Im Gespräch: George Friedman, Stratfor

„Der Ölmarkt ist im Moment völlig irrational“

George Friedman, CEO von Stratfor in Austin

George Friedman, CEO von Stratfor in Austin

07. Juni 2008 Der Preis für Öl lief in den vergangenen Wochen an den Terminmärkten so nach oben, als ob morgen das Öl ausgehen würde. Nach einer Zwischenkorrektur legte er alleine in den vergangenen beiden Tagen mehr als zehn Dollar je Barrel zu und erreichte am Freitag die Bestmarke von 139 Dollar.

Fundamtenal läßt sich das nicht erklären, erläutert George Friedman vom privaten Informationsdienst Stratfor im texanischen Austin. Er geht davon aus, dass es früher oder später zu einer Korrektur kommen wird.

Interessante Zeiten an den Finanzmärkten, insbesondere am Ölmarkt. Bei extremer Volatilität haben wir am Freitag einen neuen Rekordpreis von ÖL erreicht. Was geht da vor sich?

Solche Verhältnisse sind nicht neu. Es sieht so aus, als ob sie sich alle 20 bis 30 Jahre einstellen würden. Jetzt lassen sie sich zu einem Teil zurückführen auf den schwachen Dollar und zu einem Teil auf die Entwicklung von Angebot und Nachfrage. Besonders das enorme Wachstum in China und Indien führt zu einer starken Nachfrage bei begrenztem Angebot. Kritisch sind begrenzte Investitionen in Raffinerien. Es gibt also eine Reihe von Gründen für den Preisauftrieb.

Strukturell betrachtet endete im Jahr 1992 die Ära billiger Rohstoffe. In den vergangenen zwei bis drei Jahren scheint eine Ära höherer Energie- und Rohstoffpreise begonnen zu haben. Eines jedoch bleibt jedoch konstant: Die Finanzmärkte neigen zur Hysterie, indem sie glauben, wir stünden vor dem Ende der Welt.

Glauben Sie wirklich, die Nachfrage treibt den Ölpreis immer weiter nach oben?

Nein, nicht die Nachfrage an sich, sondern primär die Erwartungen. In den vergangenen Jahren hatten wir eine außerordentlich hohe Nachfrageerwartung mit Blick auf China und Indien. China wuchs enorm. Das Land war die Region, in der die Industrialisierung stattfand.

Blickt man jedoch auf die Wachstumsprognosen mancher Ökonomen für die kommenden zwei bis drei Jahre, so sind manche davon zwar völlig unrealistisch, jedoch trotzdem zur allgemeinen Konsenserwartungen geworden. Spekulanten sahen eine aufgehend Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, kamen herein - und sind inzwischen weiter über das Ziel herausgeschossen. Die Makro-Modelle der vergangenen Jahre unterstellten kontinuierliche jährliche Wachstumsraten im zweistelligen Bereich in China. Solche Erwartungen werden gegen die Wand laufen. Gerade sie jedoch haben in den vergangenen Monaten die Märkte bewegt.

Solche Erwartungen sind doch alleine deswegen seltsam, da China beziehungsweise Asien viele der produzierten Produkte in die Vereinigten Staaten und nach Europa exportiert. In diesem Regionen jedoch lässt die wirtschaftliche Dynamik nach.

Diese Regionen zeichnen sich weniger durch eine industrielle- als durch eine dienstleitungsorientierte Wirtschaft aus. Aus diesem Grund reagieren sie nicht so empfindlich auf einen hohen Ölpreis wie zum Beispiel China. Alleine schon aus diesem Grund betrachte ich die hohen Wachstumserwartungen skeptisch. Dazu kommt die Tatsache, dass die chinesische Wirtschaft strukturell viel schwächer ist, als man gemeinhin annimmt. Genau das haben die Märkte bisher nicht realisiert.

Wie sehen diese „strukturellen Risiken“ genau aus?

