17. Juli 2008 Mit massiven Kursgewinnen erholen sich die internationalen Finanzwerte seit zwei Tagen vom Kursdesaster der Wochen zuvor und beflügeln mit dem Stimmungswandel die Börsen generell.
Marktteilnehmer leiten den kurzfristigen Kursaufschwung aus Meldungen wie die von Wells Fargo und J.P. Morgan Chase & Co ab. Wells Fargo wies am Mittwoch im zweiten Qaurtal zwar einen Gewinnrückgang um 23 Prozent auf 1,75 Milliarden Dollar für das zweite Quartal aus. Pro Aktie verdiente das Institut aber mit 53 Cent vier Cent mehr als erwartet. Die Aktie schoss um 32,8 Prozent in die Höhe.
Massive Kursgewinne bei europäischen und amerikanischen Finanzwerten
J.P. Morgan Chase hat im zweiten Quartal ebenfalls einen Einnahmen- und Gewinnrückgang verzeichnet. Die Einnahmen seien auf 18,40 Milliarden Dollar zurückgegangen, das Nettoergebnis auf 2 Milliarden Dollar, teilte die amerikanische Investmenbank am Donnerstag mit. Je Aktie lag der Gewinn damit bei 0,54 Dollar. Im Vorjahreszeitraum hatte J.P. Morgan einen Gewinn je Aktie von 1,20 Dollar und Einnahmen von 18,91 Milliarden Dollar verbucht. Analysten erwarteten einen Gewinn je Aktie von 0,44 Dollar und Einnahmen von 16,64 Milliarden Dollar.
Insgesamt sind die Zahlen durchaus schlecht, aber besser als das, was die Anleger in den vergangenen Wochen befürchtet hatten. Das führte dazu, dass die Aktien amerikanischer Finanzwerte am Mittwoch die gewaltigsten Kursgewinne seit Jahrzehnten verbuchen konnten, allen voran die Papiere von Wells Fargo. Am Donnerstag legen die Finanzwerte im europäischen Handel weiter zu. Die Papiere von J.P. Morgan liegen am Mittag mit einem Plus von knapp elf Prozent bei 23,76 Euro, die Aktien der Commerzbank legen um 8,6 Prozent zu und die der beiden Schweizer Großbanken Credit Suisse und UBS ebenfalls mehr als acht Prozent.
Rasch könnte der Eindruck aufkommen, die noch zu Wochenbeginn die Nachrichten dominierende Finanz- und Wirtschaftskrise sei vorbei. Das jedoch könnte sich ebenso rasch als Irrtum erweisen. Denn ein Blick auf die Marktdaten zeigt, wieso die Aktien der Banken und anderen Finanzunternehmen so rasch und so deutlich nach oben laufen können: Sie waren in den vergangenen Wochen in Spekulation auf fallende Kurse massiv leer verkauft worden. Das heißt, Anleger hatten sich die Papiere ausgeliehen und sie massiv auf den Markt geworfen.
Technische gegen fundamentale Gründe
Das Verhältnis zwischen der Anzahl der leer verkauften und der insgesamt umlaufenden Papiere erreichte bei einzelnen Werten wie MBIA Werte von bis zu knapp 55 Prozent. Bei den Papieren von First Horizon und Washington Mutual lag das Verhältnis zwar darunter, war allerdings hoch. Für europäische Aktien sind solche Zahlen leider nicht verfügbar. In den vergangenen Jahren griff jedoch auch hier die Praxis, phasenweise auf fallende Kurse oder zumindest marktneutrale Strategien zu setzen immer weiter um sich. Auf diese Weise lassen sich die gewaltigen Kursbewegungen erklären, die kurzfristig auftreten können. Sie können ausgelöst werden von Meldungen, nach welchen Leerverkäufe in bestimmten Papieren sozialistisch reguliert werden (siehe auch: Leerverkäufer im Visier der SEC).
Sollte sich der Kursauftrieb jedoch verstetigen, so scheint zumindest alleine schon aus markttechnischen Gründen eine mehrwöchige Erholungsbewegung denkbar sein. Denn sobald Trends entstehen, springen so genannte Trendfolgesysteme auf die Kursbewegung auf und verwandeln sie in einen sich laufend selbst bestätigenden Prozess.
Mit fundamentalen Überlegungen hat das jedoch wenig zu tun. Denn die Fundamentaldaten haben sich in den vergangenen Wochen eher verschlechtert als verbessert. Angesichts der Misere, die von den angelsächsischen und vom spanischen Immobilienmarkt ausgehen und die zusammen mit den hohen Nahrungsmittel-, Energie- und Rohstoffkosten den Konsum beinahe weltweit beschneiden, sind die Wachstumsaussichten allenfalls unterdurchschnittlich.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @cri
Bildmaterial: AP, FAZ.NET