Volkswirtschaft

Warum Finanzkrisen unvermeidlich sind

Von Martin Hock

Finanzkrise: Casino oder Normalität des Kapitalismus?

Finanzkrise: Casino oder Normalität des Kapitalismus?

30. September 2008 Für Kapitalismuskritiker ist die derzeitige Finanzkrise ein gefundenes Fressen. Sie erneuern ihre Kritik am Kapitalismus, der letztlich nicht lebensfähig sei und schlussfolgern aus der Intensität der Probleme, das Ende des Systems sei nun gekommen.

Tatsächlich aber sind Finanzkrisen ein nicht weg zu denkender Bestandteil der Geldwirtschaft kapitalistischer Prägung. Der Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger hat allein zwischen 1772 und 2000 44 Finanzkrisen gezählt (Manias, Panics, and Crashes: A History of Financial Crises, 5. Auflage 2005; deutsch: Manien, Paniken, Crashs. Die Geschichte der Finanzkrisen der Welt , 3. Auflage 2001).

Bankkredite: Boomauslöser und Krisenursache

Er folgt in seiner Analyse dem Modell des Finanztheoretiker Hyman Minsky, der das Zustandekommen jeder Krise mit einer „Verschiebung“ im Vorfeld erklärt. Es kann sich um den Ausbruch oder das Ende eines Krieges handeln oder eine Erfindung mit tiefgreifender Wirkung, wie etwa des Internets oder auch eine unvorhergesehene Änderung der Finanzpolitik.

Gleichgültig, um welchen Auslöser es sich handelt, so ist die Folge, dass sich mindestens in einem bedeutenden Wirtschaftssektor die Gewinnaussichten bedeutend verbessern, Kapital wird umgeleitet, ein Boom beginnt.

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Manias, Panics, and Crashes: A History of Financial Crises
von Charles P. Kindleberger, Robert Z. Aliber
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Minsky geht davon aus, dass sich dieser Boom durch eine Ausweitung der Bankkredite speist. „In jedem beliebigen Bankensystem können die Geldmittel jederzeit vermehrt werden, nicht nur innerhalb des existierenden Bankwesens, sondern auch durch Gründung neuer Banken, durch die Entwicklung neuer Kreditinstrumente und durch die Ausweitung der privaten Kredite außerhalb des Bankensystems“, schreibt Kindleberger.

Der verdeckte Pferdefuß

Es ist nicht zu übersehen, dass es dieses Wachstum in den vergangenen Jahren gegeben hat (vgl. Die Geldmenge wächst im Rekordtempo). Dabei spielten die niedrigen Leitzinsen eine Rolle, doch viel bedeutender scheint die Konstruktion neuer Finanzderivate gewesen zu sein, eben jene „Entwicklung neuer Kreditinstrumente“. Die Instabilität dieser Art der Geldvermehrung liegt auf der Hand.

Steigt die Nachfrage nach den entsprechenden Vermögenswerten, steigen deren Preise, so wie es auf vielen Immobilienmärkten der Welt der Fall gewesen ist (vgl. Weltweite Immobilienblase bedroht Konjunktur und Rentenmärkte). Es entstehen neue Profitchancen, die weitere Investoren locken. Gleichzeitig nährt dieser Boom das Wachstum, was ihn so gefährlich macht, da sein Pferdefuß oft zu spät erkannt wird.

Euphorie, Overtrading, Manie

Nunmehr befinden sich die betroffenen Märkte schon im Zustand der Spekulation: Kauf erfolgt zum Wiederverkauf, nicht zum Gebrauch oder zur Gewinnabschöpfung, wie etwa auf dem spanischen, britischen und natürlich amerikanischen Immobilienmarkt. Die Spekulation wird zur Euphorie, die durch die Überschätzung der Gewinnmöglichkeiten und der Hebelwirkung gekennzeichnet ist. Der Eigenkapitaleinsatz wird geringer, Firmen oder Haushalte ahmen die Spekulation nach, „so wie die Affen im Zoo menschliche Grimassen nachahmen“. Aus der Euphorie wird eine Manie, auch als „Spekulationsblase“ bezeichnet.

Der Zustand der Euphorie, auch als „Overtrading“ bezeichnet, pflanzt sich auch international fort. Zum einen dank der Liquidität der Vermögenswerte. Hier spielte in den vergangenen Jahren die zunehmende Globalisierung des Finanzsystems eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Internationale Ansteckung

Darüber hinaus dienen die Außenbeziehungen als Multiplikator. Während im einen Land die Kreditmenge ausgeweitet wird, steigt in anderen Ländern die Geldmenge über die Ausweitung der Devisenreserven, so wie es in vielen Schwellenländern der Fall gewesen ist.

Mit steigenden Zinsen setzen di ersten Verkäufe ein, die Märkte beginnen zu driften. Die Anleger werden sich ihrer Verbindlichkeiten bewusst, und beginnt sich um ihre Liquidität zu sorgen. Die Kurse und Preise beginnen zu bröckeln, die ersten Kreditnehmer werden zahlungsunfähig. Die Folge ist der Umschwung, die von einem Preisverfall betroffenen Vermögenswerte werden nicht mehr als Sicherheiten akzeptiert, sie befinden sich im wahrsten Sinne des Wortes im Misskredit.

Erst wenn der Kurs- und Preisverfall weit genug gegangen oder die Märkte zusammengebrochen sind, kann die Abwärtsentwicklung von selbst ein Ende finden. Oder aber, es gelingt dem letzten Kreditgeber, „den Markt davon zu überzeugen, dass genügend Geld zur Verfügung stehen wird, um den Bedarf zu decken“. Das versuchen die Notenbanken immer noch, bislang mit geringem Erfolg (mehr dazu: Wege aus der Finanzkrise).

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Buchtitel: Manias, Panics, and Crashes: A History of Financial Crises
Buchautor: Charles P. Kindleberger, Robert Z. Aliber

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