Es gibt eine ganze Reihe davon. China ist im Kern eine auf Schulden basierte Volkswirtschaft …

… sie haben doch Währungsreserven in Höhe von 1,4 Billionen Dollar …

… die hatte Japan auch im Jahr 1900. Das konnte jedoch nicht verhindern, dass damals die Wirtschaft zusammenbrach, da die Reserven nicht in das Bankensystem eingebracht werden konnten. Auch Korea hatte vor der Krise im Jahr 1997 hohe Währungsreserven.

Asien erlebte verschiedene Episoden, die sich durch Gemeinsamkeiten auszeichnen: Geringe Gewinne, starke Cashflows und exportabhängige Volkswirtschaften. Wenn sich das Wachstum von Ländern, die primär an den Cashflows interessiert sind und nicht an den Margen, sich auch nur leicht abschwächt, so verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Schuldenlast und Schuldendienst - und das zieht herein.

Was heißt das konkret?

China hatte über viele Jahre schlechte Kredite in Höhe von 25 bis 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Das Land konnte bisher die Krise geschickt abwenden. Unter der Hand ist es jedoch schwierig, die Leute zu bedienen, welchen man Geld schuldet. Nun befinden wir uns in einer Situation, in der die Regierung neben den Exporten auch den Energieverbrauch subventioniert. Wenn man das tut, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, so gerät man in Teufels Küche. In China haben wir beispielsweise eine Unterversorgung mit Dieseltreibstoff. Das ist sehr riskant für eine Industriegesellschaft, da sie praktisch das Lebenselexier der Ökonomie darstellt.

Insgesamt kommen verschiedene kritische Faktoren zusammen. Sollte China den Yuan weiter aufwerten lassen, würde das den Export schwächen, viele Firmen in die Insolvenz treiben und auf diese Weise die Arbeitslosigkeit steigern. Sollten sie die Währung dagegen künstlich vergünstigen, fangen sie sich eine hohe Inflationsrate ein. Längst hat das Land einen Punkt erreicht, der sich durch riesige fundamentale Probleme auszeichnet.

Was sollten sie ändern?

Ich denke, die Chinesen müsste ihre Wirtschaft deutlich umstrukturieren. Ein Land dieser Größe kann nicht kontinuierlich mit zwölf Prozent wachsen, vor allem dann nicht, wenn es mit seinen Exporten so gut wie nichts verdient. In vielen Exportmärkten sind die Gewinnmargen beinahe schon negativ. Trotzdem nehmen die Ausfuhren immer stärker zu. Zählt man nun die Energiekrise hinzu, so steckt das Land vollkommen in der Zwickmühle. Wenn irgendetwas den Energiemarkt treibt, so sind es irrationale Wachstumserwartungen in China.

Wann wird das enden?

Spätestens dann, wenn wir eine Serie von Insolvenzen in China sehen werden.

Was halten sie von Thesen, nach welchen der Binnenkonsum Chinas den Export als Wachstumstreiber bald ablösen wird?

Schauen Sie sich an, wie viel sie exportieren und wie viel Nachfrage sie kreieren müssten, um das zu ersetzen. Daraus lässt sich ableiten, dass ziemlich viel Zeit vergehen würde, bis das möglich wäre. China orientierte sich an ein und demselben Denkmuster in den vergangenen 30 Jahren: der großen Expansion. Der Glaube, dass das ein Prozess sei, der sich ununterbrochen fortsetzen lasse, ist irrational. Gerade jedoch auf dem Hoch eines Marktes glauben die Leute an die unmöglichsten Thesen - man erinnere sich nur an die Dot.com-Bubble.

Sind wir also auf einem Top?

Ich denke die chinesischen Märkte waren etwa vor einem Jahr auf einem Top.

… und am Energiemarkt?

