Markttechnik

Die Baisse hat gerade erst begonnen

16. Juli 2008 Wenn noch Restzweifel daran bestanden haben sollten, dass der amerikanische Aktienmarkt in einen Baissezyklus eingetreten ist, dann sind sie in der vergangenen Woche beseitigt worden. Als der Standard & Poor's 500-Index (S&P 500) dem Dow-Jones-Index für Industriewerte gefolgt war und seine zyklischen Tiefs von Januar und März unterschritten hatte, erfüllte er zugleich die gängige technische Definition für eine Baisse, nämlich einen Fall gegenüber dem vorausgegangenen Höchststand von mindestens 20 Prozent. Zugleich ist der Markt aber auch in eine immer krasser „überverkaufte" Lage geraten, die nach der Überzeugung technisch orientierter Analysten nun jederzeit eine kräftige Zwischenerholung bewirken könnte.

Diese Ansicht vertritt auch Robert Farrell, eine Legende unter den Technikern. Er ist nach seiner Pensionierung als Cheftechniker und später als Marktstratege bei Merrill Lynch vor Jahren aus der Öffentlichkeit verschwunden. Nur wenige Eingeweihte wussten, dass er nicht von seinem Metier abgelassen hatte und über Farrell Advisory Associates weiterhin ausgewählte institutionelle Anleger berät. Kathryn Welling vom Broker-Haus Weeden & Co. mit seinem Hauptsitz in Greenwich, Connecticut, konnte als frühere führende Mitarbeiterin des Finanzmagazins "Barron's" Farrell für ein ausführliches Gespräch gewinnen.

Baisse-Zyklus in drei Wellen

Der Techniker zeigt sich, abgesehen von der Möglichkeit einer baldigen Zwischenerholung, überzeugt davon, dass an der Wall Street Baisse herrscht. Er legt dar, dass solche Bewegungen bis zu ihrer Vollendung in drei Phasen verlaufen. Die Welle A stelle nach dem Platzen einer spekulativen Blase oder einer exzessiven Hausse den ersten großen Einbruch dar. In diesem Stadium befinde sich gegenwärtig der amerikanische Aktienmarkt im Allgemeinen und der Finanzsektor im Besonderen. Aus historischer Sicht dauern A-Wellen nach Darstellung von Farrell mindestens zweieinhalb Jahre, immer wieder unterbrochen von Zwischenerholungen. Die Welle B beschere dann eine ausgedehnte Erholung. Der Techniker beschreibt dies anhand des Verhaltens des Nasdaq-Index, der nach dem Platzen der Technologieblase zu Beginn des Jahrtausends in der A-Phase von 5.100 Punkten auf 1.100 Zähler und damit um rund 80 Prozent gefallen sei. In den fünf Jahren danach habe sich der Index auf 3.000 Punkte oder um fast 50 Prozent erholt (B-Welle), nur um dann wieder auf Talfahrt zu gehen und in die C-Welle einzutreten. Farrell verweist dabei auf eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Verhalten des Dow-Jones-Index zunächst zwischen 1929 und 1932, als dieser innerhalb von zwei Jahren und neun Monaten um 89 Prozent gefallen sei. Von 1932 bis 1937 habe der Index 50 Prozent des Terrainverlusts wieder wettgemacht, nur um dann in die wieder abwärtsgerichtete C-Welle einzutreten, die Jahre dauern könne. Zum Ende dieser Welle hin würden Aktien wirklich billig, doch dann kümmere sich niemand mehr darum.

Farrell, der als bekennender Techniker auch nie fundamentale Aspekte außer Acht gelassen hat, versucht das gegenwärtige Geschehen an der Wall Street in eine langfristige Perspektive einzuordnen. Er vermutet, dass die Finanzmärkte nun ganz allgemein eine etwa zwei Generationen währende Phase des Schaffens und Nutzens von Krediten hinter sich haben könnten. Als die Wirtschaft besonders in Amerika Ende der vierziger und zu Beginn der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in eine Periode nachhaltigen Wachstums eingetreten sei, habe in Erinnerung der großen Depression der dreißiger Jahre praktisch niemand über seine Verhältnisse gelebt und Schulden aufgenommen. Gerade dies wäre aber wegen der steigenden Preise für Vermögenswerte der richtige Zeitpunkt gewesen, mit der dem Fremdkapital eigenen Hebelwirkung zum Beispiel Aktien zu kaufen.

Kommt eine Dekade unterdurchschnittlicher Renditen?

In den Jahren bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts sei die allgemeine Scheu vor Schulden beständig geschwunden, bis sich letztlich Privatleute ebenso wie Unternehmen massenhaft der Hebelwirkung von Krediten bedient hätten. Und dann seien noch die Finanzderivate geschaffen worden, die noch mehr Hebelwirkung eingebracht hätten. Dies sei dann das Stadium gewesen, in dem sich jede Furcht vor Schulden verflüchtigt habe, und das vor dem Hintergrund immer höherer Erwartungen in die Gewinnträchtigkeit von Finanzanlagen. Farrell bezeichnet diese Phase als Periode, in der verschuldete Anleger und Unternehmen am stärksten enttäuscht werden könnten und daher zur Kapitulation bereit seien. Er glaubt nicht, dass die gegenwärtige Kreditkrise rasch schwindet und dass dann nach einem größeren Abbau der Verschuldung bald wieder zur gewohnten Tagesordnung übergegangen werden kann. Vielmehr argwöhnt er, dass an der Wall Street mindestens eine Dekade unterdurchschnittlicher Gesamtrenditen angebrochen sei.



Text: hi., F.A.Z.
Bildmaterial: FAZ.NET

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