2008 erstmals vollständig widerspiegeln.
Aktien des Informationstechnologiesektors mussten seit Neujahr Einbußen hinnehmen, nachdem Analysten ihre Schätzungen für das Gewinnwachstum laut Thomson Financial von 14 Prozent zu Beginn des Quartals auf nunmehr neun Prozent gesenkt haben. Diese Anpassung an die neue wirtschaftliche Realität scheint etwas übertrieben zu sein, meint Dropsey, da die Technologieunternehmen diese geringen Erwartungen mit Hilfe starker ausländischer Erlösbeiträge übertreffen dürften.
Ein erster wichtiger Test war Dropsey zufolge der nach Handelsschluss am 26. März veröffentlichte Quartalsbericht von Oracle. Der Softwareriese scheint diesen Test jedoch nicht bestanden zu haben; so lag der 16-prozentige Anstieg der Lizenzumsätze mit neuer Software lediglich am unteren Ende der Erwartungen.
Rezession oder Erholung?
Die Frage, die den Marktteilnehmern jedoch am meisten unter den Nägeln brennt: Steht der amerikanischen Wirtschaft eine ausgeprägte Rezession oder nur eine kurze konjunkturelle Abkühlung bevor? Die Erstquartalszahlen könnten eine erste Antwort auf diese Frage geben.
Ein Blick auf die Zahlen zum Schlussquartal 2007 macht deutlich, dass eine Rezession eingetreten ist, sagt Gary Wolfer, Chefvolkswirt der Univest Wealth Management & Trust Group, die sich jedoch auf lediglich zwei Sektoren des S&P-500 beschränkt - Finanzdienstleistungen und dauerhafte Konsumgüter (darunter Hausbauunternehmen). Solange sie nur auf diese Sektoren begrenzt bleibt, stehen die Chancen auf eine Erholung weitaus besser, so Wolfer. Wenn sich andere Sektoren weiterhin gut entwickeln, legen Anleger vielleicht einen Teil ihrer größten Rezessionsängste ab.
Nach Schätzungen von Reuters Estimates werden die Gewinne im Energiesektor um 29 Prozent, im Technologiesektor um 12 Prozent und im Gesundheitssektor um sieben Prozent steigen. Analysten rechnen mehrheitlich mit einem fulminanten Comeback der Gewinne im dritten und vierten Quartal 2008. Bis dahin, so die Hoffnung der Investoren, ist die Kreditklemme ausgestanden und die Wirtschaft aus dem Gröbsten heraus. Die Gewinne von Finanzunternehmen werden Prognosen zufolge gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum - als Banken Subprime-Verluste in Milliardenhöhe verbuchten - merklich höher ausfallen.
Sollten die Analystenprognosen zutreffen, dann könnten die Gewinne der S&P-500-Unternehmen im dritten Quartal um robuste 18,6 Prozent und im vierten Quartal um gewaltige 65,3 Prozent zulegen. Voraussetzungen für den Eintritt dieser Prognosen: Den Vereinigten Staaten müsste eine tiefe Rezession erspart bleiben und die Kreditkrise müsste gegen Jahresmitte überwunden sein. Beides ist leider alles andere als sicher. Den Anlegern bleibt also vorerst nichts anderes übrig, als das Ende der amerikanischen Berichtssaison zum ersten Quartal abzuwarten.
Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.
Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: FAZ.NET
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