Dort nähern wir uns einem solchen. Denn das Niveau der Hysterie hat inzwischen gigantomanische Ausmaße erreicht. Der Markt verhält sich inzwischen so, als ob 150 Dollar je Barrel Öl unvermeidbar wären…

… wir brauchen nur zwei, drei solche Tage wie heute, mit einem Preisanstieg von zehn Dollar - und schon sind wird da …

… oder auch nicht. Denn solche Tage muss man erst einmal haben. Alleine schon die Tatsache, dass der Preis in den vergangenen Stunden ohne fundamentale Nachrichten so stark zulegte, deutet auf einen Markt hin, der reif ist. Da jedoch weiterhin spekulatives Geld in den Markt fließt, ist vieles möglich. Der letzte Spekulant, der einsteigt, wird jedoch in der Regel zuerst „gekillt“. Und das, obwohl er noch Sekunden vorher felsenfest davon überzeugt war, er habe das sicherste Investment der Welt.

Die Frachtraten für Öltanker sind sehr hoch. Auf der anderen Seite stellten sie selbst vor kurzem die Frage, wo diese Tanker sich befänden, denn an den Abladestationen seien sie nicht zu bemerken?

Das ist einfach: Wer denkt, der Ölpreis werde bald bei 150 Dollar je Barrel liegen, der wird seine voll beladenen Tanker wohl kaum zum Entladen schicken. Der Hafen von South Louisiana hat eine interessante Statistik. Sie zeigt, dass viele Tanker, die ihre Löschung angemeldet hatten, diese Termine verschoben haben.

Das heißt, sie warten vor der Küste auf höhere Preise?

Aber sicher! Wenn Sie davon ausgehen, der Preis werde morgen bei 150 Dollar liegen, so wären sie doch ein Idiot, heute schon zu verkaufen. Da sich alle auf dieselbe Weise verhalten, kommt es zu Engpässen, die den Preis nach oben treiben.

Es gibt Gerüchte, nach denen Israel Iran attackieren wird, bevor die Bush-Regierung aus dem Amt scheidet. Glauben sie daran?

Nein. Es gibt keinen Grund dafür. Falls sich Israel dazu entscheiden sollte, nukleare Potentiale Irans auszuschalten - die das Land tatsächlich nicht hat -, so würde es nicht darüber reden. Man würde es erst erfahren, wenn der Angriff abgeschlossen wäre. Hätte Iran jemals die Möglichkeiten gehabt, nukleare Waffen zu entwickeln, so hätte der Angriff schon vor Jahren stattgefunden.

So besteht nicht die Gefahr, dass die Straße von Hormuz eines Tages plötzlich blockiert werden könnte?

Nein. Wir sehen dass sich die Saudis sehr aggressiv bemühen, die Lage in der Region zu beruhigen. Sie stecken hinter den israelisch-palästinensischen Gesprächen ebenso wie hinter jenen zwischen Israel und Syrien. Die Saudis haben nur ein Interesse: Das Öl im Fluss zu halten und es zu hohen Preisen zu verkaufen, bevor die Welt aus dem Koma erwacht. Sie werden alles tun, um einen Krieg mit Iran zu vermeiden. Iran auf seiner Seite befindet sich in einer internen Krise. Aufgrund riesiger wirtschaftlicher Fehlentscheidungen kann das Land nicht am Ölboom teilhaben.

Glauben sie an den wirtschaftlichen Boom im Nahen Osten?

Sicher, schauen Sie, welche Gelder die Staaten einnehmen. Saudi Arabien nimmt im Moment täglich eine Milliarde Dollar ein. Solche Summen können sie gar nicht in den Binnenmärkten investieren. So werden sie zu maßgelblichen Akteuren an den internationalen Märkten und gewinnen auf diese Weise an wirtschaftlicher Macht.

Ist es denkbar, dass sie mit den Geldern auch Öl-Futures kaufen, um den Preis hoch zu halten?

Möglich ist es. Aber sehr wahrscheinlich kaufen sie amerikanische Aktien. Denn nur so lässt sich erklären, dass sich die amerikanischen Börsen angesichts der Sub-Prime-Krise und ihrer Folgen so gut halten können, wie bisher. Unter normalen Umständen wären die Kurse an den amerikanischen Börsen viel stärker gefallen.

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Siehe auch: www.stratfor.com

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Das Gespräch führte Christof Leisinger



Text: @cri
Bildmaterial: Privat

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